... wenn man trotzdem lacht

Mittwoch, 30. Juli 2014

»Man hat manchmal das Gefühl, die einzige Verfassung, die unsere Parteien wirklich interessiert, ist ihre eigene finanzielle.«

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Ach, läge Bremen nur am Rhein und Kiel an der A9!

Dienstag, 29. Juli 2014

Nordlichter, zieht euch warm an! Was auf europäischer Ebene von Nord nach Süd geschieht, will Bayerns Finanzminister Söder im Inneren vom Süden in den Norden transportieren. Er fordert »einen Solidarpakt nach EU-Vorbild«. Dabei ist das Modell des Fiskalpakts vieles, aber sicher nicht solidarisch.

Tja, liebe Bremer, Schleswiger und Holsteiner, euch hat Söder im Blick. Weil er den Länderfinanzausgleich für eine ausgewiesene Ungerechtigkeit gegenüber jenen Ländern ansieht, die für strukturschwächere Länder aufkommen müssen, will er das ganze Konzept hellenisieren. Möchte er also den Begriff von Solidarität neu definieren: Wer erhält, der soll bluten. Beim Christsozialen klingt das natürlicher hübscher. »Leistungsanreize setzen und Auflagen zulassen« nennt er dieses Prinzip, das in Griechenland, Portugal und Spanien drastische gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zog. Nur so könne man dort Reformen erzwingen.

Steigt dann auch in Bremen die Selbstmordrate? Nehmen HIV-Erkrankungen zu und werden notwendige Medikamente knapp? Erhöht sich in Schleswig-Holstein die Zahl der Totgeburten? Wieviele bleiben ohne Sozialleistungen, ohne Krankenversicherung, ohne Job? Wohnen dann wieder mehr Mittvierziger bei den Eltern, weil sie sich ein eigenes Leben nicht mehr leisten können?

Vielleicht will es Söder nicht ganz so derb. Unter Deutschen muss ja ein Mindestmaß an Sittlichkeit gewahrt werden. Das merkt man schon an der Sprache. Griechen waren für diese Sorte von Politikern ja faul, lebten ein nicht mehr zeitgemäßes Leben oder hingen in der Hängematte herum. So spricht man aber nicht von Norddeutschen. Das tut man einfach nicht.

Doch warum nicht anregen, die dortigen Kommunen weiter schleifen und Renovierungen von Kindergärten oder den Haushalt für Stadtbüchereien auszusetzen? Wer Tranchen vom Rettungspaket aus Bayern erhält, der muss schließlich beweisen, dass er gewillt ist, irgendwo Gelder einzusparen. Die Austerität klappt ja auch in Griechenland so fein. Weshalb nicht an der Weser?

Dieser Mann fordert die Auflösung eines Solidarbegriffs, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Europa entstand. Die neue Solidarität ist eine Pistole, die man vorhält. Strukturausgleiche werden zu Erpressungsversuchen. Monika Maron schrieb in einem kurzen Aufsatz, dass die Westdeutschen ihr »eigenes Wohlergehen nur noch als eine gerechte Folge ihrer ehrlichen Arbeit ansahen, nicht aber auch als einen geographischen Glücksfall. Läge Schwaben an der Oder, läge Leipzig am Rhein«, dann hätte es vielleicht mehr Proteste in Stuttgart als in Leipzig gegeben.

Die Passage beschreibt in etwa, warum es Ausgleichsfonds gibt. Sie sind nicht etwa unsolidarisch, sondern eben der Ausgleich für unausgeglichene Bedingungen. Läge Kiel an der A9 als Ausgangsbasis für den Handel in alle europäischen Himmelsrichtungen, wäre Bremen im Dreieck zwischen Rhein, Main und Neckar entstanden und müsste sich nicht mit der wirtschaftlich wesentlich uninteressanteren Weser begnügen, dann sähe manches anders aus. Die Gnade der strukturell begünstigten Geburt sollte man nie mit »ehrlicher Arbeit« verwechseln. Die tun nämlich auch andere und kommen auf keinen grünen Zweig.

Wer Standortnachteile jetzt auch noch mit Austeritätskriterien versehen will, gerade so, wie wir es in Griechenland beobachten konnten und noch können, der verschärft diese Unausgeglichenheit drastisch. Der will ein Gemeinwesen als einen öffentlichen Raum deklarieren, den sich die Mehrheit nicht mehr zu betreten leisten kann. Söder will keinen neuen Solidarpakt, sondern die Entsolidarisierung nun auch im Inneren.

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Was nochmals gesagt werden muss

Montag, 28. Juli 2014

Die Debatte über den »neuen Judenhass« ist natürlich notwendig und richtig. Wer auch immer »Ab ins Gas!« oder solcherlei Parolen skandiert, der gehört juristisch verfolgt. Die Sorge um die Formierung dieses »neuen Antisemitismus« darf aber nicht dazu führen, Kritik an der Außen-, Siedlungs- und Kriegspolitik Israels im Keime zu ersticken.

Gleich mal eines vorweg: Dieser Antisemitismus wird nicht nur von Palästinensern und Arabern auf deutsche Straßen getragen. Auf einem »höheren Niveau« ist er seit Monaten auch das Thema einer Splittergruppe, die die Mahnwachen für den Frieden für sich vereinnahmt. Die Rädelsführer empfehlen nicht Gas, geben aber zu bedenken, dass die Welt ein von den Rothschilds und ihrer Federal Reserve geführter Laden ist. So gestaltet man Antisemitismus, der nicht nur den Pöbel ansprechen, sondern auch einen »gewissen intellektuellen Anspruch« haben soll. Das ist die Avantgarde dieses Milieus, die das »Gerücht über die Juden« (Adorno) bedächtig unter die Leute bringen.

Wenn man jetzt jedoch allerlei Kommentare liest, die vorm »neuen Judenhass« warnen, dann entnimmt man diesen Warnungen, dass es sich um Moslems handle, die ihn nach Deutschland brächten. Das ist wie gesagt Unsinn! Sie sind nicht die einzigen Gruppe, die antisemitische Positionen vertritt. Zur oben genannten Gruppe kommen die üblichen Verdächtigen aus dem rechten Parteienspektrum. O-Ton Mahler, damit wir nicht vergessen, dass es diese Leute auch noch gibt: »Der Jude trachtet danach, sich zum Fürsten seiner Herren zu machen. Trachtet danach, die Weltherrschaft zu erlangen.« Und dann denken wir kurz an dessen Kameraden Voigt, der von einem Wahlplakat lächelte, über ihm Slogan »Gas geben!«. Und ja, ganz klar, dann gibt es da leider auch noch einige Linke, die Kritik an israelischer Politik mit Hetze verwechseln oder zumindest affirmativ mitmarschieren wo Hetzer zugange sind. Doch nicht alles was aus dem linken Spektrum zu dieser Sache kommt ist auch gleich antisemitisch. Da gibt es qualitative Unterschiede. Ich komme gleich darauf zurück.

Eine sachliche Kritik an Israel ist dringend notwendig. Sie darf sich nicht von der allgemeinen Hysterie mundtot machen, darf sich gleichfalls nicht zu abstrusen »Grundsätzlichkeiten zum Juden« hinreißen lassen. »Was gesagt werden muss« nannte Grass so eine in Prosa gepackte Kritik. Israelische Politik nicht kritisieren zu können, »[empfand er] als belastende Lüge / und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt / sobald er mißachtet wird / das Verdikt ›Antisemitismus‹ ist geläufig.«

Was man jetzt alles so hört und liest! Ausgewogen ist davon wenig. Die einen sagen, Israel sei der Faschismus von heute. Und andere winken ganz im Gegenteil ab und finden, dass sich Israel wohl selbst schützen dürfe. Ist das alles so einfach? Verdammt nein, Israel ist kein Land, das dem Deutschland der Nationalsozialisten gleichkomme. Und Leute nein: Israel übt auch nicht einfach nur Selbstverteidigung. Auf allen Seiten lediglich diese simplifizierende Einseitigkeit. Man kann doch wohl sagen, dass diese Vergeltung der israelischen Armee Ansätze eines Völkermordes zeigt, ohne gleich feststellen zu müssen, dass das ganz genauso wie damals bei Hitler ist. Neulich las ich einen beispielhaften Kommentar. Da schrieb jemand, dass dieser neue Hass einen neuen Holocaust denkbar mache. Man kann auch übertreiben. Diese Geschichte wird sich nicht mehr so wiederholen. Das heißt aber freilich nicht, dass der Antisemitismus überwunden ist.

Und was soll bitte diese Aussage, die man gelegentlich hört und die mir letztens wieder begegnet ist? Da sagte mir einer, dass die Juden doch eigentlich gelernt haben müssten, wie es sei, unterdrückt zu werden? Wieviel Selbstgefälligkeit steckt denn bitte in dieser These? »Jude, haben wir dich nicht ordentlich erzogen?« Das klingt ja, als sei die Shoa nur eine Erziehungsmaßnahme gewesen. Man könnte auch gleich fragen: »Seid ihr denn immer noch nicht geläutert? Was muss denn noch mit euch angestellt werden, damit ihr bessere Menschen werdet?« Was für eine sagenhafte Dummheit, solche »moralischen Geschütze« aufzufahren. Israelis sind doch theoretisch keine besseren Menschen und Israel ist nicht eigentlich eine bessere Gesellschaft, weil man im kollektiven Gedächtnis die leidvollen Erfahrungen des Holocaust mit sich führt. So wie die Deutschen nicht automatisch frei von Antisemitismen sind, weil sie dieselbe Erfahrung von der anderen Seite gemacht haben.

Gleichwohl ist ein Wink auf die Moral aber natürlich notwendig. Sie darf nur nicht als gönnerhafter Onkel oder enttäuschter Erzieher daherkommen. Trotzdem: Das was den Menschen im Gazastreifen widerfährt, ist das Resultat einer politischen Entscheidung, die bar jeglicher Moral exekutiert wurde und noch wird. Welcher Ethik folgt es denn bitte genau, wenn man einer Mutter drei Kinder nimmt, wenn man ein Krankenhaus unter einen Bombenteppich legt und Ehemänner und -frauen in die Witwenschaft bombt? Weichen so die verhärteten Fronten auf? Man muss verstehen, dass man inmitten von Staaten, die man mit gewisser Berechtigung als Feinde wahrnimmt, leichter unter Zugzwang gerät, möglicherweise auch überreagiert. Dieses Israel hat wahrlich kein leichtes Los. Und nur selbstverantwortlich ist man für diese Situation nun auch wieder nicht. Es gehören immer zwei dazu. Aber all das kann unter den Gesichtspunkten von Menschenrechten keine Ausrede sein. Das kann es erklären, nicht aber entschuldigen.

Noch so eine Sache, die wahnsinnig stört dieser Tage: Wieso zum Henker geht es eigentlich jetzt ständig um Juden? Warum nicht um Israelis? Wenn das Statistische Bundesamt den Stromverbrauch pro Kopf errechnet, dann liest man in den Zeitungen doch auch, dass »jeder Deutsche« so und so viel Strom im Jahr verbrauche. Hat man schon mal gelesen: »Katholiken und Protestanten verbrauchen fast 1800 KWh im Jahr«?

Aber nicht alles ist wirklich Antisemitismus. Der Begriff ist zu einer Keule geworden, die Linke wie Rechte gleichermaßen schwingen. Manchmal berechtigt. Manchmal auch nicht. Dann machen sie trotzdem auf ungeheuer empört. Denn es geht nicht um Erkenntnis, sondern um Instrumentalisierung. Beispiel: Vor einigen Jahren gab es einen Boykottaufruf gegen israelische Früchte. Denn bei israelischen Früchten handele es sich um Blutobst. So wollte man eine neue Siedlungspolitik in Israel erzwingen. Einige linke Ortsgruppen schlossen sich dieser Aktion an. Prompt hagelte es Kritik und Vergleiche: Dieser Boykott sei so wie damals, schimpften einige, als es hieß: »Kauft nicht beim Juden!« Geht es vielleicht mal eine Spur weniger reißerisch? Man musste ja nicht für diese Maßnahme sein. Aber antisemitisch war sie sicherlich nicht. Nicht alles was von der politischen Linken an Kritik an Israel kommt, ist eben auch Antisemitismus. Aber wenn man ehrlich ist, dann gibt es auch Linke, die nur mit eindimensionaler Sehfähigkeit ausgestatten sind, die die palästinensische Seite glorifizieren und die jüdische diabolisieren und so einem Antisemitismus frönen, der zwar nicht rassistisch bedingt, wohl aber erzieherisch motiviert ist.

Man sollte dieser Tage nicht so viel von Juden, wohl aber von Israel sprechen. Ohne falsche Hinwendungen. Ohne falsche Schlussfolgerungen und Pathologisierungen. Aber auch ohne falsche Scham. Die Angriffe, die Israel fährt, sie dürfen nicht im Orkus der Empörung über den »neuen Antisemitismus« verschwinden. Da werden Kriegsverbrechen begangen. Nicht von Juden. Von Menschen. Mit israelischem Pass. Man hat die westlichen Armeen in Afghanistan und Irak ja auch nicht als christliche Streitkräfte bezeichnet. Zufällig waren sie trotzdem vornehmlich Christen. Die israelische Siedlungspolitik indes ist das Vorspiel dieser Kriegsverbrechen mit Baggern und Abrissbirnen. Man ist kein Antisemit, wenn man da auf Menschenrechte verweist. Man ist es aber, wenn man hämisch abwinkt und sagt: »Das ist die jüdische Art.« Ich befürchte nur, die Empörung der Stunde wird jegliche Kritik an Israel gleichstellen. Alles Antisemiten! Und nein, verdammt, das ist kein Plan von den Rothschilds, um die israelische Politik für sakrosankt zu erklären.

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Als die Faschisten die besseren Menschen im gegnerischen Strafraum waren

Freitag, 25. Juli 2014

Ich hatte eben erfahren, dass man mich im Rahmen des Sozialplans entlassen würde, da kam Krieglbauer zu mir. »Ich habe es gerade gehört«, sagte er mir mit kollegialer Anteilnahme. Krieglbauer war Vorarbeiter. Und keine Leuchte.
   »Tja, Scheiße.« Ich gab mich wortkarg. Arbeitete weiter vor mich hin, ohne genau zu wissen, was ich tat. Jedenfalls hatte ich eine Bügelmessschraube in der Hand.
   »Nicht aufgeben«, rief er und ballte die Faust wie ein Dutschke der Werkstätten. Dann ging er weg.
   Einen Tag später beanstandete er meine Lustlosigkeit. In der letzten Spätschicht hätte ich mein Soll nicht erfüllt. Er las mir die Leviten: »Schau dir den Carsten Jancker an, der macht immer weiter und kämpft. Du musst deine Situation wie ein Fußballspiel sehen. Kämpfen. Machen. Wer aufgibt, geht als Verlierer vom Platz.«
   Seine Ansprache empörte mich. Sah ich aus wie ein Kicker? Rechnungen, die ich nicht mehr begleichen kann, sind kein verlorenes Punktspiel. So ein Unsinn. Wer hat dem Krieglbauer je erzählt, er wäre qualifiziert, seine Umwelt zu erbauen? Ich wusste ja, dass seine Welt ein Ball ist. Ein anderes Thema hatte er ja nicht. Die Bayern waren seine ganze Freude. Aber meine miese Situation mit solchen Mätzchen zu entweihen, das machte mich sauer.
   »Mann, verpiss dich!« Mehr fiel mir in diesem Augenblick nicht mehr ein. Er guckte doof und zog ab.
   Das war natürlich zu schroff. Der Mann war ja an sich kein übler Kerl. Aber dass er mich dann auch nie mehr zu motivieren versuchte, gab meiner Schroffheit rückwirkend Berechtigung. Der Zweck heiligte die Mittel. Ausnahmsweise.

Mir begegnete dieser Vergleich von Leben und Gesellschaft mit dem Fußball zu jener Zeit nicht zum ersten Mal. Schon in der Schule hatten wir einen Rektor, der uns die Gesellschaft in der Sozialkunde wie ein Sportmoderator kommentierte. Und letzte Woche dann las ich einen Text, der mich an Krieglbauer und an den Rektor erinnerte. Er war so voller Narrheiten, dass es schwer ist, darüber hinwegzugehen. Ich habe ihn schon letzte Woche kurz gestriffen.

Deniz Yücel sublimiert diese allgemeine sportive Interpretation des alltäglichen Lebens in eine profane Transzendenz. Er sagt nicht einfach, dass wir uns alle ein Beispiel an der Einsatzbereitschaft nehmen müssen, sondern macht uns im Grunde das Gegenteil weis: Moderne Staaten, Systeme, Gesellschaften, wie immer man das nennen will, brächten erfolgreiche Mannschaften hervor. Er behauptet insofern das Gegenteil von dem, was Krieglbauer meinte. Oder sagen wir, er spricht die Bedingtheit von Mannschaftssport und Gesellschaft an.

»Deutschland wurde Weltmeister, weil es sich modernisiert hat. Weil dieses Land ein anderes, ein besseres ist«, behauptet Yücel. Diese zwei Sätze sind seine zentrale Botschaft. Er bezieht das vor allem darauf, dass Deutschland heute ein weltoffeneres Land sei, in dem rassistische Reflexe nicht mehr wirken. Hat er die NSU vergessen? Die typischen Affekte der Menschen gegenüber Roma und Osteuropäer? Die Kampagnen konservativer Gazetten und Parteien? Alternative für Deutschland? Hat Yücel im Taumel nicht an sie gedacht? Überhaupt könnte man Yücels Einsicht auch anders lesen, denn er schreibt unter anderem auch: »Vielleicht ist es Merkel-Deutschland, das Weltmeister geworden ist. [...] Anfang des Jahrtausends hatte man den Anschluss verloren.« Meint er speziell den letzten Satz jetzt bezogen auf den Fußball oder die Gesellschaft? Wahrscheinlich beides. Letztlich war die Agenda 2010 also richtig? Denn sie hat uns nicht nur Hartz IV eingebrockt, sondern auch den DFB zum Weltmeister gemacht.

All das ist Unfug, der aber in der Stunde des Triumphs gut ankommt. Mit etwas mehr Abstand hätte es doch ins Auge stechen müssen, dass da was faul ist. Wenn modernisierte Gesellschaften die Voraussetzung für erfolgreichen Fußball sind und waren, dann muss die Sowjetunion in den Sechzigerjahren eine durch und durch moderne Gesellschaft gewesen sein. Jedenfalls besser, als manches, was es im Westen fußballerisch so gab. Zwischen 1958 und 1970 landete das Team bei Weltmeisterschaften immer mindestens im Viertelfinale, 1960 war man Europameister und 1964 und 1972 jeweils Finalist. 1968 reichte es für den vierten Platz. Es gab und gibt fürwahr imposantere Titellisten. Aber ausschlaggebend war, dass im sowjetischen Fußball das Pressing eingeführt wurde. So modern spielte damals niemand anderes. Die Taktik als Spiegelbild der Gesellschaft?

Wenn wir schon dabei sind, die These von der modernen Gesellschaft als Grundlage erfolgreicher Mannschaftsleistungen im Fußball für Unsinn zu entlarven: Die österreichische Nationalauswahl galt gegen Ende der Kaiserzeit bis hin in die Ära des Austrofaschismus als ein »Wunderteam«. Wann war die Gesellschaft moderner? Unter Kaiser oder Schuschnigg? Das faschistische Italien feierte die WM-Titel 1934 und 1938 als Triumph des faschistischen Übermenschen über all die anderen, die in minderwertigeren System lebten. War der Jubel berechtigt? War der Faschist echt der bessere, leistungsfähigere und einsatzkräftigere Mensch? Hat uns 2004 bewiesen, dass die Griechen in einem intakten Gesellschaftskörper lebten?

Gesellschaftliche Sinnsuche im Fußball hat es freilich immer gegeben. Nur vielleicht nicht als solches Massenphänomen wie heute. Als der bayerische Bereichssportführer Oberhuber 1940 als These vorbrachte, dass das Wort vom Angriff, der die beste Verteidigung sei, »seine tiefste Erfüllung und Berechtigung gerade in unseren Tagen erhalte«, da schrieb er dies in eine Zeitschrift namens »Fußball«. Für solchen Unsinn waren die Jünger des Sports offen. Sie haben zu allen Zeiten geglaubt, dass ihr Sport mehr als nur Sport sei, nämlich Abbild und Formgeber der Gesellschaft. Aber diese exegetischen Spagate leistete man für ein Fachpublikum und nicht für die Masse. Yücels Analyse war ja nur einer von ungezählten Texten, die den WM-Titel zu einem gesellschaftlichen Produkt deklarierten, vielleicht auch, um die frohe Kunde vom »Wir sind Weltmeister!« irgendwie zu untermauern. Denn wenn ein modernisiertes Land wie Deutschland, in dem der Niedriglohnsektor und Hartz IV als modern gelten, in dem Lobbyismus wütet und die NSU zwar vor Gericht steht, aber Rassismus weiterhin blüht - wenn ein solches Land titelreif ist, dann ist das wahrscheinlich auch der Sieg des Leiharbeiters und Hartz-IV-Berechtigten, des Lobbyisten und des Rassisten. Unser aller Titel!

Vor einigen Tagen gewannen die Säbelfechter des Deutschen Fechter-Bundes erstmals die Weltmeisterschaft. Die Medien berichteten verhalten. Jenes Morgenmagazin, das eine Woche zuvor verkündete, dass wir Weltmeister seien, meldete: »Die deutschen Säbelfechter haben erstmals die Weltmeisterschaft gewonnen.« Wie? Nur die? Nicht wir alle? Aber diese Säbelfechter sind doch wohl auch das Produkt eines modernen Deutschland. Hat die soziale Schieflage und die Schere zwischen Armut und Reichtum, die immer weiter auseinanderklafft, nicht auch diesen Titel ermöglicht? Yücel, schreiben Sie noch was dazu? Einer muss es doch mal kundtun, dass gutes Säbelfechten von einer modernisierten Gesellschaft ausgeht.

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... und nichts als die Wahrheit

Donnerstag, 24. Juli 2014

Über die Jahrhunderte gab es eine dominierende Definition dessen, was Wahrheit sei. Unsere Epoche scheint sich eine eigene Begriffsbestimmung dazu zu geben: Wahrheit ist demnach nichts mehr Verifizierbares, sondern die Summe aus allen Repetitionen, die über einen Sachverhalt grassieren.

Als »Übereinstimmung des urteilenden Denkens und der Sache« bezeichnete Thomas von Aquin das Wesen der Wahrheit. Das ist die klassische Formel, die man auch »Korrespondenztheorie« nennt, weil sie davon ausgeht, dass gedankliche Vorstellungen und die Wirklichkeit miteinander korrespondieren. Noch Kant verweigert mit dieser Theorie begründend in seiner »Kritik der reinen Vernunft« eine hinreichende Definition des Wesens der Wahrheit. »... die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande [...], wird hier geschenkt, und vorausgesetzt«, schreibt er dort. Diese Sichtweise schwingt in heutigen Erklärungsansätzen noch immer mit. Der »Brockhaus« definiert die Wahrheit zum Beispiel so: »... der mit Gründen einlösbare Geltungsanspruch von Aussagen bzw. Urteilen über einen Sachverhalt.«

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Vielleicht hatte die Vorsehung mit Absicht noch ein bisschen gezögert

Mittwoch, 23. Juli 2014

Joachim Gauck nannte am Wochenende die Gruppe um Stauffenberg ein »Vorbild für den Kampf für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie«. Sie habe uns gelehrt, »dass wir uns nicht mitschuldig machen [sollten], wenn anderen Unrecht geschieht.« Vor einigen Jahren hat Gauck mal die Anne-Frank-Tage eröffnet. Er hätte ihr Tagebuch mal besser lesen sollen.

Es ist zum Narrativ der letzten beiden Jahrzehnte geworden, dass die Widerstandsgruppe um Stauffenberg Repräsentanten eines besseren, humaneren, friedlicheren Deutschlands gewesen seien. Eines Deutschlands, in dem die Wehrmacht nur ein geknechtetes Werkzeug der Nationalsozialisten war, die überrumpelt und wehrlos in einen Krieg geschickt wurde, den sie nie haben wollte. Solange man aber von Sieg zu Sieg eilte, war es mit Widerstand nicht weit her. Auch Stauffenberg, als berühmtester Kopf dieser Gruppe, war da noch einverstanden. Seit Anbeginn war er das bereits. »Als sich die Menge [am Abend des 30. Januar 1933] zu einer Freudenbekundung formierte, um die neue Regierung Hitler zu feiern«, schreibt Robert Gellately in seinem Buch »Lenin, Stalin und Hitler«, »setzte sich ein junger Leutnant in voller Uniform freudig an die Spitze.« Dafür wurde der junge Mann später von seinem Vorgesetzten getadelt. Sein Name: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. »Eine entfernte Verwandte erinnerte sich, dass sie überrascht war, als sie von seiner Beteiligung am gescheiterten Attentat 1944 erfuhr«, berichtet Gellately ebenda, denn sie hielt ihn für »den einzigen richtigen Nationalsozialisten in der Familie«.

Als ihm und einigen Offizieren das Leid der eigenen Volksgenossen gewahr wurde und sie überdies erkannten, dass mit Hitler die Niederlage unabwendbar würde, entschlossen sie sich zu handeln. Diese Leute mögen keine begeisterten Krieger gewesen sein, keine Freunde des heldenhaften Schlachtens, aber wesentlich kritischer waren sie dennoch nicht. Stattdessen verwiesen sie auf den Ehrenkodex deutscher Soldaten und nahmen aktiv teil an Krieg und Völkermord.

Die Gruppe um Stauffenberg war kein demokratisch gesinntes Widerstandsnest, sondern eine bürgerliche, vornehmlich aus dem Junkertum stammende Riege höherer Offiziere, denen - sobald man Hitler erst mal beseitigt hätte - nicht die Demokratisierung ihres Landes vor dem geistigen Auge vorschwebte, sondern ein Obrigkeitsstaat, der Adel und Eliten bevorzugen sollte. Sozialstaatliche Ideen oder eine Wiederherstellung der Weimarer Verfassung standen überhaupt nicht auf dem Plan. Für sie war der Hitlerstaat ja auch nicht grundsätzlich schlecht, sondern vielmehr ein Staatsgebilde, welches im Kern viel Wahres barg, gerade auch was die Unterdrückung von Minderheiten und sozialistischen Ideen betraf.

»Der beste Beweis ist doch wohl, dass es viele Offiziere und Generäle gibt, die den Krieg satt haben und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken würden«, notierte die 15-jährige Anne Frank kurz nach dem Attentat in ihr Tagebuch, »um dann eine Militärdiktatur zu errichten, mit deren Hilfe Frieden mit den Alliierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach zwanzig Jahren wieder einen Krieg zu beginnen. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bisschen gezögert, ihn aus dem Weg zu räumen.« Die später als Gewissen des »anderen Deutschland« verklärte Gruppe wurde von den damaligen Zeitgenossen also durchaus nicht als Retterin begriffen.

Nein, was sie besorgte waren die negativen Auswüchse, war der Blutzoll, der auf Hitlers Mist erwachsen war - und dort vor allem das Blut der Deutschen selbst; das Blut der Russen, Polen und Juden war nicht in erster Linie Antrieb der Widerstandsbewegung um Stauffenberg, sondern nur indirekt, weil man durch das Abschlachten anderer Völker aussähe wie ein Volk von Mördern. Und um eben nicht wie eine Mörderbande auszusehen, deshalb habe Deutschland den Krieg zu beenden, das Morden zu unterbleiben - und natürlich, damit nicht noch weitere junge deutsche Männer auf den Schlachtfeldern vergeudet würden. Pazifismus war deren Antrieb sicher nicht.

Die Vorläuferbewegung eines demokratischen Deutschlands war sie nicht. Stauffenbergs letzte Worte sollen dem Hochleben des »heiligen Deutschlands« gewidmet gewesen sein; ein demokratisches Deutschland war also nicht sein letzter Gedanke. Seit vielen Jahren schon wird ein eindimensionaler Kult um diese Widerständler betrieben. Stauffenberg als der Kopf wird hierzu als wackerer Held stilisiert, der für deutschen Anstand und deutsches Gewissen steht und für einen gewissen Individualismus im Soldatenrock.

Joachim Gauck hätte Anne Frank lesen sollen. Stauffenberg war ihr zwar nur ein Absatz wert, aber der war realistischer, ausgewogener und weitsichtiger, als die Worte, die der Bundespräsident jetzt dazu formulierte. Und das will schon was heißen. Man kann diesen Männern natürlich gedenken. Aber wenn, dann bitte in aller Ausführlichkeit und ohne hagiographischen Lack. Diese Gruppe lag lange Jahre völlig falsch. Sie bestand aus Mitläufern und (Haupt-)Belasteten, um mal die Kategorisierungen der Entnazifizierung zu bemühen. Man kann nicht mal sagen, dass diese Leute noch die Kurve gekriegt haben. Dazu war es zu spät.

Wahr ist, dass diese Klientel der fruchtbare Boden für den Nationalsozialismus mit all seinen Facetten war. Und das könnte man auch mal sagen.»Vorbild für den Kampf für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie« war die Gruppe hingegen eher nicht. Mal sehen, was Gauck am 9. November über Georg Elser erzählt, wenn sich dessen alleingängerischer Plan zur Beseitigung des Tyrannen zum 75sten Mal jährt.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 22. Juli 2014

»Dennoch sollte man nicht zu viel in die Leistungen, die bei großen Turnieren gezeigt werden, hineininterpretieren. Nur selten gibt es eine weltweit wirklich herausragende Mannschaft, und noch seltener wird diese dann auch noch Weltmeister. Das Beispiel der Brasilianer bei der WM 2002, die ihre Gegner geradezu beiläufig aus dem Weg räumten, ist nahezu einzigartig. Bedenkt man außerdem Brasiliens lethargisches Auftreten in der Qualifikation, erscheint es fast, als wäre Brasiliens damalige Überlegenheit vor allem der Schwäche der anderen Mannschaften geschuldet.«
- Jonathan Wilson, »Revolutionen auf dem Rasen« -

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Und reicht die schönsten Blumen ihr

Montag, 21. Juli 2014

Wir haben Glück gehabt, dass diese Handvoll Journalisten nur ein ordinäres »Happy Birthday, liebe Bundeskanzlerin« anstimmten. Zur Kaiserzeit gab es da ganz andere Liedchen, die man die Untertanen trällern ließ. Da war schließlich auch Feiertag, da konnte man auch mal »Der Kaiser ist ein lieber Mann / er wohnet in Berlin / und wär das nicht so weit von hier / so ging ich heut’ noch hin« singen. Hätte ja auch nicht gepasst, die Kanzlerin war ja in Brüssel.«

Schon am Morgen eröffnete die »Wir sind APO!«-»Bildzeitung« mit einem Reigen von Glückwünschen und von Bildlesern gemalter Kanzlerinnenbilder. Morgenmagazine wünschten alles Gute und hatten Mitleid mit der Jubilarin, die in ihren Geburtstag hinein arbeiten musste. Tja, man will fast »It's A Hard Life« anstimmen. Sogar der junge Aitor, der am selben Tag seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, war an seinem Festtag daheim. Genauso wie Panagiotis, der exakt an jenem Tag auch Sechzig wurde. Wo sollten sie auch sonst sein? Sie haben ja keine Arbeit. Sind arbeitslos. Austeritätspolitik hat also auch Vorteile. Ihnen geht es an ihrem Geburtstag besser als der Kanzlerin.

Egal wo man lauschte, hinsah, blätterte: Ihr Wiegenfest war ein ganz großes Thema. Und nicht nur das. Es scheint ein Akt profaner Volksfrömmigkeit gewesen zu sein. Normale Bürger malten wie gesagt Bilder, bastelten Grafiken, wünschten das Beste, klickten hier, teilten dort, twitterten wo es ging. So geht Kaiser-Geburtstag heute. Und die Leiter dieser kleinen devoten Erbauungsübung stehen nicht mehr auf Kanzeln oder auf Potesten, sie kommen über die virtuelle Wirklichkeit heran, um uns zu sagen: »Die Kanzlerin ist ne liebe Frau / sie wohnet in Berlin / und wär das nicht so weit von hier / so ging ich heut’ noch hin / und was ich bei der Kanzl'in wollt, ich reicht ihr die Hand / und reicht die schönsten Blumen ihr, die ich im Garten fand / und sagte dann: Aus treuer Lieb bring ich die Blumen dir / und dann lief ich geschwind hinfort und wär bald wieder hier.« So ähnlich klang das jedenfalls vor vielen vielen Jahren in einem Land vor unserer Zeit.

Dass diese von van Kampen angeführte Gruppe deutscher Journalisten ihr Ständchen »in Europa« gehalten hat, ist dabei besonders geschmacklos. Gut, dass ein ZDF-Heini dergleichen anleiert, das befremdet nicht mehr sonderlich. In Mainz ist man halt sehr kanzlerös, machte die Frau erst kürzlich zur wichtigsten Deutschen, obgleich sie es nicht wurde. Aber in der Kanzlerinnenrepublik ist die Pole-Position in einer solchen Wertung natürlich das Minimum. Und einer wie van Kampen wird nicht gefeuert, sondern zeichnet sich als der richtige Mann an der Front in Brüssel aus. Man braucht dort Kanzlertreue. Auch wenn sie nicht singen können.

Er und seine kleinlauteren Kollegen suggerierten mit ihrem Auftritt dem Kontinent und der Welt, dass wir in diesem Lande alle nur fröhlich sind, die politische Führung lieben und mit dieser Frau als Regierungschefin so zufrieden sind, dass wir ihr sogar Lieder singen. In Deutschland herrscht Harmonie, könnte man da jetzt ableiten. Volkszufriedenheit. Erst feiern sie den WM-Titel und dann gleich noch den Kanzlerinnentag. Kritiker gibt es nicht mehr. Alle liegen sich in den Armen. Ach Deutschland, du bist so verschmust, so einträchtig. Dort bewirft man Machtmenschen nicht mit Eiern und buht sie aus, dort singt man ihnen was und wird zu dem Heßling, den Heinrich Mann schon in seinem »Untertan« beschrieb. Wenn doch selbst die, die der Obrigkeit mit kühler Distanz begegnen sollten, so warme Worte finden und einen kleinen Geburtstagskult betreiben, dann macht man Europa klar: »Seht her, wir Deutschen stehen zu jener Frau, die ihr diabolisiert.«

Heßlinge krochen an diesem sechzigsten Geburtstag dieser Frau aus allerlei Löchern. Ihr seid noch immer dieselben Untertanen, die schon Wilhelm gratulierten und ihm zu Ehren Festansprachen hielten. Ganz so spießig geht es heute freilich nicht mehr zu. Sie sind besser angezogen, singen andere Lieder. Aber ansonsten seid ihr echt die dieselben verdammten Untertanen! Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, so las man in letzter Zeit oft, manövriere sich der Kontinent schon wieder in ein Dilemma. Nichts gelernt. Hundert Jahre nach Kaiser-Geburtstag erneut eine solche Show. »... das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.«

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Herr Erdmann und die sexuelle Revolution

Samstag, 19. Juli 2014

Heute mal samstags, Erdmann. Und ich mache es relativ kurz. Nicht weil ich keinen Bock mehr hätte und dich abwürgen wollte. Nee, weil du das Ende dieser Folge aus unserer Serie ja offenbar schon kennst. Also lasse ich es weg.

Es ist ja nicht so, dass ich deinen Thesen eine generelle Abfuhr erteilen will. Gar nicht! Ich würde dir sogar attestieren, dass du richtig liegst. Es ist ja ein wenig so wie mit der Neuen Linken von früher, der man in der Theorie ja recht geben musste, aber in der Praxis sah das eben schon wieder ganz anders aus.

Ersetzten wir in unserem Diskurs das Sujet »Kapitalismus« zum Beispiel durch »Sex«, so würde dir eventuell die Rolle eines Günter Amendt zukommen, der für Leute wie Kolle oder Uhse nur Spott übrig hatte, weil er ihre Empfehlungen zur Auffrischung des Sexuallebens zwischen Ehepartnern nur für gymnastische Übungen hielte, die die systematisch begründete verloren gegangene Lust nie wieder beleben könnten. Die klassische Ehe sei nämlich eine repressive Institution und deshalb in Frage zu stellen. Amendt und seine studentischen Anhänger nannten Kolle und Uhse dann auch Scheinliberale ohne revolutionäre Ziele. Sie haben halt Kommerz betrieben und nie was anderes gewollt.

Und in etwa so gibst du dich auf asexuellen Pfaden bei unserem Thema. Schau, Erdmann, seinerzeit berief man sich auch auf Wilhelm Reich, der »grausame Charakterzüge« als Symptom »chronisch sexueller Unbefriedigkeit« attestierte. Befriedigte Menschen seien entspannter, war seine zentrale Botschaft. Der Ruf »Make love, not war« schien damit irgendwie wissenschaftlich fundamentiert zu sein, Ergebnis vieler einleuchtender Analysen. Nur vögelt eben niemand, wenn es an den Krieg geht. Keinem ist danach zumute. Man kann Gauck zwar empfehlen, dass er sich mal ordentlich du weißt schon was. Das provoziert, macht Spaß, schockiert und regt vielleicht manchen zum Nachdenken an. Aber weiter kommt man mit einer solchen in sich schlüssigen Parole halt dann doch nicht, weil sie eben nur in sich schlüssig ist und nicht nach Außen hin.

Du hast recht, das Profitstreben und der Wachstumszwang lassen sich nicht einfach wegreformieren. Du triffst auch ins Schwarze, wenn du sagst, dass jedes Wirtschaften in einer Sackgasse ende, wenn es weiterhin in der Wachstumsfalle sitze. Das sind Einsichten durch Analyse. Und genau für die stehst du ja nach eigenem Bekunden. Analysen hat die Neue Linke wie gesagt auch viele betrieben. Vieles klang logisch, richtig und bestechend. Auf dem Papier. In der Wirklichkeit scheiterten sie an der Wirklichkeit. Ich meine deshalb nicht, dass linke Analysen lediglich Folklore sind. Sie sind notwendig, werfen einen anderen Blick auf die Dinge. Aber sie sind eben auch papiernern. Um bei unserem Vergleich zu bleiben: So richtig die Untersuchung der Ehe als repressive Institution grundsätzlich sein mochte, so ist sie doch ganz offensichtlich in dieser oder ähnlicher Art als »Gemeinschaft exklusiver Zweisamkeit« menschlich, ja vielleicht sogar evolutionär begründet.

Damit will ich nicht den üblichen Käse absondern, den ich sonst so höre. Sätze wie »Der Sozialismus hat nie funktioniert« oder »Die freie Marktwirtschaft entspricht dem Menschen am ehesten«. Das ist Unsinn. Nein, wir leben nicht in der »besten aller möglichen Welten«. Es gibt viel zu viel zu tun. Aber wir werden aus der Spirale einer Wirtschaft, die sich qua Profit und Wachstum speist, auf absehbare Zeit nicht ausbrechen können. Wenn das der Mensch denn je kann und wird. Aber die Politik könnte und müsste im optimalen Fall die Rolle des Wächters übernehmen, Grenzen markieren, die Dynamiken bremsen. Sich von Wirtschaftsinteressen entfernen und verallgemeinernd gesagt: Reformen schmieden, umsetzen und einhalten.

Dann ist das daraus entstandene System sicher nicht krisenfest. Es wird auch an Grenzen, vor allem an Wachstumsgrenzen stossen. Irgendwann. Früher oder später. Wir werden trotz vieler kluger Analysen nichts finden, was die Zeiten überdauert. Und ohne Revolution ... an dieser Stelle breche ich, du kennst das Ende ja, werter Erdmann. Weil ich dich schon mal an der Strippe habe: Wer hätte gedacht, dass aus uns zwei Vögel nochmal Weltmeister werden! Gratuliere.

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Oh ja, ihr seid ja wirklich richtige Weltmeister

Freitag, 18. Juli 2014

Was für ein Wochenbeginn. Weltmeisterlich. Wahrlich. Und so voller journalistischer Weltmeisterleistungen. Christian Eichler von der »Frankfurter Allgemeinen« zum Beispiel, der schrieb über den »deutschen Gladiator«, der mit »Blut im Gesicht« auch »für die Brasilianer gespielt« habe. Und weil er noch mehr metaphysische Vergeistigungen des Kicks vorrätig und Tinte übrig hatte, schrieb er noch etwas vom deutschen »Schauwert [...] und der Haltung bei Sieg und Niederlage«, die nun zum »von aller Welt bewunderten Maßstab geworden« sei. Mensch, der deutsche Maßstab für die Welt ist doch das Mindeste. Das ist ein teutonisches Naturrecht.

Arnulf Baring sah das in der »Bildzeitung« ganz ähnlich. Und weil der Mann keine Ahnung vom Fußball hat, macht er, was alle machen, die keine Ahnung vom Fußball haben: Sie interpretieren Sportereignisse um und machen eine Art politische Botschaft daraus. Zwangsläufig folgt daraus ein Wust an Erbauungssatzbausteinen: Wir alle könnten uns nämlich ein Beispiel an »Schweinsteiger, Müller und die anderen« nehmen. Ich werde daran denken, wenn ich mich am Montag wieder ausbeuten lasse. Und dann wurde Baring noch mal traurig: »Deutschland ist wenigstens im Fußball wieder eine Großmacht.« Schade, oder? Nur noch beim Kicken. Verräterisch, wenn ein oller Geschichtenerzähler gleich mit Wörtern wie »Großmacht« um sich wirft. Das kann man auch nur machen, wenn man Fußball wie Politik und Krieg wie die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln wahrnimmt.

Das Meisterstück schlechthin in Sachen »Transzendierung eines Fußballturniers« hat sich jedoch die »taz« und ihr Sinnsucher Deniz Yücel geleistet. »Höflich, sachlich, dominant« sei die DFB-Elf aufgetreten, die ein modernisiertes Land symbolisiere, »ohne großkotzig zu wirken«. Der gesamte Text liest sich wie eine küchensoziologische Betrachtung. »Deutschland wurde Weltmeister, weil es sich modernisiert hat. Weil dieses Land ein anderes, ein besseres ist.« Alles klar. Selten so gelacht. Ich werde kommende Woche vielleicht noch mal eine Replik dazu liefern. Und natürlich musste die »taz« dann scheinheilig fragen, was Beckenbauer nach dem Titel 1990 schon so selbstsicher verkündet hat: »Über Jahre hinaus unschlagbar?« Warum soll so ein solcher Streich nur über Jahre gelingen? Wieso bitte nicht gleich ein tausendjähriger Streich?

»Heroischer Kampf«, »Schlacht von Maracanã« und »der goldene Krieger« liest man im »Focus«. So eine Sprache hat man zuletzt im »kleinen Hobbit« gehört. »Sie treten und sie schlagen ihn blutig« und deswegen werde Schweinsteiger in die »Fußballüberlieferung [gemeißelt]«. Soll diese schwülstige Wortwahl die »höfliche, sachliche« Dominanz aus der Fassung bringen, mit der diese Elf laut »taz« auftrat? Vielleicht hat der für diesen Text verantwortliche Pierre Winkler auch einfach nur zu viel »Age of Empires« gespielt. Da wird dann aus einem Sportbericht leicht mal ein mediävistisch angehauchter Minnesang.

Dagegen liest sich der Text von Jens Maier fast schon wie eine große Fußball-Analyse, wenn er von der »Schlandtasche« schreibt: »Angela Merkel erschien mit einer schwarz-rot-goldenen Handtasche zum WM-Finale. Wo sie sowas herkriegt und warum alle vom Schick der Kanzlerin schwärmen.« Der Mann hat es drauf, der hat das Spiel verstanden. Es geht bei der Inszenierung von Weltmeisterschaften um Mode, Accessoires, um den Bund zwischen grauer Politik und matschbraun verschmierten Fußballer. Deswegen generierte es beim »Stern« ja auch einen Wirbelsturm im Schnapsglas, weil eine Linke diesen Kult um das »Wir« und die Verweltmeisterlichung von allen Deutschen angriff. Gefruchtet hat es. Bei Facebook habe ich mal verfolgt, wie sich die Leute dort ausließen. So gut wie alle waren sauer auf die Linke. Selbst Leute, die sich selbst als Linke sehen. Was die Frau da mache, las ich öfter, sei einfach nicht mehr links. Links ist dann wahrscheinlich, wenn man sein Land so sehr liebt, dass keine wie auch immer geartete Kritik mehr erlaubt ist. Lass die Idioten mal ihr Land lieben, ich liebe meine Frau.

Man kann Löws Taktik kritisieren. Nicht jetzt freilich. Momentan ist er heilig. Sakrosankt. Bis es mal nicht mehr klappt, dann haben sie es »immer schon gesagt«. Man kann die FIFA anfeinden. Nicht jetzt. Im Augenblick hat man ihr Turnier gewonnen. Aber an die Substanz, an die Wurzel, die Systemfrage quasi, die darf man nicht stellen: Özil ist Weltmeister wie der Bäcker um die Ecke, Lahm ist Titelträger wie ich. »Wir sind Deutschland.« Habt ihr mich nicht gesehen, wie ich am Sonntagabend über den Platz lief? Wie ein junger Gott. Bis mich die Ordner einfingen und aus dem Stadion trugen. Aber das ist ja eine andere Geschichte.

»Konquistadoren aus Alemanha« sah die »Süddeutsche« im Auftreten des DFB-Teams. Aha. Da kann man aber froh sein, dass kein Cortés dabei war, der Tenochtitlán niederbrennen ließ. »Aber siehe da, die neuen Konquistadoren entpuppten sich als nette, weltoffene Menschen.« Herr Burghardt, wie viele Caipirinha hatten sie da schon intus? Normal ist so ein Text ja nicht. »Jetzt sieht es so aus, als seien viele Latinos gerne ein bisschen deutsch.« Hören Sie mal, ist das noch Suff oder einfach nur dieser typische Alemanismo, den vielleicht die Spieler nicht an den Tag legten, dafür aber Leute wie Sie? Und dann diese Verbrämung: Schweinsteiger tanzte mit den Indianern. Ja, vielleicht hat er das. Keine Ahnung. Und daraus dann eine Mär von den »weltoffenen Konquistadoren« basteln, das ist schon dreist. Ich habe ein Foto gesehen, auf dem Spieler des DFB mit Soldaten zu sehen waren, die Maschinengewehr trugen und darunter twitterte einer dieser Geistesgrößen dann, dass sie zumindest sicher seien in Brasilien. Gemeint war damit wohl: Der Mob, der mehr Partizipation forderte, blieb draußen und notfalls würden die netten Soldaten wohl auch schießen. Diese Naivität kann man den Kerlen nicht zum Vorwurf machen. Es sind halt nur Sportler. Keine Philosophen. Also mache man bitte aus ihnen auch nichts anderes als das, was sie sind.

Dieses Thema von den Protesten haben all diese schwülstigen, pathetischen und theatralischen Berichte verbreitenden Gazetten nach dem Turnier auch wieder aufgegriffen. Nicht aggressiv, sondern so zögerlich wie vorher auch. Jetzt fragen sie allesamt, wer jetzt die Rechnung für die Weltmeisterschaft trage. Und dann zeigen sie Bilder aus den Favelas. Während des Turniers schwieg man sich aus. Es lief ja die »Mission: Titelgewinn«, da brauchte man keine Störung. Und nun sind die Leute zu besoffen, um auch nur ein Fünkchen Interesse an solchen negativen Themen zu haben. Und nach dem Rausch flüchten sie dann wieder in ihr offenbar so tristes Leben zurück, sodass sie diese kritischen Meldungen gar nicht mehr mitnehmen. Irgendwann muss ja dann auch mal ein Ende sein mit Fußball, nicht wahr? Dann geht der Ernst des Lebens wieder los und die Favelas sind doch irgendwas mit der FIFA, oder so.

Oh ja, ihr seid wirklich Weltmeister. Allesamt. Fast ausnahmslos. Weltmeister im Scheißelabern. Weltmeisterliche Schwätzer. Titelreif in Schwulst und Bombast. Für diese Weltklasseleistung gibt es keine metallene Trophäe. Eure Trophäe ist der Abstand zum Zeitgeschehen, den ihr euch von Berufsethos her hättet bewahren müssen und der nun wie ein ausgestopfter Tigerkopf an eurer Wand hängt.

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