Nur einer seiner Klasse

Mittwoch, 7. März 2012

Der ehemalige Bundespräsident, so weiß der ehemalige Bundeskanzler, habe die gesamte politische Klasse beschädigt. Klingt dramatisch. Dabei täuscht er sich allerdings. So etwas wie eine politische Klasse gibt es nämlich gar nicht - es gibt nur politisches Mittelmaß. Ach, er meint Klasse anders? Er meint Gruppierungen, die sich nach bestimmten Merkmalen zusammensetzen? Soziologisch gemeinte Klasse demnach? Nicht Klassifizierung? Einerlei, denn klassifiziert ist es auch, wenn man es soziologisch meint, denn die politische Klasse ist eine Gruppierung, die sich durch das Merkmal Mittelmaß als Klasse definiert.

Symptom, nicht einzigartiger Günstling

Die Galionsfigur der politischen Kaste ist nun abmontiert. Damit aber nicht die besorgniserregende Nähe der Politik zur Wirtschaft - Wulff war nur ein besonders blauäugiges Symptom. Nicht aber einzigartig in seiner Unbedarftheit, sich als Person, die im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln hätte, bei vermögenden Unternehmern anzubiedern, die am Allgemeinwohl wenig Spaß haben. Dabei ist es nicht Wulffs Verdienst alleine, das Wort Allgemeinwohl mit "Im Allgemeinen geht es mir ganz wohl" zu übersetzen. Freundschaftliche Zuwendungen gaben schon Hoteliers oder Versicherer an die Politik weiter - da meist in Parteikassen, was als Unterschied betrachtet wird. Die Resultate solcher Günstlingszuwendungen in die Kassen der Parteien waren allerdings viel schlimmer, denn die Nähe des großen Geldes zur Parteikasse hat manche Reform zugunsten der spendablen Herrschaften, zuungunsten des Allgemeinwohls bewirkt. Man denke nur an die Riester-Rente oder an den verkleinerten Mehrwertsteuersatz für das horizontale Gewerbe - also an jenes, das Übernachtungen samt Frühstück feilbietet.

Kein Nestbeschmutzer - nur einer seines Milieus

Die anderen machen es ja auch! Das ist fürwahr keine Entschuldigung. So dürfte man auch morden - andere machen das doch auch! Was der Politik nur so stinkt, was der ehemalige paffende Bundeskanzler-Götzenschnitzkopf meint, ist doch etwas ganz anderes. Der Mann (Wulff) war noch gut zehn Jahre zu jung für das Amt - man braucht mehr Erfahrung, mehr erworbene Gewieftheit, wie man das Zugesteckte besser versteckt, vergräbt, aus dem Blickfeld schafft, journalistensicher verschnürt. Er hätte noch etwas länger üben sollen. Erwischt geworden zu sein: das ist die Beschädigung, die man meint. Was sollte auch sonst gemeint sein? Der rauchende Alt-Altbundeskanzler schwadroniert um die Würde eines Berufsstandes, die es gar nicht gibt - nicht in einer marktkonformen Demokratie mit marktkonformen Parlamentariern, die marktkonforme Visionen hegen. In so einer Republik ist Wulff kein Nestbeschmutzer, sondern nur ein Exemplar seines Milieus.

Gewusst haben es alle - jeder kennt seinen örtlichen Bürgermeister und schon der verhält sich, wie es der Bundespräsident tat. Dort ein Anruf beim Lokalredakteuer: Anschiss, weil etwas geschrieben werden könnte, was schadet - dann Einladung zum Schwager, der einen Auftrag der öffentlichen Hand erhielt - das Tiefbauunternehmen eines Schulfreundes gießt vergünstigt das Fundament seines privaten Häuschens - und abends kostenfreies Fressen und Saufen auf dem Volksfest, der Dank des Festwirtes, abermals den Ausschank lizenziert bekommen zu haben. Gratifikationen hier, Vorzüge dort, immer nahe am wirtschaftlichen Puls der Region. Nur die Journalisten haben diese Regionalschmarotzer besser im Griff als weiland Wulff. Das kann die politische Kaste ihm nicht verzeihen - fast hätte er sie alle verraten... wenn man es insgeheim nicht eh schon ahnte.



11 Kommentare:

Anonym 7. März 2012 08:43  

Großartig! Sauber auf den Punkt, wie eigentlich immer.
Genauso verhält es sich hierzulande, und man sage nicht, das war nicht schon immer so.
Eigentlich hält Wulff ihnen den Spiegel vor, und das hat man nicht so gerne.
Mag es auch den einen oder anderen integeren, durchaus auf das Wohl des Volkes bedachten Politiker geben, mag derjenige beste Absichten haben, aber der Alltag treibt ihm das aus, im wahrsten Sinne des Wortes.

Beste Grüße
onlyme

Anonym 7. März 2012 09:46  

Bei Ihnen weiss man auch selten woran man ist...
Eine latent (post-)faschistische Politikerklasse als "Mittelmass" zu bezeichnen??
Und wer wäre ein Beispiel für hochklassige Politik? Wo liegt die Messlatte?

Anonym 7. März 2012 10:11  

Danke für den tollen Beitrag.

Eigentlich sehe ich bei Wulff einen Präzedenzfall.
Mir ist klar, daß die übrige Politklasse in Deckung gegangen ist - es hätte sie ja genauso treffen können.

Bundeskanzler a.D. Schmidt ist doch nur seinem früheren Ruf gerecht geworden. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, da nannte man ihn Schmidt-Schnauze.
Er hat wahrhaftig nichts mehr zu befürchten. - Noch nicht einmal die Macht der Medien.

Gruß
Hartmut

potemkin 7. März 2012 11:39  

Der Herr gehörte nicht zum neuen Adel, hat gegen die Etikette verstoßen, ein plumper Parvenu eben. Und dann noch den Islam zu Deutschland zählen: Das war der Presse-Witwe zu viel, also Daumen runter...

Reinard 7. März 2012 11:54  

Schwierig, nein unmöglich, dem noch was hinzu zu fügen. Was eben bleibt, ist der schale Geschmack, der nur wieder hochkommt und bleibt.

Anonym 7. März 2012 13:11  

Welch wohltuende Zurechtrückung der wulff'schen Verfehlungen gegen den allgemeinen Trend (Paranoia), unter Einbezug der leider nicht medial aufgekochten Verfehlungen vieler anderer Emporkömmlinge.
Ich hoffe, dass sich die rund 90% nach dem morgigen Zapfenstreich wieder beruhigen und einen klareren Blick für das Wesentlichere und für die Rattenfänger, denen sie nachgefolgt sind, erhalten.

der Herr Karl

Anonym 7. März 2012 15:36  

Alle Aussagen der Analyse leider
absolut richtig und genau! Wie schon so oft: Klasse!!

flavo 7. März 2012 16:08  

Auf dem Weg zu mehr Autonomie mitten drin abgefangen und mit der selbstzentripetalen Profitanhäufungsideologie angereichert: das ist der Status quo. Nachdem die Autonomiefortschritte und -zukunftsbahnungen der Nachkriegszeit sich begonnen haben zu entfalten, es zu merkbar mehr Partizipationspfaden und -mechanismen gekommen war, wurde die Entwicklung mitten drin irgendwann eingefroren und die darin wandelnden Akteure mit einer selbstzentripetalen Profitanhäufungsideologie ausgestattet. Sodann konnte das Spiel unter neuen Vorzeichen weitergehen. Die Langzeitwirkungen nahmen ihren Lauf: überall, wo es noch sprachliche, symbolische, materielle, kraftbezügliche und insgesamt handlungsentfaltungspotenzrelevante Differenzen oder besser Hierarchiegefälle und somit nicht Autonomie und Bestimmung gab, begann das Neue sich einzunisten und zu es gärte los. Den Augen sich bestimmender Subjekte entzogen konnte dicht gewebte Netzwerke entstehen. Modrige, lange nicht mehr erwärmte Entfaltungspfade wurden im Takt mit der Einschläferung bestehender Autonoisierungspfade relaunchet. Die Gesellschaft hustete sich einen Dunstnebel über sich aus, der allen den Blick trübte, innerhalb dem es sich aber immer wunderbarer wirtschaften ließ. Die Übersetzungssgtrategien wurden professionalisiert. Aus dem Inneren des Dunstnebels projiziert man die passenden Parolen auf die äußere Schicht des Nebels, auf die die darunter Lebenden hinaufblicken und sie lesen: für das beste der Nation, der Fortschritt und Gerechtigkeit, wir sind zufrieden, allen geht es besser, Leistung lohnt sich, Innovation und Freiheit ecc. Im Inneren des Dunstnebels, welche Sprache wird dort gesprochen? Hallo Herr Bölff, schauen sie, wenn sie im xy-Fond einen Betrag frei machen könnten, könnten wir ein rentables Projekt durchziehen. Sie würden dafür honoriert.
Herr Schredder, wissen sie, Russland braucht kompetente Projektleiter. Wollen sie sich zur Wiederwahl stellen? Oder wollen sie bei uns einsteigen? Zweifellos bedürfte es einiger politischer Weichenstellungen, aber das Wesentliche ist geplant. Sicher Dimitri, ich spreche mit meinen Außenminster. Ja, es wird das nötige in die Wege geleitet. Aber ich möchte Garantien, dass wir danach zusammenarbeiten. Du verstehst. Ohne Garantien gibt es nichts. Die Öffentlichkeit ist zwar keine Problem, aber ich gehe Risiken ein. Die Refundierung meiner Aufwände, ich möchte mich hier nicht einschränken müssen. Gewiss nicht, Gerhard. Was sagt der Gerhard Schredder zum Dimitri? Was sagt er? Wie vereinbart er seine Karriere? Wie machen es alle anderen? Wie organisiert sich der Bölff seine Urlaube? Hallo Unternehmerkollege, zahl mir nen Urlaub auf Mallorca? Leih mir Geld für mein Haus? Wie reden diese Leute mit einander, wie verwalten sie die Zuteilung der Unsummen, der Positionen? Was ist das für eine Sprache im Dunstnebel? Wie funktionert sie, welche Übersetzungsmechnanismen gibt es?

Lutz Hausstein 7. März 2012 21:42  

Ich habe es schon wieder vergessen. Weshalb distanzieren sich aktuell viele Politiker aller Parteien von Wulff? Wie bitte? Zu große Nähe zur Wirtschaft? So ein pöser Pube aber auch. Das macht man doch nicht!

"Heiratsantrag in der Stadt der Liebe, Verlobungsparty mit VIP-Gästeliste – und rein zufällig erscheint bald ein Buch. Für Ferres und Maschmeyer läuft es mal wieder rund.

[...]

Auf diesem Festchen wiederum sollen viele Menschen zu Gast gewesen sein, die nichts mit Paris, dafür aber viel mit Hannover zu tun haben, namentlich: Doris und Gerhard Schröder, Scorpions-Sänger Klaus Meine, der attraktive Fußballlehrer Mirko Slomka von Hannover 96 und Bettina Wulff, geborene Körner.

Bei so einer Gästeliste wird Außenminister Westerwelle zur Randfigur, [...]"

Quelle: http://www.welt.de/vermischtes/prominente/article13904501/Die-Berufsdarstellerin-und-der-Finanzoptimierer.html

Der Leerstellen-Optimierer ist natürlich nicht Wirtschaft. Nein, wirklich nicht.

Er ist nur Kanzler-Macher. Und das natürlich nur mit dem Geld, dass er mit den eigenen Händen in ganz harter Arbeit im Schweiße seines Angesichts verdient hat.

Wieder läuft alles genauso weiter, als ob gar nichts passiert wäre. Wulff wurde durch Dorf gejagt - keiner weiß den wirklichen Grund dafür. Und nun machen die Jäger wieder das, was sie vorher schon gemeinsam mit Wulff taten und nun, notgedrungenermaßen, vorübergehend nur mit seiner Gattin machen können: Zu Besuch bei Freunden - Die Maschsee-Connection.

Hartmut 7. März 2012 22:18  

@flavo

der Inhalt Ihres Kommentars ist zweifelsohne von überragender Bedeutung. - Auch Ihre sprachliche, aussergewöhnliche Ausdrucksweise imponiert mir.
Doch bei "handlungsentfaltungspotenzrelevante
Differenzen" mußte ich passen.

Hartmut

Hartmut 7. März 2012 22:24  

@flavo

Nachtrag:
Erklärung ist schon da .

...oder besser Hierarchiegefälle.

OK. Aufmerksamkeitsdefizit meinerseits. :-)

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