Das Armutszeugnis mit dem Armutszeugnis

Donnerstag, 29. Januar 2015

Kann man von Hartz IV leben? Das fragen sich hin und wieder einige Medien und starten Selbstversuche. Sie schicken dann einen Journalisten in Armut auf Zeit und glauben so, sie könnten einordnen, was Armut wirklich bedeutet. Doch temporäre Armutszeugnisse haben keinen Erkenntniswert.

Jetzt berichtet mal wieder das »Handelsblatt« von einem Selbstversuch in Hartz IV und weiß: »Verhungern muss man nicht«. Es nimmt die Leser mit in das Land der Armut, erklärt wie es so läuft und man erfährt quasi am eigenen Leib, wie sich der Habenichts so fühlen muss. Seit Einführung von Hartz IV hat es vieler solcher Selbstversuche von Zeitungen und Magazinen gegeben. Es lief stets so, dass man einen investigativen Kollegen auf Regelsatzniveau schickte, damit der mal wenig zu kauen hat und aus eigener Körpererfahrung heraus berichten kann. Wer mal einen oder zwei Monate so zubrachte, müsse ja schließlich wissen, wovon er da schreibt. Augenzeugenberichte sind immer die, denen man am meisten glaubt. Und wenn dann die Erfahrung auch noch durch den leeren Magen ging, wächst die Glaubwürdigkeit gleich noch etwas an.

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Die Pressevielfalt und die Gleichschaltung

Mittwoch, 28. Januar 2015

Deutschland ist heute froh über seinen Meinungs- und Medienpluralismus. Mensch, wir haben doch Pressefreiheit, hört man oft die Leute durchatmen. Gut, nicht alles läuft richtig, aber eine Lügenpresse haben wir fürwahr nicht zu ertragen. So einfach können wir es uns nicht machen. Wenn es denn überhaupt mal eine Lügenpresse gegeben hat, dann war es die, die die braunen Jahre dieses Landes begleitete. Aber selbst das ist nicht ganz so einfach.

Ich erinnere mich nämlich an Sebastian Haffner, wie er in »Von Bismarck zu Hitler« die Medienlandschaft in den Jahren von 1933 bis 1938 skizzierte. Eine totale Gleichschaltung schloss er aus. Man habe wahrscheinlich die Kriegspropaganda der späteren Jahre vor Augen gehabt und angenommen, dass es vorher in Nazi-Deutschland schon genauso war. Laut Haffner war es aber so nicht. Pressevielfalt gab es da durchaus noch, »wer die Frankfurter Zeitung las, der bekam die Dinge in ganz anderem Ton und Stil dargestellt als jemand, der den Völkischen Beobachter las.« Zeitungsleser hatten nicht etwa nur die Wahl zwischen identischen Zeitungen mit verschiedenen Namen gehabt. Jede Zeitung pflegte ihren Stil. Und wer die antisemitischen Tiraden des »Stürmer« nicht mochte, las eben eine andere Zeitung, die das Antisemitische ziemlich heraushielt.

Eine softe Gleichschaltung hat es natürlich schon gegeben. Goebbels setzte zwar nicht die Agenda, gab aber Richtlinien und die Sprachregelung vor. Nicht jede Kleinigkeit wurde vom Propagandaministerium bis ins Detail geplant. Auch der zeitungseigene Stil sollte unbedingt beibehalten werden. Aber welche Nachrichten unterdrückt oder unauffällig bleiben sollten, darüber wurde ich Zusammenkünften befunden. Eher selten diktierte man den Redaktionen Leitartikel ins Blatt. Man legte wert darauf, dass ein Bild von Vielfalt herrschte. Und man wusste, dass der ehemaligen Wähler der Sozialdemokraten einen anderen Stil bevorzugte, als der SA-Schläger von einst. Nicht alles durfte sich daher so anhören, als habe es Julius Streicher diktiert. So hätte man an Glaubwürdigkeit und Rückhalt verloren. Das Volk musste behutsam bei Laune gehalten werden. Behutsam und milieuspezifisch.

Haffner nannte das eine »fast genial zu nennende Form der Manipulation«. Sie war beileibe nicht total, aber doch so, dass man das Resultat erhielt, das man wollte: Ein Volk, das Meldungen erhielt, die nicht besorgten, während es noch glaubte, es habe die Wahl zwischen verschiedenen Interpretationen des Geschehens: Das war der ganze Trick. Das war auch der Grund, warum die Masse kaum merkte, wie sie eingelullt wurde. Sie wähnte sich ja noch im Pluralismus der Anschauungen.

Insofern ist es schon ein bisschen bequem, wenn man heute so tut, als sei die Gleichschaltung ein Akt gewesen, der mit gnadenloser Eintönigkeit in ganz engen Rastern gehalten wurde. So lief es nicht ab. Aber die Vorstellung ist praktisch, weil dann die heutigen Ansätze von medialer Anpassung und Abstimmung aussehen, als hätten sie mit den damaligen Prozessen nichts gemein. Manches davon ist sich aber gar nicht so unähnlich. Es ist einfach nur Anpassung, sich der Macht unterwerfen und dabei so ein bisschen interpretatives Alleinstellungsmerkmal bewahren. Nichts wiederholt sich. Aber vieles wirkt manchmal ein bisschen ähnlich.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 27. Januar 2015

»Hier schwand zumeist alle Logik, und der § siegte, der § drosselte, der § verblödete, der § prasselte, der § lachte, der § drohte und verzieh nicht. Es waren Jongleure des Gesetzes, Opferpriester der Buchstaben des Gesetzes, Angeklagtenfresser, Tiger des österreichischen Dschungels, die ihren Sprung auf den Angeklagten nach der Nummer des Paragraphen berechneten.«

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Von der afrikanischen Hochebene an den Rhein

Montag, 26. Januar 2015

oder Eine kurze Geschichte der Flucht.

Die Vandalen haben es gemacht. Die Ostgoten auch. Und die Mongolen viel später sowieso. Später rief ein neuer Kontinent »Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen!« und sie kamen. Aus England, Frankreich, Österreich und auch aus Deutschland. Die Situation in diesen Ländern war halt schlecht. Aber man braucht doch Arbeit, wenn man nicht verhungern will.

Arbeit und fruchtbare Böden. Das sind eben die Grundbedingungen, um überleben und vielleicht sogar ein klein wenig leben zu können. Die Böden gaben damals noch nicht so viel her in Europa. Die Düngerevolution steckte noch in den Kinderschuhen. Die hungrigen Mäuler wurden jedoch immer mehr. Also taten sie, was sie konnten und nahmen ihre Beine in die Hand und wurden wirtschaftsflüchtig. Letztlich war das nichts anderes. Und letztlich ist die Menschheitsgeschichte eine Aneinanderreihung von Wirtschaftsfluchten. Die einen lesen die Geschichte als Widerstreit von Klassen. Die anderen zogen sich auf Rassen zurück. Man könnte aber auch sagen, dass sie aus Wirtschaftsfluchten besteht. Und darauf sollte man im Hinblick auf das, was in vielen deutschen Straßen und Köpfen derzeit los ist, mal dezidiert hinweisen.

Die Vorfahren der Deutschen haben sich an Rhein, Donau und Elbe angesiedelt, weil sie dort besser leben konnten als dort, woher sie kamen. Das ist normal. Menschlich. Manche zogen weiter, weil es für sie nicht reichte. Zu allen Zeiten. Zuletzt hauten wieder viele Deutsche ins Ausland ab. Das reichte sogar für eine Sendung im Privatfernsehen. Dort nannte man die Leute, die von der wirtschaftlich schlechten Situation flüchteten, aber einfach nur »Auswanderer«. Das hört sich neutraler an. Ist ja auch ein bisschen was anderes.

Das ist doch nicht vergleichbar, wird mancher nun sagen. Die Deutschen, die heute ins Ausland gehen, kommen ja nur selten als Bittsteller. Sie flüchten ja nicht, sie gehen weg. Aber macht das so einen großen Unterschied? Ist das Prinzip nicht dasselbe? Man übernahm die Wirtschaft in Benidorm doch nur, weil sie in Castrop-Rauxel nicht lief. Ist das etwa keine Wirtschaftsflucht?

Wir sind alle Enkel und Kinder von Wirtschaftsflüchtlingen. Das ist unser Erbe. Der Antrieb, Gegenden zu verlassen, die das Auskommen nicht gewährleisten, ist keine kriminelle Handlung, so wie das diverse konservative Politiker oder die Abendlandser auf deutschen Straßen meinen. Es ist menschliche Normalität. Ein Urprinzip, wenn man so will. Aus der afrikanischen Hochebene eroberten wir Menschen die Welt. Zogen weiter und weiter. Wo die Erde mehr hergab, dort blieben wir. Bis die Natur ausgebeutet war. Bis die Menschen sich um Ressourcen bekriegten. Dann hieß es flüchten. Irgendwo würde man wieder glücklich werden. Das ist der Lauf der Welt. Wird Zeit, dass man das begreift.

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Frechheit, die die Seiten gewechselt hat

Donnerstag, 22. Januar 2015

Was darf Satire? Alles! Das stimmt und stimmt nicht. Denn Satire hat auch mit dem Mut zu tun, dem mächtigen König die Leviten zu lesen und nicht den wehrlosen Bauern. Wenn Satire überhaupt etwas bedeutet, dann das: Denen »da oben« und dem Massengeschmack eines auszuwischen.

Jetzt stellen sie sich mal wieder die Frage, was Satire so alles darf und soll. Bedenkenträger sehen Grenzen. Andere glauben, es gibt keine. Das langweilt schon langsam. Alle Jahre wieder ein solcher Diskurs. Seit Tucholsky. Mich würde indes interessieren, ob jedes Gekrakel als Satire durchgehen soll. Und ist es eigentlich Satire, wenn man in einem Klima allgemeiner Islamfeindlichkeit die Symbolik des Islam verspottet? Denn immerhin ist das Wort »Satire« die Schöpfung eines Kynikers. Menippos von Gadara nannte so seine kynischen Spottverse. Der Kyniker war grundsätzlich einer, der gegen »die da oben« war, gegen die Mächtigen, den Mainstream und den Zeitgeist. Das Gegenteil davon ist der Zyniker. Besser gesagt nicht das Gegenteil, sondern seine evolutionäre Fortentwicklung.

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Das Themenregal macht den Unterschied

Mittwoch, 21. Januar 2015

Was ist denn nun eigentlich mit Houellebecq? Das fragte mich letzte Woche eine Leserin. Sie wusste wohl, dass ich den Mann früher gerne gelesen habe. Vielleicht noch tue. Aber »Karte und Gebiet« hat mich zuletzt nicht so richtig überzeugt. Aber Tatsache ist wirklich, dass ich mich mit seinem Werk ganz gut auskenne. Was ist also mit ihm? Sollte man ihn jetzt nicht schelten und als anständiger Mensch (und Linker) seinen neuesten Roman obendrauf moralisch ächten? Ich finde allerdings nicht, dass man das sollte.

Quelle: Reuters
Schlecht sieht er aus, der Houellebecq. Richtig schlecht. Ich habe mich erschrocken, als ich ihn neulich erblickte. Seine Bücher verkaufen sich gut, er sollte also kein schlechtes Leben führen. Aber er sieht genau danach aus. Als reichte seine Stütze nicht. Aber gut, das ist eine andere Sache. Zum Thema: Der Mann war immer latent islamfeindlich. Feindlich wohlgemerkt. Er war eben kein Islamkritiker, denn die Moslems, die in seinen Büchern in Nebensätzen vorkamen, waren stets entmenscht, ohne Gesicht und natürlich gewalttätig. Ich ignorierte es. Jeder Roman braucht Bösewichte. Eine dumpfe Gefahr, die unerklärlich scheint. So funktionieren Geschichten. Die Wirklichkeit geht aber anders. Sie kann sich Eindimensionalität nicht leisten. Der Romancier schon.

Und da sind wir schon beim wesentlichen Kern, wieso ich Houellebecq nicht ächten möchte. Der Mann ist Schriftsteller. Kein Chronist im eigentlichen Sinne. Er erzählt Geschichten und manchmal auch Märchen. Er überspitzt, weil das zu seinem Metier gehört. Und es ist ja nicht nur so, dass er nur den Islam in seiner Gesichtslosigkeit überspitzt. Er tut es auch bei seinen Hauptfiguren, immerhin Leute aus der westlichen Leistungsgesellschaft. Das sind meist total fertige Charaktere. Sind Verlierer ohne Illusionen. Säufer und sexuell Verklemmte. Sie sind steril in ihrem Auftreten und ihre Gedankenwelt ist düster und von allen Idealen befreit. Perspektiven haben sie nur noch beruflich. Sonst gibt es nichts mehr, worauf sie hinarbeiten können. Man stellt sie sich mit traurigen Augen vor. Insofern sind Houellebecqs Bücher mehr Kritik an der westlichen Welt, als an allem anderen. Auch sein neues Buch ist eine solche Kritik.

Er sagte im Zuge seiner aktuellen Veröffentlichung, dass er früher den Koran nie gelesen habe, ihn aber Scheiße gefunden habe. Mittlerweile sehe er das aber anders. Er war damals also nicht kritisch im eigentlichen Sinne, sondern hat Muslime in seinen Büchern nur mit Vorurteilen unterfüttert. Mich hat das zwar immer leicht gestört. Aber ich habe es ihm verziehen. Weshalb? Weil ich an die künstlerische Freiheit glaube. Ein Autor sollte seinen Protagonisten Dinge sagen oder machen lassen können, die nicht korrekt sind. Man muss sie ihm ja nicht gleich persönlich in die Schuhe schieben. Das ist der große Unterschied zwischen Leuten, die eugenische Abhandlungen auf den Sachbuchmarkt werfen und solchen, die Romane schreiben. Der eine erzählt eine Geschichte - der Sachbuchautor, der mir gerade im Kopf rumschwebt, hat aber nur Märchen erzählt. Und das im falschen Themenregal - und genau dieses Themenregal macht den Unterschied. Hätte der andere einen eugenischen Roman geschrieben, wäre mir das egal gewesen. Vielleicht hätte ich ihn sogar gelesen.

Dass Houellebecq ein Kritiker des modernen Westens ist, dürfte auch in seinem neuesten Buch erkennbar sein. Die Moslems, die in Frankreich an die politische Macht kommen, handeln nicht einfach nur aus Boshaftigkeit und Machtwahn parlamentarisch, sondern weil das französische Bürgertum mehr und mehr versagt und sich den Le Pens an den Hals wirft. Diesen Aspekt sollte man jetzt nicht vergessen, wenn man den Mann zum neuen Islamhasser stilisiert. Er sieht den islamischen Gottesstaat in Frankreich nicht als Produkt islamischer Weltgeltungssucht, sondern als Reaktion auf das, was in der westlichen Welt an Islamophobie heranwächst. Seine Geschichte ist die von lauter Verrückten, die sich gegenseitig hochschaukeln.

Überhaupt war der Mann in allen seinen Büchern der Ansicht, dass die westliche Leistungsgesellschaft einen eklatanten Mangel an Ordnung aufweist. Er kokettierte stets mit seiner Trauer darüber, dass es eine gottgegebene Ordnung nicht mehr gibt. Der moderne Liberalismus ist für ihn ein offener Vollzug, in dem lediglich das denkbar Schlechteste nach oben schwappt. Alles ist durcheinander und Chaos, keine Kirche sagt mehr, wo es langgeht. In »Ausweitung der Kampfzone« kommt er mehrmals darauf zu sprechen. Spätere Bücher sprechen eine ganz ähnliche Sprache. Deswegen taugt der Mann aus meiner Sicht noch weniger als Zündler. Er muss ja geradezu eine klammheimliche Freude an jedem Fanatiker verspüren, der eine Ordnung wiederherstellt, die er als verloren beklagt.

Ich finde die Idee seines neuen Buches ehrlich gesagt nicht besonders originell. Da war der gute Mann schon mal weiter. Aber ich habe keine Lust, den Kerl zu verurteilen. Er liefert Geschichten. Was er damit ausdrücken will, ist eine ganz andere Sache. Und ein eindeutiger Islamfeind ist er sicher nicht. Dazu hat er zu viele Facetten. Man kann ihn gar nicht so zwischendrin mal schnell einordnen, wie das jetzt die Presse macht.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 20. Januar 2015

»Woher genügend Finger nehmen, um auf alle Sauereien zu zeigen - oder zumindest im Vorübergehen an jedem Saustall anzuklopfen?«

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Die Wahl, keine Wahl zu haben

Montag, 19. Januar 2015

Demokratie? Aber selbstverständlich. In Europa gibt es sie noch. Die Griechen können wählen wen sie wollen. Sie sind doch ein freies Volk. Aber wenn sie diesen einen da wählen, diesen jungen linkischen Kerl, der nie Schlips trägt, dann ziehen wir natürlich einen Schlussstrich. Mit dem verhandeln wir erst gar nicht. Wir sind immerhin auch ein freies Volk, nicht wahr?

Diktatur ist das nicht. Keine Bange. Wir haben irgendwas zwischen ihr und der Demokratie erwischt. So einen Zwitter. Was für uns hier die »marktkonforme Demokratie« sein soll, ist für Griechenland die »merkelkonforme Demokratie«. Ein Staatswesen, in dem die freie Willensbekundung immer mit Blick auf Berlin und Brüssel absolviert werden soll. Denn wenn Demokratie Freiheit bedeutet, dann bedeutet sie im aktuellen Europa, sich als Volk und Wähler nur die Freiheit zu nehmen, die man zuerkannt bekommt. Aber man ist faktisch trotzdem frei, keine Gesinnungspolizei inhaftiert einen oder erklärt Wahlen für ungültig. Aber wenn sie Resultate zeitigen, die auf höhere Ebene nicht gefallen, klinkt man sich aus und wird pampig, wirft die Griechen aus dem Verband oder droht mit dem Währungsentzug.

Ich hörte ja schon oft, dass die Europäische Union eine besondere Form der Diktatur sei. Dieses Urteil ist zu hart. Klassisch diktatorisch ist sie mitnichten. Führererlässe gibt es nicht. Manchmal ist diese internationale Vereinigung sogar liberaler als es die jeweiligen nationalen Regierungen sind. Oft kommt das nicht vor, aber hin und wieder geschehen Zeichen und Wunder. Was die EU in den letzten Jahren geschaffen hat, ist eine ganz neue Staatsform, die nicht Dikatur, aber eben auch nicht grundsätzlich demokratisch ist. Sie liegt irgendwo dazwischen. Ist eine Herrschaftsform, die mit dem schlechten Gewissen arbeitet, die verängstigt und klar macht, dass demokratische Willensbildung etwas ist, was man sich verdienen muss. Im pekuniärsten Sinne des Wortes. Einen Namen gibt es für dieses Phänomen allerdings noch nicht.

Merkel drohte einem Volk, noch bevor es zur Wahlurne geht. Sie tat es mit ihrem üblichen Understatement-Größenwahn. Spielte sich als konstituierende Vollversammlung auf, die sich nach demokratischen Wahlen gemeinhin formiert, um dem Wahlergebnis Rechnung zu tragen. Sie gab sich Deutungshoheit eines Wahlresultats, das ihr nicht in den Kram passt. Diese standhafte Demokratin, als die sie sich verkauft, hat das Wesen dieses Herrschaftsprinzips immer noch nicht begriffen. Wir brauchen uns nicht wundern, dass antidemokratische Kreise Aufwind haben. Denn unsere Demokraten, die wir so haben, haben selbst ein Problem mit einer Demokratie, die sich wehrt, die sich nicht genau die Metzger an den Messergriff votiert, die man gerne dort sähe.

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Fehler, die einer macht, wenn er zu viel schreibt

Freitag, 16. Januar 2015

Es gibt so viele Themen, denen ich mich heute widmen könnte. Die Welt ist voller Probleme. Ich könnte einfach zugreifen und schreiben. Alleine es geht nicht. Denn wenn die eigene kleine Welt voller Probleme steckt, dann kümmert einen Weltbewegendes nicht mehr. Ich bin da nicht anders wie andere. Die Weltsorgen sind nichts, wenn man selbst welche hat. Sie rücken weit in den Hintergrund. Seid also nicht enttäuscht, wenn ich heute nichts Substanzielles liefern kann.

Ich habe mich in den letzten Monaten zu viel in Themen verloren, die in meinem Privatleben nicht die erste Geige spielen sollten. Aus Überzeugung. Weil ich schreibe. Und weil ich schreiben kann. So arrogant bin ich einfach mal. Aber darüber habe ich einige Menschen vergessen. Einen besonders. Den wichtigsten. Jede Woche mussten es fünf oder sechs Texte sein. Dazu Lohnarbeit, die immer mehr wurde. Sonderschichten. Und das Manuskript für ein neues Buch. Das war viel Arbeit, viele Stunden am Rechner. Viel Vernachlässigung. Und dann gab es so viele Phasen, in denen ich nichts sprach, mich abschottete, weil mich eine kleine Blockade quälte. Schließlich musste ich mein Pensum erfüllen. Das setzte mich dermaßen unter Druck, dass es mich mürrisch und gereizt machte. Vielleicht kennt der eine oder andere Schreiber das ja. Weiß von den Mechanismen, die sich einschleichen können. Man muss auch als jemand, der täglich publiziert, einen Mittelweg finden. Auch wenn der Arbeitsplatz zuhause ist, muss man trennen zwischen Privatheit und Freiberuf. Sonst geht es schief.

Aber es gab durchaus genug Texte. Trotz Blockaden. Und mit jedem Text, der die Widerlichkeit unserer modernen Welt thematisierte, wurde ich miesepetriger. Gegenüber vielen. Und gegenüber ihr. Ich tappte in die Falle. Merkte es nicht. Erkaltete. Ging im Schreiben so sehr auf, dass sie das Nachsehen hatte. Schlimmer noch, ich sprach mit ihr wie ein Schriftsteller und Analyst. Als der war ich aber nicht in ihr Leben gekommen. Sie weiß, wer ich bin. Was ich kann. Meine Ansichten mag sie. Sie glaubt an mich. Aber abends will sie den Mann, nicht den Autor.

Jetzt werden einige von euch fragen, was das hier soll. Langweil' uns doch nicht mit deinem Privatkram, werden sie sagen. Vielleicht liegen sie richtig. Schweigen ist Gold und so. Aber ich sage mal so: Ihr alle das draußen, die ihr an der Welt krankt, vergesst nicht die, die die gute Seite eures Daseins in der Welt ausmachen. Vergesst die Menschen an eurer Seite nicht. Bleibt Mensch. Lasst die Weltkritik mal stecken. Ihr müsst die kapitalistische Wirklichkeit ja nicht lieben. Aber hadert nicht noch im Bett mit ihr. Lacht. Zieht euch mit ihr von dem Ärger, den euch das Leben macht, auf das Sofa zurück. Quatscht miteinander. Lasst die Welt Welt sein. Haut mit ihr ab aus dem Trott. Ich habe das über Monate hinweg aus den Augen verloren.

Wenn also in Zukunft mal weniger Text an dieser Stelle erscheint, dann ist das eben so. Wochenenden sollen Wochenenden bleiben. Zuletzt waren Samstagstexte ja Standard. Das muss nicht mehr sein. Das bin ich mir schuldig. Und nicht nur mir. Vielleicht wird es manche Woche nur vier Texte geben. Na und? Keiner geht daran kaputt. Quälen ob fehlender Einfälle werde ich mich nicht mehr. Ich verdiene dann zwar einige Kröten weniger. Doch das ist es mir wert. Alles hat seinen Preis. Aber sie ist unbezahlbar. Wenn du das liest: Mehr sage ich dir später. Unter vier Augen. Die Leute müssen ja nicht alles mitbekommen.

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Wer mit Moral rechnet, braucht mit Moral nicht zu rechnen

Donnerstag, 15. Januar 2015

Der ifo-Chef stellt Kosten-Nutzen-Rechnungen über Migranten an und »Spiegel Online« widerlegt ihn mit einem Faktencheck. Das lässt tief blicken. Denn beide Seiten mathematisieren über die Daseinsberechtigung von Menschen. Der Zeitgeist ist ein Utilitarist.

Da haben sie es dem Professor aber ordentlich gegeben. Mit den eigenen Waffen, haben sie ihn niedergestreckt. Der hatte gesagt, dass Migranten mehr kosten, als sie bringen. Anders gesagt: Zuwanderer rechneten sich überhaupt nicht. Das ist natürlich bester Schmierstoff auf den Mühlen der ganzen Abendlandser, die jetzt patriotisch ihre Heimat säubern wollen. Ein Argument für ihren Straßenkampf gewissermaßen. Aber »Spiegel Online« nahm es auf und entkräftete es. Nahm die Zahlen und die Methode unter die Lupe und kam zu dem Urteil, dass sich dessen Rechenmodell nicht aufrechterhalten lässt. Das liest sich nach einer guten Nachricht. Und nach Aufklärung. Jedenfalls dachte ich mir das kurz, als ich den Artikel las. Irgendwas gefiel mir aber nicht. Ich wusste nur noch nicht, was es war.

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