... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 15. April 2014

»Immer wieder gibt der Mensch Geld aus, das er nicht hat, für Dinge, die er nicht braucht, um damit Leuten zu imponieren, die er nicht mag.«

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Quatschbehauptungen von Konservativen, dass Soziologen nur Quatschbehauptungen aufstellen

Montag, 14. April 2014

Dieser »Islam-Rabatt« ist ja nicht einfach ein Geschenk an Täter muslimischer Herkunft in Deutschland. Er lässt sich soziologisch begründen. Aber für die Neokonservativen ist Soziologie ja eine Erfindung von Gutmenschen. Nicht wahr, Akif Pirinçci?

Über den hat man sich kürzlich sehr gewundert. Über ihn und das ZDF, das so einen rechten Faxenmacher einlud, damit er dort seine Thesen verbreiten konnte. Aber alles was er da so preisgab, mag es noch so fäkal gewesen sein, findet sich auch in jenem anständigen Teil der Gesellschaft, der jetzt vorzugsweise via »Bildzeitung« über »Islam-Rabatte« vor Gericht schimpft. Pirinçci reimte sich im ZDF irgendwas von »Quatschbehauptungen von Soziologen« zusammen, die sich den »Blödsinn« nur ausdenken, weil sie Geld vom Staat bekommen. In jenem Dialog mit der Moderatorin ging es um Türken, die sich in Deutschland nur vermeintlich zerrissen fühlten zwischen Herkunft und Lebensumfeld. Aber eben nur vermeintlich, denn Pirinçci spricht als Türke für alle Türken und sagt: Alles Unsinn! Zwar sagte er es so nicht, aber vermutlich dachte er an den »linken Zeitgeist«, der die Soziologie überhaupt erst möglich macht. Eventuell glaubte er aber auch mit der Floskel »grün-rot-versiffte Politik« genau das ausgesprochen zu haben.

Wenn nun die konservative Presse und weite Teile der Union vom »Islam-Rabatt« sprechen oder erklären, es dürfe »keinen Rabatt für Täter geben, die sich auf religiöse Motive berufen« (Bosbach), dann sagen sie mit feineren Worten, was Pirinçci vor sich herstammelte. Nämlich: Soziologische Erkenntnisse sind Quatsch. Besondere Zwangssituationen, die sich aus einem Leben zwischen zwei Weltansichten und kulturellen Realitäten ergeben, sind nur das Geflunker von Erforschern des sozialen Verhaltens und daher auch Quatsch.

Dass es Wechselwirkungen und Kollisionen geben kann zwischen dem, was die islamische Sicht auf die Dinge und der Ideologie des Westens angeht, wird abgetan und nicht anerkannt. Man winkt ab und sagt »Quark«. »Wir sind eine Willkommenskultur. Wer will, der kann. Man muss doch nicht zerrissen sein.« Wenn das mal so einfach wäre. Das sind die Behauptungen von Leuten, die nichts von Kulturschocks wissen; das Blabla ignoranter Zeitgenossen, die die Welt bereist haben, sich aber überall gut angepasst haben. Dass die Welt aber grundlegend eurozentrisch oder westlich tickt, auch dort wo Europa und der Westen nicht ist, nehmen sie in ihre Wertung nicht mit auf.

Und es ist im übrigen ja auch nicht so, dass dieser populistisch stilisierte Begriff des »Islam-Rabatt« zu Strafbefreiung führt. Die Täter werden ja bestraft. Die Richter berücksichtigen nur, dass da jemand aus »zwei Welten« kommt und dass es Verwerfungen zwischen den kulturellen Realitäten geben kann. Das heißt nicht, dass man ihm zugesteht, dass er nicht zurechnungsfähig ist. Es heißt aber wohl, man sollte das Umfeld des Täters verstehen, um nachvollziehen zu können, ob es Aspekte gibt, die ihn entlasten. Jemanden, der aus Eifersucht seine Frau tötet, prüft man ja auch. Man will wissen, was genau die Eifersucht entfesselte und gesteht ihm zu, dass die Umstände ihn vielleicht tatsächlich überfordert und Frau mitsamt ihren Geliebten ihn durch Taktlosigkeit angestachelt haben. Deswegen wird er nicht freigesprochen. Man bezieht nur die Umstände mit ein.

Diese juristische Praxis basiert auf einem soziologischen Weltbild, in dem Täter nicht per se schlecht oder böse, sondern immer auch Produkt ihres Milieus, spezieller Lebenslagen oder Eindrücke sind. Deswegen sind sie noch lange keine Opfer. Aber eben auch keine Teufel. Es gehört zu einem aufgeklärten Weltbild, Täter nicht einfach in den Kerker zu sperren, sondern sie auch begreifen zu wollen. Nur so entwickelt sich Gesellschaft weiter und kann eventuell präventiv vorgegangen werden. Das klappt natürlich nicht immer.

Schon vor über einem Jahr schrieb ich von Buschkowsky, so wie er »sein« Neukölln beschrieb, als »Chronisten seines eigenen Versagens«. Ich kritisierte ihn dafür, dass er den Menschen aus Neukölln vorwarf, sie hätten größtenteils falsche Arbeits- und Moralvorstellungen. Aber in einem Milieu, das von der Politik über Jahre vernachlässigt wurde, gilt ganz besonders, »dass Dynamiken nicht frei wählbar entstehen, sondern durch gesellschaftliche Momente determiniert sind«. »Die Eigenverantwortlichkeits-Rhetorik der Marktradikalen«, schrieb ich außerdem, habe der »Soziologie [...] das Wasser abgegraben«.

Nicht umsonst nannte ich diesen Text damals im Untertitel
»Das Scheitern der Soziologie«. Und genau unter diesem Motto läuft der neokonservative Rollback. Sie haben der Aufklärung den Krieg erklärt und machen die Soziologie, die sie als dezidiert politisch links verorten, zu einer Voodoo-Lehre, die man ganz schnell beenden sollte. »Gutmensch« oder »Islam-Rabatt« sind Kampfbegriffe zur Erlangung dieses Ziels. Sie beschwören ein längst überholtes Weltbild der gnadenlosen Härte, in dem nur der Kerker und Kettenhaft angemessene Antworten auf Verbrechen waren. Resozialisierung als Grundrecht lehnen sie ab. Als Gnadenakt können sie sich sie vorstellen - aber nur im besten Fall.

Sie haben so gesehen nicht nur ein gespaltenes Verhältnis zum Sozialstaat, sondern eben auch zur Soziologie und der Resozialisierung - zu allem, was das Soziale im Namen trägt. Also den »socius«, den Gefährten oder das Gesellschaftliche. Die Hölle, das sind für sie immer die anderen. Und Soziologie ist ja immer auch die Lehre von den anderen. Nur gehen sie mit dem Motto »Ich bin so, warum können die anderen nicht auch so sein wie ich?« an die Sache heran. Und genau so funktioniert die soziologische Betrachtung nicht.

Das erklärt, warum sie nicht auf andere zugehen können. Sie sind sich der eigene Maßstab. »Egomanie« könnte man das auch nennen. Und wie so ein islamischer Mörder fühlen sie sich eben gar nicht. Das ist so wie Buschkowsky »mein« Neukölln sagt, aber keine Ahnung hat, wie man sich als Hartz-IV-Empfänger oder Ausländer in Deutschland so fühlt. Und wer Gesellschaft so begreift, der begreift Gesellschaft nicht. Blöd nur, dass diese Leute Gesellschaft gestalten dürfen.


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Lösch deinen Account und hör auf den Hofnarren zu spielen!

Samstag, 12. April 2014

Ich werde euch keinen Namen nennen. Nicht jetzt und nicht auf Nachfrage. Das geschieht aus Loyalität. Was ich sagen will, kann auch namenlos gesagt werden.

Boethius prägte in seinem »Trost der Philosophie« ein Zitat, das mir neuerdings immer einfällt, wenn ich bei dieser hier namenlosen Person in der Facebook-Pinnwand stochere: »Si tacuisses, philosophus mansisses.« (»Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben.«) Facebook und Konsorten bedeuten viel in diesen Tagen. In der Serie #Aufschrei der Dummheit schreibe ich manchmal davon. Über Klick-Aktivisten, Banalisierung und asoziale Vernetzung gibt es einiges zu berichten. Eines kommt dieser Tage für mich und sicher auch für andere noch hinzu: Es gibt Leute, die wir Linken verehrt, die wir als Koryphäen des linken politischen Spektrums geachtet haben, und die sich just in dem Moment entzaubert haben, da sie via Facebook in unser tägliches Leben traten. Als Figuren in den alten Medien flößten sie uns Respekt ein - in der Echtzeit der Social Media jedoch enttäuschen sie uns.

Mir geht es vor allem um eine Person. Was habe ich ihre Bücher geliebt. Sie verschlungen. Neue Bücher sofort erstanden. Auch damals, als mir der Regelsatz kaum Spielräume für Buchkäufe ließ. Ich sah sie in politischen Talkshows. Bei Plasberg, Illner und Maischberger, später auch bei Lanz und im österreichischen Fernsehen. Sie machte meist eine gute Figur. War beredt, frech und hatte Fakten und Argumente zur Hand. Diese charmante Unmanierlichkeit gefiehl mir immer sehr an ihr. Ihre Meinung war fast immer meine Meinung. Wie sie den Gauck in einer dieser Talkshows kritisierte! Mit welcher Verve! Diese Lebhaftigkeit mochte ich an ihr. Vor Jahren saß die Person mal mit einigen Frauen (unter anderem Nina Hagen) zusammen in einer Runde. Es ging um den alten Traum der Feministinnen: Eine Frau an der Macht. Und damals kam in Deutschland gerade eine Frau dorthin. Sie ist es bis heute geblieben. Sie aber sagte, das Weibliche sei kein Kriterium. Da müsse schon mehr kommen. Dann wedelte sie einfach weiter unbeeindruckt mit einem Fächer vor sich hin.

Lange ist sie schon dabei. In den letzten zehn, zwölf Jahren kam sie mir näher, obwohl sie schon Jahre vor meiner Politisierung politisch war. Sie blieb es bis heute - wenn auch im kleineren Rahmen. Sie blieb gefragt. Man wollte wissen: »Wie war das damals mit der Parteigründung, an der sie beteiligt war? Und wie sehen sie die Partei heute?« Man holte ihre Meinung ein. Für die Konservativen, damit sie was zum Pikiertsein hatten - bei uns Linken, weil sie was zu sagen hatte. Und was sie zu sagen hatte! Soziologisch betrachtet war sie richtig gut. Ist sie es bis heute noch. Sie kritisiert den Kapitalismus angemessen. Vielleicht manchmal zu polemisch. Aber verdammt, das muss gelegentlich sein in Zeiten, da man Aufmerksamkeit nur noch erlangt, wenn man aus der grauen Masse heraussticht.

Und dann landete diese Person, deren Namen ich hier und heute nicht nenne, bei Facebook. Sie könne sich nicht mehr verweigern, schrieb sie. Über diese These kann man streiten. Ich freilich nicht - bin ja selbst dabei. Bin nicht glaubwürdig. Aber dort ist sicher nicht alles schlecht. Aber darum geht es ja gar nicht.

Anfangs empfahl sie noch ihre Bücher und meldete, dass sie heute da und morgen dort sei oder bei irgendeiner Pappnase im Studio saß, dem Mainstream Paroli bot. Irgendwann entdeckte sie, dass sie ihre »Freunde« auch agitieren konnte und fing an zu erziehen. »Lest den nicht!« und »Der ist antisemitisch!« las man bei ihr. »Das ist faschistoid!« Sie wusste, was man lesen soll und wovon man die Finger lassen sollte. Manchmal war das berechtigt - manchmal haltlos oder einfach nur einem Bauchgefühl geschuldet. Sie hat es geschafft Leute als Antisemiten zu bezeichnen, eine Erklärung zu liefern und trotzdem nichts Konkretes gesagt zu haben. Sie honorierte auch Texte anderer Schreiber, in denen Kaffeesatz gelesen wird und die zum Beispiel erklären, dass »Ostküste« ein rechtes Chiffre für »internationales Finanzjudentum« sei. Man kann es auch übertreiben! Natürlich war sie dann auch gegen »Occupy«, weil diese Bewegung Fehler in ihrer Argumentation hatte. »Occupy« war für sie wohl nicht zu hundert Prozent mit den richtigen Parolen durchgetaktet. Die »Bildzeitung«, die sie verachtet, sah das sicher nicht viel anders.

Zuletzt erzog sie ihre »Freunde« dazu, diese neuen »Montagsdemos« und ihre Macher zu ächten. Esoterisch und neurechts seien sie. Das mit der Esoterik klingt bei manchen dort tatsächlich ein wenig danach. Aber die Sozialdemokratie beschwört seit Jahren esoterisch eine Wahrnehmung ihrer Partei, die nur sie selbst von sich hat. Ohne Eso-Gequatsche geht es heute vermutlich gar nicht mehr. Und seien wir ehrlich, mancher von »Die Linke« klingt hin und wieder auch wie einer aus »Astro-TV«. Von dieser Esoterik spannt sie den Bogen zur Barbarei. Vielleicht nicht ganz unberechtigt. Teilweise klingen ihre Einwürfe aber arg konstruiert. Deswegen müssen sie aber nicht grundsätzlich falsch sein. Sie klingen trotzdem leicht paranoid.

Wenn es nur um ihre Kritik gegangen wäre, könnte man damit leben. Ich bin da auch kritisch. Doch dabei ließ sie es ja nicht bewenden. Die Person fing an Empfehlungen auszusprechen, wen man zu »entfreunden« habe, um auch weiterhin als aufrechter Mensch durchs Leben gehen zu können. Und wer nicht spurte, den »entfreundete« sie. Schließlich wollte sie ja rein bleiben. Mein Gott, Deutschland, bist du und die deinen nur als Erzieher und Blockwart denkbar? Selbst die Linken geben sich bei dir und in dir als spießige Lehrmeister. Entspannt geht es wohl nicht? Ich schrieb vor langem schon von der »Unmöglichkeit reinen Lebens« - seht das doch endlich ein, ihr Linken in Deutschland. Entkrampft euch, der Mensch ist fehlbar und lebt in der Zwiespältigkeit, in der Diskrepanz wie es sein soll und wie es letztlich ist. Jeder von uns hat Punkte, in der er sich unglaubhaft macht. In der linke Theorie mit kapitalistischer Wirklichkeit kollidiert. Und jeder von uns kennt in seinem Umfeld Leute, die politisch fadenscheinig bis semi-kriminell sind und reißt ihnen deshalb noch lange nicht den Kopf ab, sondern versucht mit ihnen irgendwie auszukommen. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Grenze. Das ist auch eine Frage des Stils.

Ich lese den von der Person abgewickelten Unsinn, den Erziehungsterror, die totalitäre Gesinnungsprüfung und sage nur leise vor mich hin: »Schweig und sei weise. Hör auf, ich will dich weiter respektieren können; dich nicht als fanatischen Savonarola in Gedanken tragen müssen.« Aber ich befürchte, es ist zu spät. Für mich und meine Gedanken. Und für sie. Da kommt sie nicht mehr raus. Sie hat sich entzaubert. Ihr Mysterium ist entschlüsselt. Ihre Aura dechiffriert. Ihr Nimbus entschleiert. Ohne Facebook hätte sie weiterhin geschwiegen und klüger ausgesehen. Wie ein satter Buddha hätte sie gethront. Wie ein Philosophenkönig. Jetzt wirkt sie nur wie der Hofnarr, der zu Füßen dieses Königs sitzt. Sei so gut, lösch' deinen Facebook-Account und werd' wieder philosophisch. Es fühlte sich viel besser an, als man nur selten was von dir vernahm. Sich rar machen: Das stand dir so ausgesprochen gut. Viele Intellektuelle haben es genau so gemacht. Nur reden, wenn man was gefragt wird, haben sie sich als Motto gegeben. Und auch dann nur knapp antworten. So bleibt man jemand mit Aura. Wenn man aber erst merkt, dass das Vorbild nicht nur ein Mensch, sondern auch noch ein Stinkstiefel ist, dann verpufft die Aura wie ein Tropfen Wasser in heißem Öl.

Ich bleibe loyal. Nenne deinen Namen nicht. Als Reminiszenz. Weil es immer so gut war, dich zu lesen. Ich merke mir dich als Namen auf Büchern. Ich rede mir ein, dass die Person, die deinen Namen trägt, gar nichts mit dir zu tun hat. Vielleicht bist du nur ein fehlgeleiteter Algorithmus von Facebook, ein Streich, den mir dieses beschissene Social Media spielt und in Wirklichkeit bist du doch der Menschenfreund und Philosoph, den ich mir immer vorgestellt habe. Wenn du dich schon vom Sockel wirfst, stemme ich mich wie ein Sisyphos dagegen.


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Ein Tag im Leben eines vom Profit Verfolgten

Freitag, 11. April 2014

»Ich hätte Hoeneß eine sehr hohe Strafe zahlen lassen, aber nicht eingesperrt«, sagte er zu mir.
   Mir lief fast der Kaffee aus den Nasenlöchern. Na ja, nicht schade drum.
   »Aha?«
   Ich hatte meinen Kollegen eher als vernünftigen Menschen kennengelernt.
   »Was haben wir denn jetzt davon, dass er in den Knast geht? Er kostet Geld. Hätte man ihn lieber mit der doppelten Steuerschuld belastet, dann hätte jeder was davon.«
   Das klang logisch. Ich gebe es ja zu. Aber ist Strafe und Rechtssprechung mittlerweile auch etwas, was man der bestechenden Logik von Kosten und Nutzen unterziehen darf?
   »Und wenn einer mit viel Geld einen tötet? Soll er dann enteignet werden und kann frei bleiben?«
   Er nippte am Kaffee und gab keine Antwort.
   »Strafe kann doch nicht nach dem, was gerade nützlich wäre, gestaltet werden. Du liegst völlig daneben, Norbert.«
   Die Pause lag in den letzten Zuckungen und er machte sich auf den Weg. Wahrscheinlich kam es ihm gelegen. Seine innovative Ansicht war ein Rohrkrepierer.
   »Und der, der nicht genug Geld hat, um sich freizukaufen, was geschieht mit dem?«
   Ich wollte ihn noch fragen, ob der einen billigen Kredit beim Jobcenter kriegt. Aber da war keine Zeit mehr zum Schwatzen. Ich schüttete meinen Kaffee in den Busch und bedauerte die Pflanze dafür. Wir Menschen sind alle grausam zur Natur. Jeder so wie er gerade kann.

Kurz nach Feierabend ging es mal wieder um Fußball. Der übliche Zeitvertreib der Männer am Arbeitsplatz. Und dass ich den FC Bayern München verabscheue und mich über eine baldige Niederlage im Europapokal freuen würde, wissen sie alle.
   »Komischer Bayer bist du - freust dich, wenn die verlieren«, spöttelte einer und versuchte sich bayerisch anzuhören.
   »Dabei sollte jemand wie du, der dem anderen Verein in München anhängt, doch ein Interesse am Wohl der Bayern haben. Das tut der Stadt gut und den Menschen in der Region auch. Und den Sechzgern!«
   Man muss als jemand, der die Bayern immer verachtet hat, also neuerdings für die Bayern sein, weil deren Erfolg ökonomisch wertvoll ist. Meine Güte, dachte ich mir, was ist nur aus der Passion der Leute von heute geworden? Ökonomisch denkend bis in den Zeitvertreib hinein.
   »Das sind ja auch Arbeitsplätze, die so ein erfolgreicher Verein entstehen lässt«, fügte Norbert hinzu.
   »Ja. Komm, zahl deine Rechnungen bitte nicht mehr und stabilisiere so Arbeitsplätze der Inkasso-Industrie. Sei so gut.«
   Einer grinste nach diesem Einwand. Die anderen nuckelten am Kaffee und sprachen von der Eintracht und vom FC Bayern.
   Ich ging dann heim. Mich drückte ein Text und wenn ich denn nicht gleich rausließ, würde er mir im Hirn steckenbleiben und meine Verdauung belasten.

Daheim angelangt musste ich zuerst mal auf die Schüssel. Ich hasse es, wenn der Schiss vor dem Schrieb kommt. Aber das kann man schlecht ändern. Ich nahm den Willemsen mit aufs Klo. Las dort weiter in seinem außerordentlich lesenswerten Buch »Das Hohe Haus«. Darüber wird noch zu berichten sein. Ich stolperte über eine Passage, in der eine Parlamentarierin über die »Kultur- und Kreativwirtschaft« redet und sie als »eine der wichtigsten Zukunftsressourcen in unserem Land« bezeichnet. Daher heiße es, in Kulturschaffende zu investieren, »um so Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft auch in Zukunft zu erhalten«. Willemsen macht sich auch so seine Gedanken dazu und schreibt: »Auch hier wird deutlich: Die Frage der Zukunft ist synonym für Rendite. Flankiert von einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, gibt der Zustand der Wirtschaft die Idee dessen vor, was Zukunft ist. Ja, selbst auf kulturellen Gebiet setzt man auf Wachstum und Gewinnmaximierung. Warum nicht auf Beständigkeit oder Vergangenheit?«

Ist das Leben insgesamt nur noch als Profit denkbar? Dass die Leute im Bundestag gar nicht mehr anders können, als so zu ticken, muss man wohl verschmerzen. Diese Leute kommen ja nicht raus. Stubenhocker entwickeln sich manchmal komisch. Dass aber normale Typen mit dieser Logik vom Profit argumentieren, das macht doch nachdenklich. Die Berieselung vieler Jahre hat Wirkung gezeigt. Leben ist kein Akt zwischen verschiedenen Schauplätzen mehr, in dem verschiedene Grundprinzipien walten, sondern das Grundprinzip ist nun überall dasselbe. So gestattet man der Justiz eben nicht mehr die Prinzipien »Strafe« und »Sühne« - sie werden durch eine »profitablere Wahrnehmung« ersetzt. »Gerechtigkeit« muss sich wieder lohnen! Und was sich nicht rechnet scheint unhaltbar zu sein.

Nachdem ich abgedrückt hatte versuchte ich mich an einem Text, landete dann aber über Umwege bei einem Artikel über die »Pisa«-Studie. Ich sondierte auch die Kommentare, die mitteilsame Leute drunter angebracht hatten. Da ging es ganz schnell wieder um Geld und ob das Geld auch dort, wo man es fordert, wirklich Nutzen abwerfen würde. Mancher wollte mal wieder »unsere Kinder fit für den Arbeitsmarkt machen«. Ein anderes Bildungsideal scheint es gar nicht mehr zu geben. Dabei gehen die Kinder doch nicht zur Schule, um dann mal fit für einen Arbeitgeber zu sein, sondern um etwas zu erfahren, Wissen zu sammeln, um für sich selbst fit zu sein. Das hat auch etwas mit Würde zu tun. Aber Würde ist ohnehin so ein Begriff, der sich so schlecht ökonomisch deuten lässt.

Wieder mal so ein Tag, an dem mir das Leben nur als Profit begegnete. Als dann mein Kind abends beim Essen erzählte, dass es mit der Halbwüchsigen von gegenüber nicht mehr befreundet sein will, weil sie ständig Ärger macht und es seine Ausführungen mit »Was habe ich davon?« beendete, da war das Maß voll.
   »Wenn sie dich nervt - gut. Dann bin ich froh. Die bereitete dir bislang nur Kummer. Aber was du davon haben solltest, das verstehe ich nicht.«
   »Bringt mir ja nichts«, antwortete es nun »ausführlicher«.
Ich schaute es etwas ratlos an und kaute auf den Reis herum.
   »Freundschaften geht man nicht ein, damit sie einem was bringen. Und man beendet sie nicht, weil sie einem nichts bringen.«
   »Weiß ich doch, Papa.«
   »Und warum sagst du das dann so?«
So weit haben wir es gebracht. Selbst Zwischenmenschliches wird nach Mehrwert sondiert und der Nutzen hochgerechnet.
   »Entweder man mag sich oder man mag sich nicht. Das ist die Grundlage für Freundschaft.«
   Fast hatte ich nun den Drang, meinem Kind diese Freundschaft wieder einzureden. Aber dieses Mädchen von gegenüber ist ja nicht ohne, wiegelt ständig Kinder gegeneinander auf und erpresst überall Anerkennung. Armes Ding eigentlich.
   »Mensch, Papa, ich weiß das doch. Und ich mag sie nicht, also bringt mir das nichts.«
Auch wieder wahr.

Ich ging an diesem Tag früh zu Bett. Ich war geschafft und wollte mehr von der Nacht haben. Eine Stunde Schlafprofit rausholen. Gewinn machen. Einen Überschuss erschlafen. Meine Kosten nicht durch Wachsein erhöhen und meinen Nutzen schlafend mehren. Es sollte ein Bombengeschäft sein. Aber ich erwachte abgekämpft und matt. War immer noch müde. Was hat mir das frühe Zubettgehen gebracht? Damit hatte ich nichts gewonnen. Nur einen weiteren Tag in der Profitlastigkeit. Aber wenigstens war ich heute kraftlos genug, die ganze Profit-Rhetorik zu überhören.


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Welchem Anspruch dient der Traktor auf vier rohen Eiern?

Donnerstag, 10. April 2014

Die Einstellung von »Wetten, dass..?« ist nur auf den ersten Blick vernünftig begründet. In Wirklichkeit kommt hier eine Marktlogik zum Tragen, die in einem System der Gebührenfinanzierung gar nicht greifen müsste.

Klar, das Konzept ist veraltet. War es vielleicht immer. Und es war nie besonders spektakulär. Aber in den Achtzigern und Neunzigern war man halt mit wenig zufrieden. Wenn dann noch ab und zu ein Michael Jackson Einzug hielt, dann schaltete man gerne ein, war selig und nahm an, die beste aller möglichen Unterhaltungen gesehen zu haben.

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Die Finanzkrise, an der die ökonomischen Dummköpfe schuld haben

Langsam wird es lästig, die Lächerlichkeit dieses Bundespräsidenten ständig wieder zu konkretisieren. Aber er lässt ja nicht locker. Sein Auftritt auf dem Bankentag war mal wieder denkwürdig.

Gauck legte dar, dass die Finanzkrise aus einer Wechselwirkung zwischen gierigem Bankwesen und Bürgern in »ökonomischer Apathie« hervorging. Hätten die Bürger mehr wirtschaftliche Ahnung und Interesse an den Zusammenhängen, so hätten Banker nicht den erarbeiteten Mehrwert und die Arbeitsplätze von abhängig Beschäftigten verjuxen können. Und man hätte den Leuten keine faulen Kredite angedreht, weil sie das falsche Spiel sofort durchschaut haben würden. Sie hätten dann vermutlich gesagt: »Ich will nen sauberen Kredit - her damit!« Oder wäre es dann etwa nicht so gewesen? Vereinfacht - oder mit Gauck - gesagt: Wer nicht beschissen werden will, »der muss sich informieren und in Finanzfragen kompetener werden.« So einfach ist das manchmal. Nicht die Finanzwirtschaft mit ihrem endlos Drang nach Renditen trägt die Verantwortung, sondern der dumme Bürger, der sich hat nach Strich und Faden verarschen lassen.

Der Mann klingt wie einer jener ganz besonders gescheiten Leute, die arrogant auf Opfer von Trickbetrüger herabschauen. »Also wie kann man einem Fremden nur Geld geben?«, fragen sie herablassend. »Mir würde sowas ja nicht passieren; ich durchschaue sowas gleich. Wie kann man nur so dumm sein? Im Grunde selber schuld wer sich so verarschen lässt.« Dieses »Ich-bin-zu-gelehrt-um-betrogen-zu-werden« kann man ja noch verstehen, wenn man bei »Aktenzeichen XY« zusieht, wie leicht sich mancher aufs Kreuz legen lässt. Aber die Leute, die Banken und Realwirtschaft in die Krise rissen, waren eben keine betrügerischen Klingelputzer, sondern Personen, die von der Politik als »ehrliche Makler« deklariert wurden. Und was hätte mehr Ahnung von Ökonomie da schon geholfen?

Man darf nicht ungerecht sein, Gauck hat nicht nur die Verantwortung an die Bürger weitergeschoben, sondern auch die Banker kritisiert und erklärt, dass nicht alles, was legal ist, auch ethisch vertretbar sei. Er appellierte mal wieder: Du sollst nicht! Man bekommt bei ihm den Eindruck, er sieht die Finanzkrise als Betriebsunfall an, nicht als systematische Immanenz. Ein bisschen was von der »zu viel Gier« mit frommen Sprüchen zügeln: Und schon sind wir aus dem Schneider. Und wenn dann auch noch die Bürger mündiger werden, weil sie die Wirtschaft plötzlich besser verstehen, dann kann Vergleichbares nie mehr geschehen.

Damit ein Anfang gemacht wird, sollten Schulen Wirtschaft lehren, findet der Bundespräsident. Das hat die »Bertelsmann-Stiftung« auch schon vor Jahren gefordert. So richtig ein solches Schulfach auch sein mag: Wenn jemand wie Gauck, der eingeschworene Hohepriester des BWL und der »Jeder-schaue-auf-sich-selbst«-Doktrin, dergleichen fordert, dann hört man die Nachtigall schon trapsen. Ob er findet, man müsste dann auch Marx und Keynes lehren? Oder nur Hayek und Friedman? Und wenn die »INSM« noch Bücher spendiert, steht dann da drin, dass das Gemeinwesen wie ein großer Betrieb ist, bei dem man die Ausgaben drosseln muss, um den Gewinn zu steigern?

Ja, langsam wird es lästig, die Lächerlichkeit dieses Bundespräsidenten immer wieder zu käuen. Aber was soll man denn machen? Er gibt ja keine Ruhe. Wenn er einfach nur nichtssagend eloquent wäre. Aber er ist höchst aussagend eloquent. Und das ist das Problem mit diesem Mann. Wie lange haben wir wohl Zeit, bis er uns wieder im Geiste dieses Neokonservatismus vollsülzt?


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Unsere Erdoğans müssen ja auch dauernd berichtigt werden

Mittwoch, 9. April 2014

Das türkische Verfassungsgericht hat nun also der türkischen Regierung widersprochen und die Twitter-Sperre aufgehoben. Das ist doch ein Beweis dafür, dass die Türkei gar nicht von einem Diktator regiert wird - und das wiederum belegt: Die Türkei ist nicht so viel anders als Deutschland. Beide leiden unter dem gleichen Typus von Politiker.

Zuletzt musste man geradezu den Eindruck erlangen, dass sich die Türkei unter Erdoğan in die Diktatur verabschiedet habe. Der deutsche Medienbetrieb ließ diesen Eindruck jedenfalls entstehen. Der erzählte, dass dieser Mann sämtliche demokratischen Strukturen und Prozesse aufgehoben habe. Und schon man sah ihn mit Hitlerbärtchen auf Plakaten und hierzulande fragte man sich, ob dieser Vergleich nicht etwas zu harsch sei. Dass die Türkei aber diktatorisch geführt würde, stand bei solchen »ästhetischen Fragen« gar nicht zur Debatte. Denn trotz allen war klar, dass Erdoğan sein Land in einen Zustand führe, in dem Demokratisches, das vom Volk ausgeht, drakonisch bestraft würde. Und als er die Netzwerke kappte, war sich dieser deutsche Irrwitz, bestehend aus sich gut ergänzenden Politikern und ihrer Journalisten, darüber einig: Jetzt baut er seine Diktatur aus.

Demokratisches wurde aber auch schon in Deutschland schwer misshandelt. Und übermäßig harten Polizeieinsatz kennen wir hier ebenfalls. Darüber wurde schon mehrfach geschrieben. Man muss das jetzt an dieser Stelle nicht nochmals aufwärmen. Aber was genau ist das für eine Diktatur, in der ein Verfassungsgericht richtigstellen und aufheben darf, was der Tyrann vorher noch beschlossen hat? Stellt man sich Diktaturen nicht ein wenig anders vor?

Nein, hier zeichnet sich ab, dass Erdoğan einer dieser Sorte von Machtmenschen ist, die wir auch in diesem Lande haben. Eine überdrehte Machtfigur, die ihre Gönner und Geschäftspartner in Stellung bringt und sich selbst für sakrosankt erklärt. Ein Politiker, der im Wahn seines politischen Höhenflugs vergessen hat, dass es neben ihn auch noch demokratische Elemente gibt, die den Staat gestalten können und sollen. Wir haben es hier mit einem von der Wirtschaft delegierten Machtokkupator und Autokraten zu tun, der den harten Mann spielt, um der Oligarchie seines Landes Sicherheit und Kontinuität zu Füßen zu legen.

Solche haben wir in Deutschland auch. Um ein Beispiel zu nennen: Erdoğan sagte zur oben genannten Entscheidung des Verfassungsgerichts, dass er sich zwar beugen werde, aber daran festhalte, dass die Sperre von Twitter eigentlich notwendig sei, um ausländischen Einfluss zu beschränken. Als das Bundesverfassungsgericht vor Jahren entschied, dass der Abschuss eines entführten Flugzeuges verfassungswidrig wäre, sagte der damalige Innenminister dieses Landes rotzig, dass er es trotzdem veranlassen würde, wenn es dazu käme. Das klang damals viel weniger einsichtig als bei Erdoğan jetzt. Ob wohl der türkische Ministerpräsident auch erwägt, die Rechte der Verfassungsrichter zu beschränken? Die hiesige Regierungspartei jedenfalls denkt darüber nach, denn die Verfassungsrichter haben für ihren Geschmack zu oft dazwischengefunkt und sich als unkalkulierbarer Faktor erwiesen.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder nennen wir die machtgeilen Gestalten, die fortwährend ihre Grenzen austesten und die Demokratie damit stutzen, überall dort, wo sie an der Spitze eines Landes stehen, einfach mal »Diktatoren«. Und dann sind damit auch die Merkels, Schäubles und Kauders gemeint. Oder wir lehnen uns mal nicht so weit aus dem Fenster und sagen uns: Das sind die üblichen Typen, die es im Zeitalter der Postdemokratie nach oben spült - keine Diktatoren, wie man sie klassisch kennt, sondern einfach nur Opportunisten und Karrieristen, die aus Selbstliebe wie auch aus Gründen der Gönnerzufriedenstellung, Entscheidungen treffen und durchboxen, die standhafte Demokraten völlig verschrecken. Gefährliche Aushöhler der Demokratie, neoliberale Agendamenschen und Narkoseärzte am Solidaritätsprinzip zwar - aber keine völlig losgelösten Alleinherrscher, bei denen sich die Macht einzig konzentriert und die daher fast unantastbar sind.

Man kann wohl sagen, dass die Türkei nicht an einem Diktator leidet, sondern sich wie alle zeitgenössischen Staaten mit Führungsgestalten herumschlägt, die das Gemeinwesen als Selbstbedienungsladen der Eliten betrachten. Wer die Situation in der Türkei aber »verdiktaturt«, der kaschiert Verhältnisse, die in Deutschland nicht viel anders sind. Die türkischen Verfassungsrichter zeigten an, dass es demokratische Abläufe noch gibt und sie sogar umgesetzt werden. Sie entlarven damit, dass Erdoğan kein Diktator ist. Und sie sagen indirekt damit auch: Packt euch mal an eurer eigenen Nase, ihr in Deutschland. Eure Erdoğans müssen ja auch dauernd kontrolliert und berichtigt werden.


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Aus fremder Feder

Dienstag, 8. April 2014

»Wer sich nicht mit Politik befaßt, hat die politische Parteinahme, die er sich sparen möchte, bereits vollzogen: er dient der herrschenden Partei.«
- Max Frisch, Tagebuch 1946-1949 -

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Die Energiewende, die so seltsam bewusstlos blieb

Montag, 7. April 2014

An den Tag, da die letzte Bundesregierung verlautbarte, sie würde nun nach Fukushima doch für den Atomausstieg sein, erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Nahmen diese Energiewendehälse damals schon das Wort »Energiewende« in den Mund? Ich weiß es nicht mehr. Was ich aber noch weiß ist, dass es optimistische Stimmen gab, die glaubten, jetzt käme endlich ein »Green Deal«.

Quelle: linke-t-shirts.de
Kam er aber nicht. Man skizzierte zwar einen Plan, wie man auf erneuerbare Energien umschwenken könne. Die Skizze war aber nicht besonders aussagekräftig. Aber ein »Green Deal«, so habe ich das damals verstanden, sollte so eine Art Paket mit vielen verschiedenen Ansätzen sein, wie man sich von Atom- und Kohleenergie verabschieden könne - aber zentral sollte darin vor allem sein, dass ein neues Bewusstsein für Stromverbrauch und energierelevante Fragen erzeugt würde. Sozusagen eine politisch forcierte Aufbruchstimmung, wie das der »New Deal« seinerzeit auf anderer Ebene auch war. Doch genau zu dieser Bewusstmachung kam es nie. Die Energiewende blieb stets seltsam bewusstlos.

Sie wurde zu einem bürokratischen Akt, der auch in der Öffentlichkeitsarbeit mit einem schnell langweilenden Duktus für Fachleute auffuhr. Die damals so große Hoffnung ist eine reine »Energieverwaltung auf Grundlage der Inkaufnahme weiteren Wachstums des Strombedarfs« geworden. Ein biederer Verwaltungsakt, der Menschen so wenig sensibilisiert und begeistert, wie er Projekte »jenseits der Art der Stromerzeugung« gestaltete. Hat man je etwas davon gelesen, dass diese Regierung neben all der natürlich notwendigen fachlichen Besprechung der (Erzeuger-)Situation, auch über Stromersparnisse und effizientere Elektrogüter unter Beibehaltung der Lebensqualität und des Lebensstandards beraten lässt?

Die Unterbindung von »Sollbruchstellen« und somit die Verpflichtung zu größerer Langlebigkeit bei Elektroartikeln, die fast punktgenau mit Ablauf der Garantiezeit den Geist aufgeben, wäre ein dringende Maßnahme im Zuge einer solchen »Energiewende« gewesen. Dergleichen hätte man mit der Heraufsetzung der Garantiezeit erreichen können. Ferner sollte man stromeffiziente Produkte nicht nur durch Kaufanreize fördern, sondern auch die Produzenten zum Bau solcher Artikel zwingen. Strafsteuern auf Stromfresser wären hierzu eine Option gewesen. Standardmaßnahmen wie die Bereitstellung von Geldern zur Forschung oder die Aufnahme von Ökologie in die Lehrpläne der Schulen hätten selbstverständlich sein müssen. Dort hätte man vielleicht erfahren, dass eine dezentrale Stromversorgung eine realistische Chance auf nachhaltige Energieversorgung birgt. Dieser Lehrinhalt wäre freilich mit der Wirklichkeit kollidiert und hätte den Interessen der Wirtschaft nicht gedient. Letztlich hätten noch symbolische Programme das ganze Konzept abgerundet. Warum leuchtet beispielsweise Frankfurts Skyline so völlig grundlos in die Nacht hinein? Weshalb Lichtmittel aus Gründen der Repräsentanz speisen, während Familien aus dem unteren Lohnsegment ihre Stromrechnungen nicht mehr begleichen können? Von den Gratifikationen für »stromintensive Betriebe« soll gar nicht erst gesprochen werden.

Aber klar, in einem lobbyistischen System sind solche Maßnahmen, die über die bloße Verwaltung und Umverteilung der Stromherkunft hinausgehen, nicht vorgesehen. Vielleicht auch gar nicht möglich. Der Stromverbrauch soll ja gar nicht sinken. Das könnte ja Arbeitsplätze kosten oder, was viel schlimmer wäre, die Profite der Energie-Konzerne schmälern. Und die Elektronikbranche würde wüten, wenn sie plötzlich nachhaltigere Produkte fertigen müsste - so verdient man ja kein Geld in einer Welt, in der Wachstum das oberste Gebot ist. Dann schon lieber Ressourcen verbraten und Absatzzahlen künstlich pushen. In kapitalistischen System sind Veränderungen, die fair und ökologisch zugleich sind, kaum umsetzbar. Und ohne soziale Komponente ist gesunde Ökologie wertlos.

Marx meinte ja, er hätte Hegel richtiggestellt, als er behauptete, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Im Falle dieser »Energiewende« ohne Elan und Begeisterung mag es wohl schon auch so sein, wie Hegel es dachte: Das Bewusstsein bestimmt auch das Sein. Oder aber es ist so, wie ich es neulich auf einer Postkarte las: »Das Sein verstimmt das Bewusstsein«. Der Zustand dieser Wende ist so deprimierend verlaufen und wird auch jetzt nur als bürokratischer Akt verschlimmbessert, dass kein Bewusstsein für diese eigentlich epochale Umstellung der Lebensgrundlagen entstehen kann. Da können nur Verstimmungen auftreten. Und die seelenlosen Parlamentarier, die das Konzept runterspulen und verfachlichen, tragen dazu bei, dass Energie-Verdrossenheit herrscht und die »Atom-Frage« noch nicht vom Tisch ist. Wenn sie heute eine Kampagne zum »vernunftbasierten Zurück zur Atomkraft« starten, würde sich eventuell sogar ein breiter Konsens in der Bevölkerung finden. Spätestens dann wäre klar, dass die Bemühungen zur Veränderung gescheitert sind.

Gescheitert sind, nicht nur, weil der Strom beständig teurer wird, sondern auch deshalb, weil kein Gefühl für die Notwendigkeit und aufklärerische Basisarbeit am Volk geleistete wird. Und weil die, die das Land gestalten sollen, mit einer Begeisterung ans Werk gehen, die man sonst nur im Wartezimmer von Zahnärzten sieht. Das überträgt sich und wird zum Lebensgefühl. Slogans von milliardenschweren Konzernen wie »Wir gehen VoRWEg« sind kein Beleg für Aufbruch, sondern einfach nur Kopfgeburten von Werbetextern. Ein Stimmungsbild zeichnen solche Sprüche nicht.

Diese Losung hätte sich mal die Regierung am Beginn der Wende verinnerlichen sollen und ein großes Paket geschnürt, anhand dem die Menschen erkannt hätten, dass da ein Epochenwandel ansteht und eine neue Energiezeit anbricht. Und das auf allen Ebenen des Alltagslebens. All das unterblieb, weil man es verwaltungsmäßig anging. Da haben das starre Ritual des Parlamentarismus, wie man es als Zuschauer im Bundestag erleben kann, auch auf den Geist der Reform abgefärbt. Wie soll so auch Begeisterung aufkommen und mit Herzblut an die Sache herangegangen werden? Wo Verwalterseelen das Land gestalten, da wird die Gestaltung verwalterisch umgesetzt. Und wenn dann auch noch Krämerseelen mitmischen, dann muss das Verwalterische möglichst günstig abgewickelt werden.


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Ob das mit uns noch mal was wird?

Samstag, 5. April 2014

Letztens schickte mir einer eine e-Mail. Darin ein offener Brief an Putin. »Magste nicht unterzeichnen?«, fragte der Absender. Ich überflog das Ding und mir wurde leicht übel. Nicht wegen dem Inhalt an sich. Manche Ansicht ist ja nicht falsch. Aber der arschkriecherische und verherrlichende Duktus - nee, sowas unterschreibe ich nicht.

Ich habe mich vor vielen Jahren geweigert, einen vorgefassten Brief an Markus Söder zu unterschreiben, weil der schon so staatstragend mit »Sehr geehrter Herr Staatsminister für Umwelt« überschrieben war. Keine Ahnung, um was es damals ging. Ich habe es vergessen. Die Anrede war mir jedenfalls schon zu viel. Der Typ hat doch einen Namen, habe ich gesagt. Schreibt doch »Sehr geehrter Herr Söder« oder »Hallo Söder« - der Mann ist ja nicht mal mein Minister, ich wollte ihn ja gar nicht. Die, die jetzt Putin anschrieben, überstellten ihren Brief an »Seine Exellenz« und wiederholten mehrfach im Text »Sehr geehrter Herr Präsident« und endeten »mit vorzüglicher Hochachtung«. Gehts auch weniger servil?

Für so was Hündisches habe ich nichts übrig. Das ist nämlich keine Frage des Respekts, sondern der Selbstwahrnehmung. Da kann das Gesagte noch so verständig daherkommen. So bin ich nicht dabei. Es kommt darauf an, als autonomer Mensch aufzutreten, als jemand, der sich nicht von Posten und Ämter beeindrucken lässt. Das war stets das linke Verständnis von Welt und Autorität - und mein Verständnis. Es mag zwar Leute geben, die in der offiziellen Hierarchie höher stehen. Aber buckeln und arschkriechen muss man deswegen noch lange nicht. Selbstbewusst zu sein und aufrecht gehen: Das sind die Werte aufgeklärter Menschen. Wenn man dieses Verständnis aufgibt, dann gibt man auch die Ideale auf, für die man eintritt.

»Seine Exellenz« - ich lach' mich noch immer kaputt. Fortschritt, du Märchengestalt. Dich hat es nie gegeben. Mal abgesehen bei Mobiltelefonen und Kloschüsseln und einiges mehr. Aber wenn Aufklärung mit den Floskeln der Untertänigkeit einhergeht, dann klärt sie nicht auf, sondern trägt zur Verklärung bei und ist nicht mehr das, was sie sein will. Woher kommt denn dieser Drang bei manchem, diesen Kerl jetzt anzuhimmeln? Etwa als Reaktion auf die unqualifizierten Reden, die »uns« nicht Mainstream-Schwimmer als »Putin-Versteher« bezeichnen? Leute, lasst euch doch nicht so diktieren. Lasst die Einfältigen doch quatschen. Ihr müsst ihnen doch nichts beweisen. Man kann doch wohl Putin verstehen und ihn trotzdem angemessen distanziert behandeln.

Ich indes distanziere mich genauso von den Schwachköpfen dieser Regierung und den ganzen Atlantikern, die die Krise immer mehr ausufern lassen. Und ich distanziere mich aber auch davor, dass Putins Russland als hervorragender Gegenentwurf zum Westen stilisiert wird. Ist es nicht. Alles mehr oder weniger dasselbe Fabrikat. Alles geführt von Leuten, denen es lediglich um wirtschaftliche Interessen geht. Wenn ich was nicht leiden kann, dann Bigotterie. Würde sich der Außenminister hinstellen und sagen: »Wir sind Arschlöcher, lasst uns die Arschlöcher im Osten bedrängen«, ich würde gar nicht viel kommentieren. Dann würde der Mann ja nur sagen, was sich für jeden unabhängig denkenden Menschen schon lange als Wahrheit manifestiert hat.

So gesehen distanziere ich mich von der gesamten Menschheit - von dem Teil der Menschheit, den ich wahrnehme und der nur aus denkfaulen Idioten und Hysterikern zu bestehen scheint und der immer auf irgendeiner Seite stehen möchte. Ich brauche eine Auszeit von ihr. Abstand. Rückzugsmöglichkeit. Beziehungspause. Aber das kenne wir ja, sobald zwei eine solche Pause vereinbaren, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Bruch erfolgt. Ob das mit uns noch mal was wird?

Noch was in eigener Sache: Wer mag, darf ad sinistram auch unterstützen. ad sinistram oder, seien wir ehrlicher: mich. Ich schiebe es gerne auf »ad sinistram« - das klingt weniger anzüglich. Ihr müsst wissen: Mir selbst geht es eigentlich nicht ums Geld. Die anderen wollen immer welches von mir. Unterstützung geht entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Meine Kontodaten teile ich auf Nachfrage gerne mit. Ich nenne Euch dabei sogar »Exellenz«, wenn Ihr wollt. Na ja, wollen wir es nicht übertreiben. Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die mich seit langem und regelmäßig nicht nur ertragen, sondern sogar noch unterstützen. Und auch an alle, die es künftig tun wollen.


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