Nicht nur Privatfernsehen verblödet

Montag, 14. Januar 2008

Man kann auch unter falschen Vorzeichen das Richtige ansprechen. Wenn nun einige Politiker aus Reihen der Union, das Privatfernsehen kritisch unter die Lupe nehmen, dann steht diese Kritik unter einem dieser falschen Vorzeichen. Zu dieser kritischen Haltung an den Geistern, die man selbst rief - die Regierung Kohl setzte sich, trotz Vorwarnung diverser soziologischer Studien, für die Schaffung des Privatfernsehens ein -, gesellt sich eine besorgniserregende Kritiklosigkeit, wenn es um die öffentlich-rechtlichen Sender geht. Gerade so, als hielten sich viele Kritiker am Privatfernsehen - ähnlich wie die Werbefiguren auf den Plakaten einer öffentlichen Sendeanstalt - nicht nur ein Auge, sondern alle beide zu.

Nachdem sich letzte Woche Günter Oettinger (CDU) wider dem Privatfernsehen äußerte, zog am Wochenende Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) nach. "Der Werteverfall", so stellt sie fest, habe "ganz sicher auch mit dem Privatfernsehen zu tun". Hier soll nicht abgehandelt werden, was Christsoziale und -demokraten als Werte begreifen und ob diese Tugenden bayerischen Provinzialismus' mit denen vereinbar sind, denen sich Nichtchristen verschrieben haben. Zustimmen kann man aber, daß das Fernsehen (nicht alleine das Privatfernsehen) das Bewußtsein jugendlicher Menschen beeinflußt; stärker beeinflußt als das Bewußtsein Erwachsener.

Weiter führt Merk aus: Die Darstellung von Leichen hätten im Fernsehen überhaupt nichts verloren. Die haargenaue Darstellung von Leichen kann dem "CSI-Trend" zugeschrieben werden. Selten zuvor wurde ein Leichnam derart detailiert in Szene gesetzt, wie in diesen Serienformaten. Lächerlich wirkt für uns die bigotte Inszenierung dieser US-amerikanischen Serien. Man zeigt teils grausam entstellte Torsi, aber sobald sich eine Frau entkleidet, schwenkt die Kamera. Man kann dem US-Zuseher viel zumuten, nur keine nackten Brüste. Anlasten kann man diesen Serien vieles. Sie inszenieren den Rechtsstaat als hemmende Barriere oder als einen romantischen Polizeistaatsentwurf, der Glauben machen will, die Gerechtigkeit setze sich in der Überwachungsgesellschaft immer durch. Doch das Darstellen einer Leiche, sei sie noch so entstellt, hat zwar nicht gerade aufklärende Wirkung, doch ist sie Abbildung realistischer Gewalt.

Es geht nicht darum, wie Merk fordert, Leichen aus dem Fernsehen zu verbannen. Immer realistischere Serien und Filme erfordern auch hier den bestmöglichen Realismus. Die Leiche, wie sie blutüberströmt daliegt, der Ekel der hochsteigt, wenn ein ehemals lebender Körper in Teile zerlegt dokumentiert wird, ist nicht Gewalt, sondern Produkt ebendieser. Eher regt die Darstellung eines Toten zum Nachdenken an, schockiert präventiv, als daß es ermuntert, selbst der "Schöpfer" eines solchen Szenarios zu werden. Die verherrlichende Darstellung somancher Gewalttätigkeit aber, die sich quer durch das Fernsehprogramm zieht, die suggerieren will, daß neben dem Weg der Gewaltlosigkeit, der stilvolle und legitime Weg der Gewalt liege - quasi als Gegenoption -, darf durchaus kritisiert werden. Der dargestellte Akt der Gewalt - nicht aber das dargestellte Produkt - romantisiert das Draufschlagen und Morden, übermittelt vielen jungen Menschen einen möglichen way of life.

Natürlich ist es nicht alleine die Trivialisierung der Gewalt, die dem Privatfernsehen zum Abstumpfen der Massen negativ angerechnet werden muß. Talkshow-Geplärre, platte Spielshowkonzepte, schlecht gespielte Serien - die zudem nicht selten herrschende Ideologie an das vornehmlich junge Publikum verkaufen -, Mitmachsendungen. Die Liste ist beliebig erweiterbar und kaum ein Jahr vergeht, ohne das Niveau nochmal hinabgedrückt zu haben. Aber hier muß auch Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern geübt werden. Kritiker am Privatfernsehen vergessen zu oft, die abfärbende Wirkung der Privatsender auf die öffentlichen Sender zu erwähnen, gerade so, als wäre innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten das Programm ausgewogen, interessant, aufklärend und niveauvoll. Die These, wonach das Privatfernsehen nicht nur direkt, also innerhalb des eigenen Programmes, sondern auch indirekt - abfärbend auf andere Sender - abstumpft und verdummt, wird kaum oder gar nicht beachtet. So strahlt das ZDF sogenannte "Telenovelas" aus, weil Privatsender damit begonnen haben. Eine öffentlich-rechtliche Daily-Soap gibt es schon seit Jahren und dümmliche Spielshows finden immer wieder Einzug ins Programm.

Ja, man kann unter falschen Vorzeichen das Richtige erkennen. Auch das Fernsehen als Gesamtheit trägt Mitschuld an der Verdummung der Menschen - nicht nur jugendlicher Menschen. Es kann aber nicht darum gehen, alles was einer heilen Welt nicht entspricht, aus dem Programm zu verbannen. Wie so ein Heile-Welt-Fernsehprogramm aussieht, konnte und kann man an Berlusconis bunten TV-Ablenkungsapparat erkennen, der den Italienern Alles-ist-gut-Serien und -Filme aufzwang, während die Herrschaften mit "Ehrenmännern" zu Tische saßen. Die zügellose Gewalt ist sicher einzudämmen, ebenso die Verblödung mittels niveauloser Serienkonzepte. Vielleicht wäre ein Bildungsauftrag, den man zukünftig auch den Privatsendern erteilt, zudem eine rigidere Kontrolle der Senderkonzepte, angebracht. Dabei darf nicht jegliche Gewalt, alles Blut und jeder Hauch von Nacktheit vom Bildschirm verbannt werden, doch auf Jackass und Dschungelcamp könnte verzichtet werden.

3 Kommentare:

Oeffinger Freidenker 14. Januar 2008 um 14:44  

So gesehen auch immer wieder interessant, welche Sexualmoral die Teenieserien à la "Dawson's Creek" vertreten.

Roberto J. De Lapuente 14. Januar 2008 um 16:51  

Interessant ist auch, daß in diversen CSI-Serien sämtliche Motive sexuell bedingt sind. Zwar wird das Zentralmotiv durch die Gier abgedeckt, aber einen kleinen Seitensprung, sogenannte perverse Praktiken oder ein Bordellbesuch lassen sich immer in die Handlung einbauen. Freilich ist die US-Version der sexualisierten Gesellschaft eine körperlose. Der Beischlaf wird nicht mal angedeutet und direkt nach dem Akt liegen beide Partner halbangezogen nebenbeinander. Schön wie prüde man dort die Sexualität darstellt, während Leichenteile durchs Bild fliegen und laszivblickende Gewalttäter ihrer Neigung blutig frönen.

Den Hang, in jeder Krimi- oder Ermittlerserie die sexuelle Triebfeder ins Rampenlicht des Drehbuchs zu stellen, läßt sich hierzulande vorallem bei den Richter-Laienspielen am Nachmittag erkennen. Jeder noch so banale Fall wird mit einem amourösen Abenteuer verbunden.

Andi 15. Januar 2008 um 07:11  

Zum Glück kann man aber immer noch selbst entscheiden, was man sich von den Sendeanstalten antun läßt! Wem die geistige Untiefe der privaten und öffentlich-rechtlichen indes noch nicht genügt, der kann sich sogar noch ins Seichtwasser des PayTVs begeben.

Was bin ich eigentlich froh, daß ich kaum Zeit für Fernsehen habe.


Aber mal etwas anderes. Warum ist dieser Artikel nur über den Link aus der Rubrik "in nuce" zu erreichen. Sollte er nicht alleine und gut sichtbar dastehen? Zu groß ist die Versuchung, über den besagten Link einfach hinwegzulesen.

Gruß
Andi

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