Aus, aus, aus!

Freitag, 15. August 2014

In eigener Sache.

Zu guter letzt wollte ich noch was zu diesem Satz aus der »Welt« schreiben: »Wenn es die Supermacht Amerika nicht gäbe, um wie viel höher wären die Leichenberge auf der Welt.« Wenn er ernst gemeint ist - und das befürchte ich -, dann beinhaltet er die Akzeptanz von Leichenbergen, denn er sagt auch, dass ein kleinerer Berg von Leichen akzeptabler ist als ein größerer. Dabei sagen uns die Herren der westlichen Welt immer wieder, dass die Aufrechnung von Toten nicht statthaft sei. Und wollte man Leichenberge nach Auschwitz nicht sogar völlig für die Zukunft ausschließen? Was ist aus diesem Ideal nur geworden? Gysi beantwortete das ganze Dilemma neulich in einem Interview so, dass die Vereinigten Staaten mit ihrer Irakpolitik ja erst die günstigen Umstände für radikale Bewegungen geschaffen haben. Aber man liest ansonsten nichts von diesen ungenießbaren Früchten des amerikanischen Anti-Terror-Krieges.

Jedenfalls wollte ich darüber schreiben. Aber ein homogener Text wollte nicht entstehen. Und je mehr ich darüber nachdachte - über meine stotternde Schreibe ebenso wie über den Irrsinn, worüber ich so zu schreiben pflege -, desto müder wurde ich. Immer dieser Irrsinn. Warum habe ich es ständig damit zu tun? Wieso schreibe ich keine Liebesgeschichten? Meine Sätze wollten mir nicht gelingen, weil ich mich dauernd fragte: Für was? Wieso dieser ewige Scheiß, der kein Ende nimmt? Immer wird es noch verrückter, noch unglaublicher. Ständig legt irgendein Idiot einen Satz nach, den man sich letzten Sonntag noch nicht mal denken konnte. So wie der mit den Leichenbergen. Wo ist der Ausgang aus diesem globalen Irrenhaus? Alles verklumpte in meinen Gedanken, ich bekam keine Ordnung mehr hin, chaotisches Wirrwarr. Geistige Verstopfung. Dann sah ich in Gedanken überall Leichenberge und leichenschänderische Typen, die daneben standen und die überschauliche Höhe der Berge lobten. Sie sagten: »Übersichtlich. Man kann noch mit den Fingern zählen. Schön ist es auf der Welt zu sein.«

Es war echt widerlich, wie sich da alles zu einer Blockade versuppte. Nichts ging mehr. Nur immer diese Leichenschänder kamen mir in den Sinn. Und deswegen dachte ich mir nach einer Weile: Das muss ein Ende haben. So schnell wie möglich. Ich mag nicht mehr. Holt mich hier raus. Dieses Spiel sollte endlich aus sein. Aus, aus, aus!

Und deshalb lege ich den Stift nieder. Lass es sein. Befreie mich von dieser Tortur. Türme von der Geistesgestörtheit dieser Welt in die Schläfrigkeit hinüber. Justiere meinen Spam-Filter, lasse nichts mehr durch. Für zwei Wochen. Urlaub eben. Seit Jahren mal wieder weg aus Deutschland. Oh, wie werde ich es vermissen! Meine Flaute kam jedenfalls gerade richtig. Oder kam sie nur, weil mir die Aussicht auf Urlaub unterbewusst die Schreiblaune dämmte? Keine Ahnung. Seid mir nicht böse. Ich brauche die Pause. Benötige Abstand zu dem ganzen Irrsinn, dem ich mich ganzjährig schriftlich widme. Sofern mir nichts widerfährt, werde ich Anfang September zurück sein. Solange werden die Irren auch ohne meine Kommentare auskommen. Wenn ich zurück bin, wird die Welt noch genauso beschissen sein. Oder noch schlechter. Mir geht die Arbeit nicht aus.

Wer mag, darf
»ad sinistram« trotzdem unterstützen. »ad sinistram« oder, seien wir ehrlicher: mich. Ich schiebe es gerne auf »ad sinistram« - das klingt weniger anzüglich. Ihr müsst wissen: Mir selbst geht es eigentlich nicht ums Geld. Die anderen wollen immer welches von mir. Unterstützung geht entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Meine Kontodaten teile ich auf Nachfrage gerne mit. Da ich aber nur sporadisch online bin, werde ich nicht umgehend reagieren können. Entschuldigt diese kalkulierte Unzuverlässigkeit.

Herzlichen Dank möchte ich an dieser Stelle mal wieder an alle richten, die mich seit langem und regelmäßig nicht nur ertragen, sondern sogar unterstützen. Danke auch an alle, die dies künftig tun wollen. Bis bald.

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Wir brauchen nicht nur mündige Verbraucher!

Donnerstag, 14. August 2014

Schüler sollen verstärkt zu kritischen Konsumenten gemacht werden. Während sie kritisch Kaufentscheidungen fällen, zwischen vergleichbaren Produkten abwägen und das Preis-Leistungs-Verhältnis begreifen sollen, bleibt deren Heranbildung als kritische Staatsbürger ein nebensächliches Ziel.

»Die Verbraucherbildung ist an den Schulen auf dem Vormarsch«, schreibt die »Frankfurter Allgemeine«. Grundsätzlich ist dagegen ja auch gar nichts zu sagen. Kritische Konsumenten sind durchaus notwendig. Ein wenig Mündigkeit in dieser Frage schadet absolut nicht. Nur ist es schon seltsam, dass man die »Macht des Verbrauchers« zu einem progressiven Bildungsauftrag theoretisiert, während man die eigentliche »Macht des Bürgers« weiterhin in jenem lahmen Unterricht erstickt, der wahlweise Sozialkunde, Gemeinschaftskunde oder PoWi heißt. Dort lernen die Schüler die Mechanismen dieses »besten aller möglichen Systeme« kennen und erfahren wie die »Konzernokratie« tickt, die man allerdings aus nostalgischen Gründen »Demokratie« nennt. Die Macht des Staatsbürgers, so erfährt man dort mehr oder minder, endet immer dort in Ohnmacht, wo sie das Profitstreben der Wirtschaft auch bloß touchiert.

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Die ethische Konzeptlosigkeit der Weltgesundheitsorganisation

oder Pragmatismus ist keine Ethik.

Liberia wird experimentelle Ebola-Mittel erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation behauptet, dieser Schritt sei ethisch vertretbar. Doch das ist ein Irrtum. Er ist zwar durchaus menschlich verständlich. Aber im Sinne jenes Teilgebietes der Philosophie namens Ethik ist dieser Schritt mindestens strittig.

Die Ebola-Epidemie greift um sich. Viele Menschen haben bereits den Tod gefunden - und viele werden ihn wohl leider noch finden. Die Eindämmung gestaltet sich schwierig. Es ist aus menschlicher Sicht völlig nachvollziehbar, dass man jetzt auch nach Strohhalmen greift und Präparate für den Kampf gegen die Krankheit zulässt, die noch nicht umfassend geprüft wurden. Aus altruistischen Gründen kann man diesen Pragmatismus rechtfertigen. Bürokratische Spitzfindigkeiten sind kaum vermittelbar, wenn einem die Patienten wegsterben. Nach demselben Prinzip greift ja auch mancher Schwerkranker auf Mittel zurück, die von Schulmedizinern als Humbug angesehen werden. Das ist wohl ein ganz normaler menschlicher Affekt. Man muss ihn wahrscheinlich akzeptieren. Die Ratio steht in Notsituationen hintan. Manchmal zählt einfach nur noch, dass irgendwas gemacht wird. Egal ob sinnvoll oder nicht.

Ethisch im eigentlichen Sinne ist dieses ganz spezielle Handeln der WHO aber nicht. Denn unter ethischen Kategorien ist diese Zulassung potenziell ein durchaus schwerwiegender Eingriff in die menschliche Würde der jeweiligen Patienten. Im Rahmen der Menschenwürde kristallisierte sich ja unter anderem eine Ethik der körperlichen Selbstbestimmung und des Respektes vor dem Körper des Nächsten heraus. Dabei handelt es sich um ein Konzept, das es moralisch und praktisch verbietet, etwaigen körperlichen Schaden am Mitmenschen in Kauf zu nehmen. Daher zum Beispiel die strengen Auflagen im Lebensmittel- und Pharmabereich. Erst wenn ausgeschlossen ist, dass der Eingriff »in den Körper« oder »in die Psyche« eines Patienten oder Kunden, keine Folgeschäden (oder sagen wir lieber: statistisch betrachtet eine geringe Aussicht auf Folgeschäden) zeitigt, entspricht es etwaigen Vorstellungen von (Menschen-)Würde.

Sich nun damit herauszureden, dass die Körper der Ebola-Patienten schon Schaden genommen hätten und es quasi nicht schlimmer werden könne, ist wiederum emotional verständlich, aber streng ethisch betrachtet kein Argument für die Aufgabe dieses »Konzepts der Würde«. Man kann es drehen und wenden wie man will, rein ethisch gesehen, ist es nicht begründbar, warum nun afrikanische Patienten Testpersonen für Mittel sein sollen, die noch nicht ausreichend geprüft sind, während an anderer Stelle Präparate vorenthalten werden, weil man sie noch nicht auf die Menschheit loslassen möchte. Wenn das ethische Konzept, wonach jedem Menschen grundsätzlich körperliche Unversehrtkeit und der absolute Respekt vor Schadensbewahrung zusteht, plötzlich aufgeweicht wird, um einem »Pragmatismus der Stunde« freie Bahn zu lassen, dann kann man schon von so einer Art ethischer Konzeptlosigkeit sprechen.

Ich will der Weltgesundheitsorganisation nicht unterstellen, dass sie diese Ethik unüberlegt für den Moment und für den gegebenen Fall aufgibt. Aber ich will festhalten, dass eine ethische Vertretbarkeit nicht zutrifft. Eine menschlich bedingte allerdings schon. Letztlich gilt, was Ernst Toller leitmotivisch sein Leben lang begleitete: Der Handelnde macht sich schuldig. Immer und immer wieder. Tut er es nicht, geht er unter. Die WHO besteht ja auch nur aus handelnden Menschen. Und wenn die Erlaubnis des Gebrauchs unzureichend getesteter Mittel dazu führt, dass die Epidemie abklingt, dann fragt keiner mehr nach ethischen Grundsätzen.

Notwendig wäre es dann jedoch trotzdem. Denn auch dann wäre dieser Schritt nicht ethisch vertretbar gewesen. Ethik lässt sich ja nur bedingt am Ergebnis ablesen. So war sie philosophisch betrachtet nie gedacht. Denn wenn aus etwas Schlechtem als Nebenprodukt Gutes entsteht, dann ist die Schandtat noch lange kein ethisch motiviertes Handeln. Hätte die Weltgesundheitsorganisation gesagt, dass dieser Schritt emotional vertretbar ist, dann hätte ich eher zugestimmt. Auch wenn ich dann an die Pharmaunternehmen gedacht hätte, die sich jetzt die Hände reiben können. So einen Feldversuch am lebenden Objekt hat man dort ja nicht ganz so oft.

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Die Offenbarungen des Krieges

Mittwoch, 13. August 2014

Nein, man kann im Grunde nichts über die Kriegs- und Krisenherde schreiben, die sich derzeit global auftun. Nichts über die Ukraine, den Nordirak oder den Gazastreifen. Wie will man als kleiner Blogger, der nicht über die nötigen Quellen und Kanäle verfügt, besser machen, was beim großen Journalismus, der viel weitreichendere Mittel besitzt, schon nicht richtig klappt? Der berichtet zwar ohne Unterlass, schmückt aber seine Nachrichten immer häufiger mit Floskeln wie »offenbar«, »mutmaßlich«, »nach Berichten« oder »angeblich sollen« aus. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber erzählt wird es trotzdem.

So wie Freitagfrüh, als die Mehrzahl der Medien erklärte, dass die Hamas offenbar die Waffenruhe gebrochen habe. Nach Berichten der israelischen Armee seien zwei Raketen abgefeuert worden. (Der Bericht war ein Tweet eines Sprechers der israelischen Streitkräfte.) Angeblich soll aber nach ersten Angaben niemand verletzt worden sein.

Ständig diese einschränkenden, diese entkräftenden Zusätze. Aber das ist im Krieg normal. In ihm ist die Wahrheit die erste Geschädigte. Die Frage aber ist viel mehr, wie man über dergleichen berichten kann, ohne gleich in einen »Offenbar-Journalismus« zu verfallen, in eine Berichterstattung, die zwischen Spekulation und wahrem Sachverhalt nicht mehr unterscheidet, weil plötzlich auch wahr ist, was spekuliert werden kann? Berichterstatter, die heute den Einmarsch russischer Verbände für eine Frage der Zeit halten und morgen erklären, dass ein etwaiger Einmarsch nicht zu erwarten sei, kann man irgendwann auch nicht mehr ernstnehmen. Wer Auspizien betreibt, wo er beglaubigte Informationen weiterreichen soll, muss mit Einbußen an entgegengebrachtem Respekt wohl leben.

Klar, diese Sprache des Offenbaren ist weitaus sympathischer, als all diese tönenden Wochenschau-Stimmen von früher, die ohne einen Anflug von Zweifel die Situationen an der Front vollumfänglich erfasst zu haben schienen. Man will eben nicht mehr so klingen wie diese lächerlichen Berichterstatter, die so klangen, als seien sie die Herren der Wahrheit und nichts als der Wahrheit. So funktionierte Propaganda eben damals. Ein Mindestmaß an Skeptizismus ist allerdings schon notwendig. Aber wie vermittelt man seine skeptische Haltung so, dass die Konsumenten sie auch begreifen und vor allem, dass sich Offenbar-Meldungen nicht verselbständigen und plötzlich zu Ereignissen werden, die wirklich so geschehen sind, nicht weil sie geschehen sind, sondern weil die ganze Welt davon spricht?

Denn dass die Hamas nach Berichten offenbar die Waffenruhe gebrochen habe, das war nur eine kurze Weile offenbar und vermutlich. Etwas später war es schon in die Wahrheit übergegangen. Also schenkte man sich skeptische Zusätze und sagte, dass die Hamas die Waffenruhe gebrochen habe. Punkt. Was oft genug wiederholt wird, wird zur Wahrheit. Aus den sadistischen preußischen Offizieren, die in den alliierten Medien des Ersten Weltkrieges vorkamen und denen man unterstellte, sie töteten Kinder mit bloßer Hand und vergewaltigten Frauen bevor sie sie erstechen, wurden nach diesem Muster zum Beispiel Figuren für die Nickelodeons und letztlich Wahrheiten, an denen man nicht mehr zweifelte.
 
Eine zufriedenstellende publizistische Lösung dieses Dilemmas wird es nicht geben. Im Krieg ist der Berichterstatter immer jemand, der etwas erzählen soll, wovon er nur randständig etwas wissen kann. So richtig im Geschehen ist er natürlich nicht. Niemand weiß in einem solchen Szenario ganz genau, was gerade vor sich geht. Objektivität schwindet, wenn man um sein Leben rennt. Und in Zeiten, da Medien und Militär eine Synthese eingegangen sind, wird der Berichterstatter ohnehin nur zum Abnehmer militärischer Informationen und letztlich auch zum Instrument militärischer Interessen.

Aber was spricht denn eigentlich dagegen, einen Tweet eines Militärs einfach mal zu ignorieren? Man muss doch nicht gleich Meldungen mit »offenbar«, »nach Berichten« oder »angeblich sollen« um sich werfen. Einfach mal zurücklegen, abwarten was kommt, auf Bestätigung warten und sich von mehreren Quellen bestätigen lassen. Und dann abwägen und sich fragen, ob die Quellen seriös sind, Eigeninteressen haben und dergleichen mehr. Dann schleicht sich am Ende vielleicht doch noch manche Falschmeldung ein. Ganz sicher ist man da nie. Aber man minimiert diese Fülle an informativer Uninformiertheit, die seit Wochen und Monaten den Medienbetrieb bestimmt.

Das ist der Grund, warum ich zu all diesen Kriegsgeschehen nichts schreiben will. Einer sagte mir: »Warum schreibst du kaum was zur Ukraine und zu Russland?« Ich antwortete nur: »Weil sich mir der Kopf dreht und ich nicht weiß, worauf ich meine Meinung bauen soll. Überall dieses Durcheinander an Meldungen, ich kann nicht unterscheiden, was Meldung, Propaganda oder einfach nur Dramatisierung ist.«

Ich kann darüber schreiben, was diese Kriege aus unserer Gesellschaft machen, denn in ihr stecke ich tief drin. Aber was genau geschieht, wer wo bombardiert und wer angefangen hat, das kann ich unmöglich wissen, es sei denn, ich glaube irgendwelchen Tweets. Manchmal sollte man, wenn man keine Ahnung hat, einfach nur die Finger stillhalten.

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Zu Ohren gekommen

Dienstag, 12. August 2014

Neulich landete ich beim morgendlichen Kaffee im »ZDF Morgenmagazin«. Sie brachten ein spektakuläres Video aus Australien. Da rutschte ein Fahrgast mit seinem Bein zwischen U-Bahn und Bahnsteig und kam nicht mehr heraus. Prompt halfen die Passanten, kippten mit vereinten Kräften den Waggon, sodass der Mann sein Bein befreien konnte. Schwelgerischer Kommentar der Morgenmagazin-Tante: »Hach, die Australier halt.« Da war es wieder, dieses Stereotyp vom Sonnyboy, Surfer und gutherzigem Crocodile Dundee. »Singen können die alle«, die Neger. Griechen sind bekanntlich faul. Und Australier sind immer gut drauf, hilfsbereit und nett - was erwiesenermaßen an Sonne, Strand und Meer liegt.

Die »pazifische Lösung« ist jedoch auch australisch. Dabei handelt es sich um den Abwehrmechanismus Australiens gegenüber Flüchtlingen, die ins Land wollen. So wie afrikanische Flüchtlinge in Lampedusa ihrer ungewissen Zukunft harren, so landen asiatische und ozeanische Flüchlinge in Insellagern, die dem australischen Festland vorgelagert sind. Dort dürfte manches »coole Surferherz« als Sicherheitsangestellter seinen Dienst tun. Viele Flüchtlinge verweilen dort über Jahre. Stacheldraht und ein privater Sicherheitsdienst hindern die Leute, aufs Festland überzusetzen. Einen Rechtsweg gibt es für die Insassen des Lagers nicht. Sie müssen hoffen, dass sich die Situation in ihren Heimatländern ändert, um eventuell zurückkehren zu können. Es ist theoretisch nicht ausgeschlossen, dass ein Flüchtling in diesem »australischen System« den Rest seines Lebens verbringt.

Unschuldig eingesperrt, abgeschnitten vom Rest der Welt, behandelt wie Schwerverbrecher: Menschenrechte sind hier nicht viel wert. Auf den Inseln vor Australien gilt die australische Verfassung nicht - wir kennen das ähnlich im Falle Guantánamos und der Vereinigten Staaten. Im Jahr 2000 gab es dort einige Revolten, bei denen sich Flüchtlingsgefangene selbst in Brand steckten und sich mit Messern verletzten. Dies alles geht natürlich inklusive einer erhöhten Selbstmordrate ab. Wolfgang Benz behauptet, dass diese »pazifische Lösung« in Europa ins Auge gefasst wurde, als man die europäische Asylpolitik umgestaltete. Man hat gewissermaßen die neue deutsche Härte gegen Asylsuchende der frühen Neunzigerjahre mit dieser australischen Variante gepaart.

Nein, ich will damit nicht sagen, dass die Australier alles herzlose Rassisten sind. Aber nur aus diesen australischen Sonnengemütern, wie man das hierzulande gerne als australisches Stereotype nennt, besteht dieses Land am anderen Ende der Welt wohl auch nicht. Siehe Asylpolitik; siehe den Umgang mit den Aborigines. Es sind halt Menschen - wie überall. Sie helfen einem Verunfallten und schauen weg, wenn jemand seine Heimat verliert. So viel anders sind die Deutschen dann auch nicht. So viel anders wird wohl keine Gesellschaft der Welt sein. Gäbe es nur nette australische Surfer, so gäbe es vielleicht auch keine »detention camps«.

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Die, die den alten Kerl im Nachbarhaus erschossen

Montag, 11. August 2014

Wer nach den letzten Jahren immer noch glaubt, dass die Abwesenheit von Polizei bei Veranstaltungen grundsätzlich ein Risikofaktor sei, der hat wohl die Entwicklungen verpennt. Polizeiabsentia ist keine Gefahr, ihre Präsenz war es in letzter Zeit viel häufiger. Ohne sie wäre manches in Stuttgart und Frankfurt anders verlaufen.

Letzte Woche erklärte die Polizei in Nordrhein-Westfalen, dass sie aufgrund zu hoher Kosten ihre Leute aus Bundesligastadien abziehen wolle. Riesige Aufgebote wird es beim Fußball nicht mehr geben, es sei denn, es zeichne sich ein Spiel mit Konfliktpotenzial ab. Daraufhin das übliche Szenario in der Presse: »Droht den Fans das Chaos?«, konnte man lesen. »Das kann, das darf nicht so bleiben«, ereiferte man sich im beliebtesten Revolverblatt der Republik. Der Untergang des kickenden Abendlandes war deutlich aus den Texten filterbar. Ohne Hundertschaften glaubt man den Zusammenbruch des öffentlichen Friedens schon am Horizont zu sehen.

Wenn nicht immer und überall alles die Polizei regelt und beobachtet, dann glaubt man in Deutschland schon das Ende der öffentlichen Ordnung erreicht zu haben. Ohne regulative Macht, die stets vor Ort ist, meint man alles im Chaos enden zu sehen. Die uniformierte Exekutive, die patrouilliert und Präsenz zeigt, ist das Ruhekissen der Deutschen. Aber es ist nur ein altes Märchen, denn in den letzten Jahren war das Gegenteil der Fall.

In Stuttgart sorgte die Polizei dafür, dass ein friedlicher Protest mit Verletzten und einem Erblindeten endete. In Frankfurt wandte sie eine Leberwursttaktik (»in die Mitte hineinstechen, damit sie am Ende auseinanderplatzt«) an, die der Berliner Polizeipräsident 1967 schon gegen Studenten als Empfehlung herausgab. Polizeiübergiffe häufen sich. Mal erschießt man einen Mann in einem Berliner Brunnen; mal überwältigt man mit brachialer Gewalt einen Passanten, der nicht gleich spurt. In meinem Nachbarhaus wurde vor einigen Jahren ein Mann von der Polizei erschossen, der psychisch krank war. Er habe in seiner Wohnung randaliert und drei Beamte sahen keinen anderen Ausweg als den Gebrauch der Schusswaffe. Er wurde nach Medienangaben 67 Jahre alt. Ermittelt wurde nur sehr zögerlich bis gar nicht.

Amnesty International meldete schon vor Jahren, dass Polizeigewalt in Deutschland stark im Kommen sei. Und dass »mutmassliche Misshandlung und unverhältnismässige Gewaltanwendung« kaum Ermittlungen nach sich zögen. Transparenz gäbe es keine. Man decke in einen solchen Verdacht geratene Beamte eher noch.

Nein, ich will hier nicht die Vulgarität des RAF-Slangs bemühen und eindimensional behaupten, dass alle Bullen Schweine seien. Nein, das sind sie nicht! Viele von ihnen sind selbst nur das Instrument »höherer Interessen«, werden irgendwo hingestellt und bekommen den Auftrag, den Knüppel mächtig niederrauschen zu lassen. Gleichzeitig scheint die Polizei heute aber auch interessanter für Menschen zu sein, die ihre kleine, vom Staat verliehene Macht, gerne an anderen ausleben. Eine Ausbildung, die die »Kraft der Arroganz gegenüber dem Bürger« zulässt, wo eigentlich Bürgernähe gefordert wäre, tut ihr Übriges. Die Mehrzahl derer, die zur Polizei gehen, sind - und waren wohl nie - Leute mit Vorliebe für Gerechtigkeit. Da man die Gerechtigkeitsdebatte aber heute für überholt ansieht, muss auch die Polizei kein erhöhtes Interesse an »Gerechtigkeitsjünger« mehr aufweisen.

Grundsätzlich wollte ich nicht von einem Polizeistaat oder der durch und durch verlotterten Staatsgewalt sprechen. Aber dass man gleich den Niedergang des öffentlichen Friedens beschwört, nur weil die Polizei nicht mehr in voller Montur vor die Stadien dieser Republik zieht, das ist einfältiges Sicherheitsdenken und bestätigt nur, im welchen Paralleluniversum mancher Empörte zu leben scheint. Dass nämlich Absentia, also die Abwesenheit von Polizei, auch deeskalierend wirken könnte, auf die Idee kommt man im Staate polizeilich bewachter Biederleute eher nicht.

Denn wie viele fühlen sich mittlerweile durch die Präsenz von Polizisten mit Helm auf dem Kopf, Schild am Arm und Schlagstock im Halter bedroht? Mir wird trotz kühler Ratio flau im Magen, wenn ich bei Veranstaltungen solche Polizisten, die eher einem »Militär für das Inland« gleichen, in die Menge gaffen sehe. Wie mag es da manchem emotionalisierten Fan ergehen, wenn er aus dem Stadion kommt und durch so ein Spalier marschieren muss? Weniger bringt manchmal vielleicht mehr.

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Als Oblomow nicht aus dem Quark kam und die Leute selbigen redeten

Freitag, 8. August 2014

Nach diversen Schlagzeilen fachsimpeln die Leute gerne. Einer sagte mir, dass die in den Nachrichten verbreitete Zunahme psychischer Erkrankungen eine Modeerscheinung sei. Früher habe es das alles schließlich auch nicht gegeben. Man hat das Tief mit Fleiß und Disziplin überwunden und hart angepackt. Es sei Anzeichen der Verweichlichung, dass jetzt so viele Menschen »Psyche hätten«. »Ah ja«, antwortete ich und ging weg. Was will man sich mit Arschlöchern streiten?

Wir haben da einen Kollegen, der seit Monaten nicht mehr zur Arbeit kommt. Er hat wohl depressive Phasen. Immer wieder gibt es Teile der Belegschaft, die ihm das ankreiden. Würde er sich nur zusammenreißen und aufrappeln, dann wäre seine Depression ganz schnell vorüber, heißt es von manchem. Sind sind aber taktvoll, denn solcherlei Ratschläge haben sie für ihn nur in seiner Abwesenheit. Einer hat nun erfahren, dass der schwermütige Kollege täglich bis Mittag pennt. »Kein Wunder, dass es nicht besser wird.« Dass das nicht die Ursache, sondern die übliche Folge von Depressionen sein kann, sollte vielleicht mal irgendeiner erwähnen und erklären. Ich nicht, ich habe auch da nichts mehr dazu gesagt. Man muss wissen, wann man mit Streit noch etwas bewegt oder sich nur noch aufreibt.

Wieder jemand anderes hat mir vor einigen Wochen erzählt, dass eine Führungskraft aus dem Konzern, in dem er arbeitet, verlautbaren ließ, dass der so genannte Burnout keine Sache sei, die man sich in der Arbeit einhandle. Der Burnout-Patient infiziert sich gewissermaßen daheim damit. Er kommt ausgebrannt aus seiner Wohnung und seinem Privatleben und glaubt dann irrtümlich, es sei eine Art Arbeitsunfall geschehen. Wahrscheinlich wollte diese Führungskraft nur mal klarstellen, dass das Privatleben reduziert werden sollte, um am Arbeitsplatz bei voller Gesundheit erscheinen zu können. In manchen »Leistungsträgern« schlummert tatsächlich noch immer eine latente Bereitschaft zum Gulag. 

Ich glaube zwar auch nicht, dass der Burnout eine komplette Arbeitserkrankung ist. Viel mehr spielen da verschiedene Komponenten des modernen Lebens mit hinein. Wobei Gontscharows »Oblomow« zu belegen scheint, dass es ausgebrannte Zeitgenossen auch schon gab, als dieses moderne Leben noch nicht den Takt angab. Aber Erscheinungen wie lange Arbeitswege, Hektik auf allen Wegen, Menschenaufläufe, dazu private Verpflichtungen oder familiäre Probleme, die in Zeiten der Hetze nicht mehr adäquat behandelt werden, können einem schon zusetzen und desillusionieren. Dieses Phänomen ist aber eben nicht ausschließlich privat. Und da die Menschen jeden Tag zwischen sieben und zwölf Stunden für die Arbeit aufbringen müssen, dürfte dieser Faktor natürlich primäre Ursache sein.

All diese Ratschläge und Empfehlungen, die man Leuten mit psychischer Erkrankung angedeihen lässt, erinnern mich immer an ein bestimmtes Lied der »Biermösl Blosn«: »Sind Sie ein armes Würschtel, Sozialhilfeempfänger? / Haben Sie bei der Bank schon seit längerem einen Hänger? / Macht Sie die nächste Ratenzahlung schon bang und bänger? / Dann werden Sie doch einfach reich / dann werden Sie doch einfach reich / und zwar nicht irgendwann, sondern am besten gleich / am besten gleich.« So simpel kann die Welt manchmal sein. Man muss sich halt nur wahlweise für den Reichtum oder für die seelische Gesundheit entscheiden, nicht wahr?

Worauf ich hinauswill: So richtig weiter sind wir nicht. Gut, die Menschen gehen nun mit ihren psychischen Geschichten zum Arzt, nehmen diese Symptome ernster als früher. Aber Verständnis bekommen sie von ihrem Umfeld noch immer nicht uneingeschränkt. Eine harte und raue Arbeitswelt, in der man nur durch schroffen Einsatz von Ellenbogen weiterkommt, erlaubt solche Kinkerlitzchen nicht. Das färbt auf alle Marktteilnehmer ab, sodass eben auch Kollegen das seelische Dilemma als übersensible Anwandlung abtun, die man gefälligst hintanstellen soll. Die zur Schau getragene Unaufgeklärtheit in dieser Frage präzisiert bloß, dass auch Kollegen in diesem System knapper Jobs und gewollter Prekarisierung nur Gegenspieler sind.

Von überall her kommen diese Unverständigen und Besserwisser, die einem erklären, dass seelisches Ungleichgewicht Eigenverantwortung sei, eine Frage schlechten Charakters oder einfach nur ein hypersensibilisierter Auswuchs, den man sich nicht leisten darf. Sie raten heutigen Schwermütigen wie zu Oblomows Zeiten Arbeit und geregelte Struktur. »Mensch, steh' auf, die Sonne scheint, raus aus den Federn, nur keine Traurigkeit vorschützen!« Als sei der eigene Antrieb etwas, was man auf Knopfdruck auslösen könne. Wie der Prokurist in Kafkas »Die Verwandlung« stehen sie vor Gregor Samsas Türe und mokieren sich, dass man »leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden« müsse. Sie sind wie diese Leute von gestern. Noch nicht im Heute angelangt. Immer noch die alten Lieder singend. Stell dir vor es ist medizinischer Fortschritt - und keiner kapiert es.

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Die Sozialrebellen

Donnerstag, 7. August 2014

Wer jetzt glaubt, dass Christine Haderthauer fertig sei, der hat die Mechanismen des bayerischen Establishments nicht begriffen. Affären und Skandale schaden nicht – sie sind Initiationsritus. Wenn man den richtig managt, sitzt man in Bayern fester im Sattel denn je.

Die sogenannte »Modellauto-Affäre« ist natürlich ein dreckiges kleines Geschichtchen, in der Dreistigkeit, elitäre Impertinenz und Bereicherung auf Kosten eines Dritten sich zu einem Lehrstück in Sachen Geschäftstüchtigkeit mausert. 2,6 Millionen Euro haben die Haderthauers mit Modellen verdient. Der Künstler, ein in Haft sitzender Mörder, erhielt dafür lediglich 200 Euro im Monat. Die ganze Affäre ist eine bodenlose Frechheit, ein abermaliger Beweis, wie sich als moralische Instanzen aufführende Menschen aus dem Establishment, völlig unmoralisch verhalten. Eine weitere Hoeneßiade aus dem Süden.

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Das schröderianische Menschenbild

Mittwoch, 6. August 2014

Die Sozialdemokraten haben sich in den letzten Jahren rhetorisch stark darum bemüht, ihren Schröder-Geruch loszuwerden. Man sei vom strikten Agendakurs abgekommen, habe eingesehen, dass vieles was damals reformiert wurde, nicht richtig klappt oder aber grundsätzlich Verschlechterungen mit sich gebracht habe und möchte sich daher heute wieder als eine progressive Kraft verstehen. So in etwa gab sich die alte Dame jedenfalls häufig.

In jenem Diskurs, der als eine Art von Emanzipation vom schröderianischen Erbe angesehen wurde, ging es vor allem um das Menschenbild, das diese Partei vertritt oder doch vertreten sollte. Muss man den Menschen durch Anreize ansticheln? Ist er ein infantiles Wesen, das ständig verfolgungsbetreut gehört? Wieviel Mündigkeit kann man ihm erlauben? In Hartz IV kulminierte letztlich auch diese Frage nach dem Menschenbild. Man definierte es in etwa so: Der Mensch ist faul, wenn man ihm keine Hürden in den Weg legt. Er muss angetrieben und drangsaliert, muss zu einem »anständigen Leben« gedrängt werden. Die Sozialdemokratie nach Schröder wollte eine politische Ausrichtung sein, die Hartz IV mit einem menschlicheren Antlitz ermöglichen sollte. Das heißt, sie gab vor, das im Sozialgesetzbuch II manifestierte Menschenbild, ansatzweise abwandeln zu wollen. Der arbeitslose Mensch sei ja keine rechtlose Verfügungsmasse des Verwaltungsapparates, sondern auch ein Bürger.

Theoretisch jedenfalls. Im Wahlkampf jedenfalls. Praktisch sieht es anders aus. Gabriel hat neulich etwas bei einem Kongress der Energiebranche konventionelle Kraftwerke gesagt: »Was der Kapazitätsmarkt nicht werden kann, ist so was wie Hartz-IV für Kraftwerke: Nicht arbeiten, aber Geld verdienen.«

Es kann ja sein, dass die heutige SPD alle Auswüchse der Agenda 2010-Zeit nicht mehr teilt. Sie hat vielleicht eingesehen, dass die Aufbruchstimmung bei Anbeginn von Hartz IV unberechtigt war, dass dieses Verwaltungsprogramm von Erwerbslosen einen Niedriglohnsektor stützt, den man rückblickend als eigentlich gar nicht (mehr) gewünscht ansieht. Viele Einzelschicksale, die durch die Medien gingen, haben den wiehernden Amtsschimmel auf Basis von Hartz IV verdeutlicht und auch der SPD nahegelegt, dass da vieles völlig falsch lief und auf reinem Arbeitgeberinteresse basierte. Aber das Menschenbild, das hat sich offenbar nicht verändert. Für den Vorsitzenden der Partei sind Arbeitslose immer noch Leute, die für ihren Müßiggang entlohnt werden.

Das ist nicht nur ein rhetorischer Lapsus, eine coole Floskel vor Unternehmern. Da schwingt ein verankertes Gesellschaftsbild mit. Der Arbeitslose ist jemand, der Geld ohne Leistungserbringung bekommt. Dass er Opfer ökonomischer Entwicklungen und politischer Entscheidungen ist, hört man aus solchen Vergleichen eher nicht heraus. Aber man hört auch heraus, dass es den Arbeitslosen ja an sich nicht übel geht. Die müssen nicht früh aufstehen, verdienen aber trotzdem Geld. Nein, liebe Kraftwerke, so ein paradiesisches Dasein ist für euch nicht drin!

Dass beim Mindestlohn Hartz-IV-Empfänger temporärer ausgeschlossen bleiben, haben die Sozialdemokraten mit politischen Zwängen erklärt. Mehr sei mit der Union nicht möglich gewesen. Gabriel legte nun nach und macht deutlich, dass die gesellschaftliche Gruppe der Langzeitarbeitslosen auch keine moralische Lobby oder gar Sympathie in der Parteispitze zu genießen scheint. Das schröderianische Menschenbild ist noch aktiv, wirkt noch nach. Hartz IV ist zwar in der Form schiefgelaufen und brauche neue Ansätze, aber dass die Menschen, die in diesem System feststecken, ganz sicher »schwierige Personen« sind, um es mal vorsichtig zu formulieren, das scheint als »Wahrheit« weiterhin das Menschenbild zu bestimmen.

Es ist dasselbe Menschenbild, dass unlängst mal wieder einen FDP-Simpel auf den Plan rief, Hartz-IV-Empfänger in Gebiete am Stadtrand auszuweisen. Banlieus seien keine Zumutung, um Sozialhilfeempfänger von denen zu trennen, die ihr Geld selbst verdienen, meinte Lindemann sinngemäß. Von Gabriel zu Lindemann ist es von der Geisteshaltung in dieser Frage gar nicht mehr so weit..

Das Menschenbild der schröderianischen Reformjahre tickt immer noch. Es scheint das einzige, was aus jenen Jahren geblieben ist. Schröders Erbe ist das »Gerücht über die Arbeitslosen«. Seine politischen Nachkommen, die sich von ihm distanzieren, sind mit dieser Agenda herangewachsen. Sie haben Schröders Satz, wonach es »ein Recht auf Faulheit« nicht gibt, noch immer im Kopf und verbinden dies mit Arbeitslosen. Früher hat man Faulheit in dieser Partei mit den Rentiers, den Abstaubern, Kapitalisten, reichen Erben und Adligen verbunden. Damals hätte Gabriel auf die zurückgegriffen, um »das süße Nichtstun« bildlicher zu machen. Heute holt man bei den Sozis die Leute heran, die Hartz IV beziehen. Einen etwaigen Vergleich mit Obermann kann man sich auch unter Sozis nicht mehr vorstellen. Denn solche Leute sind ihnen näher als die, die sie in die Lebenskrise gestürzt haben.

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Kurz kommentiert

Dienstag, 5. August 2014

»Dass die Ebola-Epidemie in Westafrika schon mehr als 730 Tote gefordert hat, haben sich die Verantwortlichen in den Ländern auch selbst zuzuschreiben.«
- Peter-Philipp Schmitt, Frankfurter Allgemeine am 1. August 2014 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Meine Güte muss es das Blatt des deutschen Konservatismus nötig haben, das deutsche Gesundheitswesen mit den medizinischen Katastrophen in »Liberia, Guinea, Sierra Leone, aber auch [den] ›klassischen‹ Ebola-Ländern Kongo und Uganda« vergleichen zu wollen. Gegenüber Ländern, die ökonomisch nicht in der Lage sind, eine Infektionskrankheit in den Griff zu bekommen, kann man glänzen und natürlich ein wenig überheblich sein. Schmitts kurze Analyse ist Balsam für die Seele aufgeklärter Konservativer aus dem Westen. Wenn er so tut, als sei in den genannten Ländern Informationspolitik die halbe Miete im Kampf gegen Ebola und ähnliche Krankheiten, dann ist er zwar einseitig, aber genau das liest man bei der »Frankfurter Allgemeinen« besonders gerne.

Das mit der Informierung ist natürlich überzogener Unsinn, der nicht die Wurzel der Probleme ist, sondern der Ablenkung von ihnen gilt. Mal von der Tatsache abgesehen, dass Informationen in den genannten Ländern nicht einfach über Massenmedien kommunizierbar sind. Aufklärung ist ein Zustand, der in ökonomisch gesünderen Gesellschaft funktionieren kann. Dort wo Armut, Hunger und informative Mittellosigkeit herrschen, ist sie als Empfehlung nichts weiter als Arroganz. Aber so begegnet der Westen diesen Entwicklungsländern ohnehin am liebsten.

Man darf bei aller Sorge ja nicht vergessen, dass diese Länder eben nicht unabhängig die Versorgung ihrer Bürger unterlassen. Sie sind freilich nicht unschuldig - aber sie tun es eben auch, weil die Mittel fehlen und weil die Erträge für etwaige Ressourcen in die Industrieländer abwandern. Westliche Konzerne leiten ihren Unrat aus der Kautschukproduktion in Liberias Abwässer und Menschen erkranken. Ist das medizinische Problem also rein hausgemacht? Wollen die westlichen Profiteure auch hier eine gute Informationspolitik verwirklicht sehen? Ähnlich sieht es bei der Ausbeutung der Rohstoffe in Sierra Leone aus.

Nein, so einfach wie Schmitt kann man es sich nicht machen. Aber gut, wahrscheinlich diente das Bashing afrikanischer Entwicklungsländer auch eher dazu, die konservative Seele zu streicheln. Denn so ist Ebola nur deshalb in der Welt, weil Afrikaner keine Aufklärung betreiben. Selbst schuld. Ach, wie gut wir es doch bei uns haben.

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