Alte Phänomene, neu belebt

Mittwoch, 30. Januar 2008

Globalisierung. Mit diesem oft bemühten "neuen Phänomen" entschuldigen und rechtfertigen sich die Reformer gleichermaßen. Zwar strebe man soziale Gerechtigkeit selbstverständlich an, doch die Zeiten des globalen Wettbewerbs erlauben allzuviel Sentimentalität nicht - "Sozialnostalgie" tituliert man verächtlich. Die Globalisierung diktiert uns die Lockerung des Arbeitnehmerschutzes, Senkung (oder gar Abschaffung) von Unternehmenssteuern, Beseitigung von (angeblich zu hohen) Tariflöhnen und dergleichen mehr auf. Selbst unliebsame Wahlresultate lassen sich mit dieser "Allzweckwaffe" abkanzeln. Wenn nicht im Sinne eines entfesselten Wirtschaftsliberalismus gewählt wird - wobei die SPD und Grünen sicher nicht für linksorientierte Politik stehen -, dann hat der Bürger die Globalisierung nur als "bösen Traum" begriffen.

In dieser Weise wird die Globalisierung zum Grund und Übel für den Abbau des Sozialstaates erklärt. Konservative und Linke beten dieses Gleichnis unisono herunter. Gleich einem Axiom steht die These im Raum; sie ist das Fundament, auf dem Rechtfertigungen, Entschuldigungen und weitere Thesen (keine Synthesen, denn die Alternativlosigkeit des totalitären Marktes bietet keine notwendige Antithese an) aufgebaut werden. Diese steinernen These wird nur selten hinterfragt. Ist die Globalisierung - der globale Wettbewerb - eine neue Erscheinung? Entspricht es der Wahrheit, daß sich niemals zuvor Arbeitnehmer aus Deutschland und China in einen Wettbewerb geworfen sahen?

"Heutzutage wird viel gesprochen über - demonstriert gegen - Chancen und Gefahren der Globalisierung. In diesem Kontext betrachten anscheinend viele Menschen die Globalisierung als neues Phänomen, wie auch immer sie ihren Einfluss insgesamt einschätzen - ob als vorteilhaft oder schädlich." - So eröffnet Robert B. Marks - Professor für Geschichte am Whittier College, Philadelphia - sein Buch "Die Ursprünge der modernen Welt - Eine globale Weltgeschichte", in dem er versucht ist, die Geschichte von 1400 bis 1900 (die Phase des Ursprungs der modernen Welt) fern des üblichen Eurozentrismus zu betrachten. Diese Universalität ist sein zentrales Anliegen; der Globalisierungs-Mythos wird nebenher entlarvt: "Ich hoffe jedoch, dass der Leser mindestens einen Erkenntnisgewinn aus diesem Buch ziehen wird, dass nämlich die Globalisierung keinesfalls eine neue Erscheinung ist."

Marks führt auf, daß die Weltgesellschaften bereits im 15. Jahrhundert - mit Ausnahme Amerikas, des südlichsten Afrikas und den größten Teils Ozeaniens - im vom Fernhandel bestimmter Wechselwirkung und Verbindung standen. Drei Faktoren ermöglichten dieses frühneuzeitliche System:
  • Technologischer Vorsprung. Industrielle Erzeugnisse konnten billiger und besser hergestellt werden als im Rest der Welt. (Seide und Porzellan aus China, Baumwollstoffe aus Indien)
  • Klimatische und geographische Zwänge. Einige Naturprodukte waren auf einige wenige Orte der Erde beschränkt. (Gewürze aus Indonesien, Elfenbein und Gold aus Afrika, Duftstoffe aus dem Orient, Silber aus Japan)
  • Verbrauchergeschmack und soziale Konventionen. Die Nachfrage nach Luxus- und Massenartikeln rekrutierte sich aus dieser gesellschaftlichen Komponente. (Vorlieben für Seide, Edelsteine, Perlen; Wertmetalle als Basis für Währungssysteme, wie z.B. Silber in China)
"Die meisten Gesellschaften konnten an diesem Weltsystem teilhaben, indem sie das, was die anderen brauchten, herstellten und verkauften. Die Europäer waren besonders benachteiligt, weil sie den Rest der Welt wenig zu verkaufen hatten, mit der möglichen Ausnahme von Wolle und, im Falle Afrikas, Waffen." - An diesem Punkt entkleidet Marks einen weiteren Teil der neoliberalen Reformesdialektik, die sich hartnäckig in den Köpfen festsetzt: Europa verlöre die Wirtschaftsdominanz von "Gottes Gnaden", um sie an China - das nun endlich an der Reihe sei - weiterzugeben. Der "neue Riese China" erlebte aber bis etwa 1800 eine Phase des Wohlstands und dominierte den Welthandel. Erst danach, durch die Industrielle Revolution, konnten die Europäer China ablösen.

Auch nach 1500 flaute der Welthandel nicht ab, ganz im Gegenteil, denn es erschlossen sich neue Handelspotenziale: "Die Eroberung Amerikas führte zu einem globalen Austausch von Naturprodukten und Nahrungsmitteln, besonders zu einer Bewegung von Nahrungsmitteln aus der Neuen Welt in Richtung der Agrarwirtschaft der Alten Welt. Mais, Kartoffeln, Tomaten, Chili und andere Nahrungsmittel verbreiteten sich rasch über ganz Eurasien und bereicherten gleichermaßen den Speisezettel von Bürgern und Eliten. Süßkartoffeln erreichten zum Beispiel Mitte des 16. Jahrhunderts China und ermöglichten es den dortigen Bauern, ihren Reis zu verkaufen, statt ihn zu verzehren. Die Verbreitung der amerikanischen Getreidesorten in der Alten Welt gestattete es fraglos den dortigen Bevölkerungen, rascher anzuwachsen, als wenn sie bei der alten Ernährungsweise geblieben wären." - Die Handelsrouten zogen sich also um den gesamten Globus. Und nicht nur über den Atlantik, sondern ebenso über den Pazifik - zwischen Amerika und Asien also - führten Handelswege. So wurde das noch heute als "Nationalkostüm" geltende China poblana der mexikanischen Frauen nur aus chinesischer Seide gefertigt, da diese billiger und qualitativ besser war. Schon damals standen demnach Stoffproduzenten aus Europa oder Amerika im Wettbewerb mit China und Indien, welche qualitativ hochwertige und billige Stoffe zum Verkauf anbieten konnten.

Marks liefert weitere Fakten, die den Globalhandel vergangener Tage belegen. Angefangen beim Sklavenhandel - den man aus der damaligen Zeit heraus als Warenhandel begreifen muß -; endend beim aufblühenden Silberhandel, der von Potosi (im heutigen Bolivien) aus die Welt eroberte. Der Historiker zieht als Fazit, daß die angebliche Neuheit der Globalisierung nicht gegeben ist, sondern als Fehlinterpretation wahrgenommen werden muß. Sie - die Globalisierung - bürdet uns somit eigentlich keine neuen Sicht- und Handlungsweisen auf. Die Welt ist nicht erst seit gestern am Globalisieren, sondern vollzieht diesen Schritt bereits seit Jahrhunderten. Indem man den fiktiven Fakt vom "neuen Phänomen Globalisierung" stetig wiederholt, verdrängt man das Nach- und Hinterfragen und erhebt eine zweifelhafte These zur dogmatischen Wahrheit. Der "neueste Schrei" der Globalisierung ist - trotz aller Propaganda - ein alter, sich stetig wiederholender Schrei.

6 Kommentare:

CH 31. Januar 2008 um 12:50  

Das ist eine interessante und (grösstenteils) richtige Beobachtung. Globaler Handel ist einfach das, was entsteht, wenn man die Menschen herstellen und tauschen lässt, was sie wollen. Aus Sicht eines Proudzenten oder Konsumenten ist es doch völlig irrelevant, welchen Pass dein Tauschpartner hat. Besonders interessant finde ich aber den Zusammenhang von Handelsunterdrückung und Krieg. Die europäischen Monarchien verfolgten stets protektionistische, merkantilistische Politiken ("Autarkie") wenn sie Kriege führen wollten. Ähnlich vor dem 1. WK, da brach der europäische Handel aufgrund fehlgeleiteter Autarkie-Bestrebungen ein - das Ergebnis ist bekannt. Es ist der freie Tausch, der Menschen in "Win-Win-Situationen" verbindet. Ich würde daher die These aufstellen, dass der natürliche Zustand der internationalen Beziehungen ein friedlicher ist. Konflikt und Krieg muss immer erst provoziert werden, indem Gewinner und Verlierer und damit Missgunst erzeugt werden.

Wo ich widersprechen würde, wäre bei der Feststellung, dass die heutige Situation identisch sei, mit vergangenen. Mindestens 2 Faktoren fallen mir ein, die unsere heutige Globalisierungsdiskussion prägen: 1. Unsere Wirtschaft ist so stark wie noch nie in riesigen Kapitalgesellschaften mit sehr mobiler Kapitalbasis organisiert, und 2. Die internationale Informationstransparenz (Preise, Standortqualität, Transportkapazitäten, etc.) ist so gross wie nie zuvor. Beides führt dazu, dass Standorte schneller und leichter verlagert werden können, dass "Produktionsstandorte" in einem direkteren, härterern Wettbewerb um Investitionen stehen, dass die Produktionsstruktur insgesamt international arbeitsteiliger wird.

Dennoch sehe ich keinen Grund zur Panik. Die fast schon hysterische Standortverlagerungsdiskussion (die natürlich für Grossunternehmen vorteilhaft ist), ist doch im wesentlichen auf den historisch einmaligen Umstand zurückzuführen, dass in den 90er Jahren Milliarden Menschen in Asien, Osteuropa und z.T. auch Südamerika und Afrika aus geschlossenen Wirtschaftssystemen ausgebrochen sind und sich wieder am Welthandel beteiligen. Natürlich führt das zu spürbaren Gewichtsverlagerungen im Welthandel. Was wir derzeit erleben, ist also vor allem ein einmaliger Anpassungsprozess. Die ganze Kampfrhetorik, etwa gegenüber China (Steingart), ist aber völlig absurd, angesichts der Tatsache, dass internationaler Handel 1. die Norm und 2. für die Beteiligten vorteilhaft ist. Das letzte, was unsere heutige Phase des Aufbruchs braucht, ist eine neuer Nationalismus und Protektionismus. Dies wäre vor allem auch den neu auf die internationalen Märkte tretenden Ländern gegenüber grausam.

Was wir jedoch auch nicht brauchen, sind Subventionen, Bürgschaften, Infrastrukturprojekte, "bail-outs", etc. pp. für jene riesigen Kapitalgesellschaften, die ohnehin vom zunehmenden internationalen Handel profitieren. Oder wilde Geldvermehrungen (s. Fed) für die z.T. völlig verantwortungslosen Profiteure des internationalen Kapitalhandels (Wall Street). Unternehmen können Globalisierung nur als Monopoly-Spiel betreiben, wenn sie ihre Risiken und Verantwortungen externalisieren können. DAS ist das Mandat der Politik in unserer Zeit des neuen Welthandels: Unfaire Bevorzugungen abschaffen, nicht friedlichen Tausch unterdrücken.

Roberto J. De Lapuente 31. Januar 2008 um 13:56  

Wenn also globale Handelsstrukturen vorher nicht vorhanden waren - wie es uns die Panikmacher der Globalisierung weismachen wollen -, dann hätten protektionistische Maßnahmen gar keinen Sinn gehabt. So stände z.B. die Kontinentalsperre Napoleons völlig sinnlos im Geschichtsbuch.

Identisch Zustände, lieber Christian, sind sowieso nie gegeben. In vielen Facetten unterscheidet sich der Globalhandel heute, von dem Globalhandel vergangener Jahrhunderte. Aber die Tendenz blieb uns bewahrt. Es ist ja nicht so, daß der Mensch plötzlich damit begonnen hat, mit der Welt in Handel zu treten, weswegen Wettbewerbssituationen entstanden, die den deutschen Arbeitnehmer mit dem chinesischen Arbeitnehmer in eine Form "produktiven Krieges" warfen. Diese Form globalen Wettbewerbes gab es auch vor unserer Zeit. Man denke an die aufgeführten Thesen Marks oder an die schlesischen Weber, die zum Opfer der Industrialisierung wurden, noch bevor die Industrie in Schlesien überhaupt angekommen war. (Weil die englischen Stoffe plötzlich qualitativ hochwertiger und billiger waren.)

Die Panik vor dem, was wir Globalisierung nennen, findet sich bei den Konservativen ebenso wie bei den Linken. Die Feststellung, wonach Globalisierung kein neues Phänomen ist, wird grundsätzlich ignoriert. Andere Kreise nutzen die Globalisierung gar, um damit ihre Gesetzgebung zu begründen. Dass der Mensch aber immer in Kontakt mit der Welt war, darf bei einer solchen Diskussion nicht ausgeklammert werden, denn die ewige Debatte, die sich medial ausbreitet, erzeugt das Klima epochaler Exklusivität, die wir - als Bürger der Globalisierung - erleben dürfen.

Grundsätzlich kann die sogenannte "Globalisierung" weder als Angstmittel noch als Begründung reformerischer Eiferer dienen. Sie ist für den Einzelnen mal gewinnbringend, mal Verlustgeschäft - ich will es nicht objektiv bewerten, weil das Leid eines Subjekts, nicht mit dem objektiven Glück aufgewogen werden kann. Die Globalisierung werte ich neutral - sie ist nicht negativ, auch nicht positiv. Die Globalisierung IST - schlicht und ergreifend. Sie ist Teil des menschlichen Handelns in dieser Welt, immer gewesen und wird immer sein. Nationales Sichabkapseln widerspricht der conditio humana.

Anonym 25. September 2012 um 08:57  

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