Der Arbeiter als verdinglichter Faktor der Produktion

Freitag, 25. Januar 2008

In drastischer Konsequenz verdinglichter Wahrnehmung der Produktionsabläufe, bietet nun Nokia an, die Bochumer Arbeitnehmer mit nach Rumänien zu verlagern. Nur außerhalb des industriellen Produktionsablaufes, der sich totalitär in jede Nische der Gesellschaft drängt, kann diese Offerte als zynischer Anflug von Menschenverachtung begriffen werden. Den Gesetzen rationalen Produzierens aber - die von außerhalb betrachtet ebenso irrational wie zynisch sind - läuft dieser Vorschlag konform.

Das Wesen der kommunikativen Aufbereitung dieses Zynismus spricht Bände: Die Mitarbeiter sollen mit nach Rumänien wechseln. - Der Mitarbeiter, als Partner des Unternehmens, der auf gleicher Augenhöhe mit seinem Ausbeuter steht, der mit Vergnügen mitwechselt, wenn man in partnerschaftlicher Übereinkunft einen Standortwechsel beschlossen hat? - Dem Mitarbeiter bleibt nur das Mitleid. Sein Ausbeuter ließ ihn nicht mitarbeiten, sondern für ihn arbeiten und bald befiehlt er ihm - gar nicht partnerschaftlich -, nicht mehr für ihn mitzuarbeiten. Die freie Entscheidung oder wenigstens die Entscheidung, die nach gemeinsamer Absprache mit seinem Unternehmer getroffen wurde, ist dem Mitarbeiter nicht gegeben. Der "Mitwechsel" findet als euphemistisches Substantiv für "Erpressung mit ökonomischen Zwängen" Verwendung. Was bei kritischer Betrachtung zynisch anmutet, kann erneut nur auf den Totalitarismus der Produktionsabläufe zurückgeführt werden, der dieser Gesellschaft immanent ist.

"In den fortgeschrittensten Bereichen der funktionalen und manipulierten Kommunikation setzt die Sprache in wahrhaft schlagenden Konstruktionen die autoritäre Identifikation von Person und Funktion durch. [Der] Gebrauch des flektierten Genetivs läßt Individuen als bloße Anhängsel oder Eigenschaften ihres Ortes, ihrer Tätigkeit, ihres Arbeitgebers oder Unternehmens erscheinen." (Marcuse) - Der Begriff "Mitarbeiter" läßt keinen Zweifel. Er - der Mitarbeiter - arbeitet mit ihm - dem Unternehmer -, auch wenn er lediglich für ihn arbeitet; er ist mit dem Unternehmen vertraut und mit dem Unternehmer gemeinsam auf das Wohl - also den Profit - des Unternehmens gerichtet. Was aber dort als harmonisches Miteinander des Fertigungs- und Vertriebvorgangs verkauft wird, spiegelt sich nicht in den Produktionsverhältnissen wider. Hier ist unmißverständlich festgelegt, wer Herr und wer Knecht ist. Formal betrachtet ist der Mitarbeiter der Arbeiter des Unternehmers. Er ist der Besitzer, wenngleich ihn staatliche Gesetze davon abhalten, gänzlich Besitz von ihm zu ergreifen. Doch die ökonomischen Zwänge, die seine Arbeiter an ihn ketten, ermöglichen den faktischen Besitzanspruch, an denen, die für ihn Mehrwerte erarbeiten. So betrachtet ist das Angebot, welches Nokia in generöser Großzügigkeit seinen Mitarbeitern übermittelte, die konsequente Haltung innerhalb dieses Systems. Der Unternehmer stuft die Produzenten seines Wohlstandes direkt neben die Produktionsmittel. Hierbei ist es ihm gleichgültig, ob er es mit Menschen zu tun hat, die Wurzeln in ihrer Heimat geschlagen, die soziale Bindungen neben ihrem Produzentendasein haben. Das rationale Unternehmertum kennt keine Privatsphäre, sondern forciert den Totalitarismus seiner Belange in den Lebensentwürfen der Menschen. Wenn er seine Produktionsmittel verschicken kann, so kommt es ihm in kurzsichtiger Überheblichkeit in den Sinn, so müßte dies auch mit seinen Arbeitern verwirklicht werden. Der Arbeiter wird zum Ding, es zählt seine Funktion, sein tägliches Schaffen.

Nokia zu attestieren, nur brav die Regeln des freien Marktes zu beachten, weswegen eine Kritik an diesem Unternehmen nicht gerecht wäre, greift natürlich zu kurz. Aber zu kurz greift es ebenso, wenn man die Kritik nur am Verhalten Nokias festmachen will. Es ist die Gesamtheit des freien Marktes, der "Nokia-Schöpfungen" ermöglicht. Nokias nihilistischer Profitwahn, der zwar deutsche Kunden gewinnen und mit Produkten eindecken will, aber deutsche Arbeiter nicht mehr bezahlen, ist durchaus scharf zu kritisieren. Und dennoch sind die ein, zwei, vielen Nokias zu beachten, die sich aus den Mechanismen eines entfesselten Marktes rekrutieren. Man kann den einzelnen Unternehmer durchaus moralisch verurteilen, darf aber darüber hinaus nicht die Kritik am System vergessen. So gesehen ist der Boykott von Nokia-Produkten kein geeignetes Mittel, der wirkliche Loslösung von einem menschenverdinglichten System bedeutet. Eher bewirkt es eine Stärkung des kapitalistischen Wesens, indem gezielt andere Mobilfunkanbieter gefördert werden. Der Verlagerung von Nokia folgt so eine Verlagerung der Kritik am System.

6 Kommentare:

ch 25. Januar 2008 um 16:26  

Was ich bei der ganzen Aufregung um Nokia gelinde gesagt verlogen finde, ist das völlig Ausblenden der Tatsache, dass in Osteuropa ein neuer Produktionsstandort entsteht. Wenn es um doitsche Arbeitsplätze geht, wird die Phrase von der "internationalen Solidarität" noch hohler, als sie ohnehin meist schon ist.

Sicher ist es hässlich für die betroffenen Arbeitnehmer, ihre Stelle zu verlieren. Aber es ist nicht so, dass Nokia ein Kapitalverbrechen beginge. Niemand ist gezwungen, jemand anderes zu beschäftigen. Wenn Nokia X Personen nicht mehr beschäftigen will, dann ist es deren Recht, diese innerhalb der vertraglich vereinbarten Fristen zu kündigen. Das mag man öffentlich kritisieren - mehr aber auch nicht. Der eigentlich Skandal liegt m.E. vielmehr in der vorgängigen Subventionierungspraxis des Staates. Der Fall Nokia zeigt doch vor allem eines: "Industriepolitik" ist nichts anderes als eine Instrument der Selbstbereicherung von Big Business und Big Government.
Es entbehrt ja auch nicht einer gewissen bitteren Ironie, dass Industrieansiedlungen in Osteuropa mit den Steuergeldern deutscher Arbeitnehmer subventioniert werden.

webmastermarkt 25. Januar 2008 um 17:31  

Kapitalismus funktioniert so wie es Nokia tut, da duerfen wir uns nichts vormachen.
Trotzdem muss ich als Verbrauchen nicht alles mitmachen.
Daher werde ich mein nächstes Handy nicht mit Nokia in Verbindung bringen. Ich muss es nur bis zum Weihnachtsgeschäft durchhalten, erst dann spürt es Nokia überhaupt. Nur der Marktanteil zählt, wenn der nicht stimmt rollen “oben” Köpfe.
Ich befürchte nur das über Nokia in 3 Monaten keiner mehr spricht, und das ist bei Nokia einkalkuliert. Das Weihnachtsgeschäft aber noch nicht.
Wenn die Parole lautet: “Zu Weihnachten kein Nokia” dann bringt das mehr.

Igor

Roberto J. De Lapuente 25. Januar 2008 um 17:32  

Lieber Christian,

in der Frage des Internationalismus gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht, wenngleich man natürlich von den betroffenen Menschen keine Freude verlangen darf. Die Sichtweise nationaler Eigeninteresse ist kein Argument, mit dem es sich zu fechten lohnt.

Es ist also kein Vergleich "deutscher Arbeiter vs. rumänischer Arbeiter", mit dem die Praxis des freien Marktes kritisiert werden darf, sondern die erzeugte Differenz "relativ verelendeter (im marxschen Sinne) Arbeitnehmer vs. absolut verelendeter Arbeitnehmer".

Die Subventionspraxis mag in diesem Falle unglücklich wirken, doch grundsätzlich sollte mit der Subvention auch eine Einflußnahme des Staates verbunden sein, der als Verwaltung der Allgemeininteressen zu agieren hat. Das Sie, lieber Christian, dies arg stören würde ist mir aber bewußt.

Da es der Arbeitnehmerschaft nicht um nationalen Eigendünkel gehen kann, darf auch nicht das Subventionieren in Osteuropa verurteilt werden. Gleiche Grundlagen im nahen Ausland erschweren mittel- und langfristig die Gegeneinanderausspielereien der internationalen Konzerne.

Roberto J. De Lapuente 25. Januar 2008 um 17:51  

Lieber Igor,

natürlich ist es zu respektieren, wenn man sich von Nokia-Produkten distanziert. Ich selbst werde in diese Lage nicht kommen, weil ich kein Mobiltelefon besitzen will und mir diese Unabhängigkeit auch bewahren möchte. Aber dies tut nichts zur Sache...

Bei Nokia werden dann, sofern ein Boykott erfolgreich war, "Köpfe rollen" - mag sein. Nein, wohl eher ziemlich sicher sogar. Auch das gehört zum Prinzip des uneingeschränkten Wettbewerbs. Das große Aber lautet: Aber nur bei Nokia! Währenddessen schafft sich der freie Markt ein, zwei, viele Nokias. Der Boykott auf der einen Seite, ist die Förderung der anderen Seite.

Dass andere Mobilfunkanbieter Lehren aus dieser Sache ziehen, darf nicht angenommen werden. Das widerspräche jeglicher Erfahrung.

ch 25. Januar 2008 um 20:03  

Dass Sie/Du (?) die hier geflossenen Subventionen verteidigen/st, wundert mich doch etwas. Eine plumpere Form der Bereicherung grosser Konzerne ist doch kaum denkbar.

"sollte mit der Subvention auch eine Einflußnahme des Staates verbunden sein, der als Verwaltung der Allgemeininteressen zu agieren hat"

Wenn er das je täte, würde es mich nicht stören. Dafür müsste man aber erstmal definieren wer "Allgemein" und was sein "Interesse" ist... Faktisch fördert der Staat nunmal immer nur Partikularinteressen - und meist nicht die der Arbeiter, wie ja auch dieser Fall wieder zeigt.

Das Instrument des Boykotts halte ich im Übrigen zwar für völlig legitim. In diesem Fall wäre es m.E. aber mit grosser Sicherheit wirkungslos. Der Handy-Markt steht unter einem enormen Preisdruck - sprich: Kunden wollen v.a. billige Handys. Wenn Nokia durch den Umzug nach Rumänien billigere Handys anbieten kann, wird es einen entsprechenden Erfolg auf dem Absatzmarkt erzielen.

Der Kunde denkt nunmal beim Einkauf ebenso wenig an das "Allgemeinwohl", wie der Politiker beim Verteilen von Subventionen. (Wenngleich mir bewusst ist, dass sich vom Sein nicht auf sein Sollen schliessen lässt ;-)

ch 25. Januar 2008 um 20:10  

PS: Die auf diesem neoliberalen Blog geäusserte Kritik an der aktuellen Subventionspraxis halte ich im Grossen und Ganzen (also trotz des typisch neoliberal-inkonsistenten Rumgeeiers) für nicht unplausibel:

http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=101

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