Putinverstehen oder Ein Beitrag zur Aufklärung

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Quelle: VAT Verlag
»Der Putin treibt uns noch in den Krieg«, sagte mir erst kürzlich wieder jemand. Ich musste tief durchschnaufen. Jeder kennt vermutlich mittlerweile eines dieser Geschöpfe, das nachplappert, was die Medien vorfabrizieren. Die rhetorischen Lemminge sind ein wachsendes Völkchen und Problem. Ich indes fragte mich, wo ich mit Gegenargumenten ansetzen sollte, um dieser Behauptung etwas entgegenzusetzen.

Sollte ich etwa bei der NATO beginnen, die man in Russland als Drohung wahrnimmt? Oder bei dem, was die Krim für Russland war und ist? Da gibt es so viel, alles scheint so kompliziert und verwirrend. Ich fragte mich, wie man einen Menschen, der sich kaum mit den Hintergründen dieser Angelegenheit befasst, sich News nur aus »Bild« und »Spiegel« pickt, dazu bekommt, dass er auch mal die andere Seite sieht. Das Vorhaben habe ich allerdings gleich wieder aufgegeben. Ich ließ den Satz von Putins Kriegstreiberei so stehen und seufzte laut. Aufklärung ist eine gute Sache, aber ad hoc ist sie in Fragen dieses Konfliktes zwischen Russland und dem Westen kaum mehr zu leisten. Es gibt einfach zu viel zu sagen, zu viele Baustellen, zu viele Nebelkerzen und Minenfelder. Und wenn man jemanden dann quasi sagt, er sei Opfer von Propaganda, dann macht er dicht. Denn dergleichen passiert doch nicht bei uns im gesitteten Westen. Propaganda machen nur immer die anderen. Macht Putin.

Einige Tage später bekam ich dann Wolfgang Bittners neues Buch in die Finger. Es hätte mir sehr als Argumentationshilfe gedient. Endlich mal alles auf einen Blick. Chronologisch. Die Zusammenhänge erfassend. Denn auch die Zusammenhänge gehen einem ja schnell verloren, wenn man den Tausenden von Stimmen aus den Medien lauscht. Alle reden sie durcheinander, überschlagen sich, streuen neue Gerüchte und dann weiß man nicht mehr, wie es zu dem kam, was da gerade gespielt wird.

An dieser Stelle will ich ehrlich sein. Ich betrachte mich durchaus als einen am Zeitgeschehen interessierten Menschen. Mehr oder weniger. Aber irgendwann habe ich mich in der Ukraine-Sache quasi ausgeklinkt. Habe es aufgegeben. Dieses Sammelsurium aus Propaganda und Hetze, das man uns als Journalismus verkauft hat, wurde mir so unerträglich, dass ich meist wegzappte, das Radio abdrehte oder weiterklickte, als wieder »neue Meldungen« kamen. Später fiel es mir schwer, die Ereignisse meiner freiwilligen Vakanz zu rekonstruieren. So ein Konflikt ist eben keine Soap, in die man beliebig eintauchen kann, ohne einen Verlust an Verständnis in Kauf nehmen zu müssen.

Ich nehme an, dass es vielen so ergangen ist. Man resigniert leicht. Die Berieselung mit Meldungen, die einem irgendwie unglaubwürdig vorkommen, macht mürbe. Bittner leistet Rekonstruktionsarbeit. Er verschafft einen Überblick und zeichnet den Ablauf dieses NATO-Kreuzzuges nach. Es wäre aber völlig falsch, sein Buch als reine Abhandlung der Ereignisse zu sehen. Es ist außerdem eine Chronologie allgemeinen Medienversagens. Selten hat man erlebt, dass die Presse so unreflektiert und gezielt falsch berichtete, wie in diesem Fall. Und Bittner ist sich sicher, dass das kein Einzelfall bleiben wird.

Der Titel klingt indes ein wenig reißerisch, auch wenn er nicht ganz falsch ist. Es ist jedoch nicht so, dass Bittner die deutsche Administration völlig aus der Schuldfrage heraushält. Er sieht sie vor allem als Helfershelfer der Vereinigten Staaten und der NATO. Das stimmt nur bedingt. Denn Deutschland ist an der Eroberung Europas mindestens genauso interessiert. Wenn auch eher auf rein wirtschaftlicher Ebene. Man spricht wieder Deutsch in Europa. Wer erinnert sich nicht an diesen Satz? Und die ukrainische Angelegenheit mag zwar ein militärischer Feldzug der NATO sein, aber er ist mindestens auch ein Wirtschaftsfeldzug, den ganz besonders Deutschland bestreiten möchte. Vielleicht hätte man das in einem Untertitel festhalten sollen.

Gleichwohl ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung. Man lernt gewissermaßen Putin verstehen, ohne ihn gleich toll finden zu wollen. Dieses Buch sollte man erwerben, um es all diesen Lemmingen in die Hand zu drücken, die wieder mal über den Kriegstreiber aus Moskau schimpfen. Ja, man sollte sie zum Lesen verdonnern. Wenn sie denn lesen würden. Aber diese allgemeine Lesefaulheit, ist jetzt wieder ein ganz anderes Problem.

»Die Eroberung Europas durch die USA. Zur Krise in der Ukraine« von Wolfgang Bittner ist im VAT Verlag André Thiele erschienen.

18 Kommentare:

Lazarus09 29. Oktober 2014 um 09:15  

Roberto, sorry, das liest sich als Bankrotterklärung. Das verstehe ich echt gar nicht, wenn du in der realen Welt solchen Mist unkommentiert stehen lässt, warum machst du dir die Mühe im Netz ..?

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem !!

Roberto De Lapuente 29. Oktober 2014 um 13:34  

Wie sich das liest, ist mir völlig egal. Man muss schon mir überlassen, wann ich glaube, dass es sinnvoll ist, etwas zu sagen und wann nicht. Belehr mal schön dein Umfeld und lass mir meines.

Lazarus09 29. Oktober 2014 um 14:07  

@ Roberto .. dann mal Danke für die Antwort .. sollte keine Belehrung sein denn was du machst ist mir echt scheißegal, diesen Satz "Ich ließ den Satz von Putins Kriegstreiberei so stehen und seufzte laut." hätte ich von dir nur so nicht erwarten ..das ist alles .

Nix für Ungut ..

hinterwald 29. Oktober 2014 um 18:58  

ich kann putin, glaube ich, auch ganz gut verstehen - ich finde ja auch, daß straßbourg eine deutsche stadt ist und heim ins reich müsste. so viel verständnis sollte schon sein, oder?

Anonym 29. Oktober 2014 um 18:59  

Lazarus09, du widersprichst dir mit deinem lateinischen Wahlspruch ja schön selbst.

Jedenfalls, wenn du noch jemanden zu reden haben willst "am Ende".

Roberto De Lapuente 29. Oktober 2014 um 19:19  

Ach Gott, so ist es halt, wenn man im Hinterwald politisiert. Die Krim ist nicht Straßbourg. Das russische Militär ist nicht auf die Krim einmarschiert. Es war schon da. Legal. In der Ostukraine steht kein russischer Soldat. Aber hey, das sind so kleine Fakten, die der Hetze ein so unausgewogenes Bild geben. Dann lieber Scheiße verzapfen und so tun, als habe man ein ganz tolles Argument für Putins Hitlerismus angebracht. Na, da wird sich der Herr Gauck aber freuen, dass da jemand sein Gedankengut so toll auskackt.

Lazarus09 29. Oktober 2014 um 20:02  

Anonym 29. Oktober 2014 18:59

der Lateinische Spruch ist so zu verstehen das du die Folgen dessen was du tust bedenken sollst .. mit Bedacht, mit Sicht auf das Ende oder die Folgen.
Widerspruch ..? Wo..?

Das meinte ich im Konsens dessen das Roberto sich vielleicht unglaubwürdig machen könnte wenn er zwar Missstände hier anprangert im analogen Leben aber mal lieber nichts sagt.. meine Meinung und durchaus nicht böse gemeint.

Anonym 29. Oktober 2014 um 21:31  

„Jeder kennt vermutlich mittlerweile eines dieser Geschöpfe, das nachplappert, was die Medien vorfabrizieren.“

Nur eins?
Schön wärs!

Anonym 29. Oktober 2014 um 22:00  

Ich sehe diesen Text mehr als eine Metapher.
Ich bin bei weitem nicht so links wie Sie Herr De Lapuente und betrachte die Ursachen des Konflikts um die Ukraine etwas anders, aber das würde hier den Rahmen sprengen.
Letztlich ist es aber auch völlig egal, welchem politischen Lager man so angehört, denn Leuten, die zu allem eine Meinung haben, aber von nichts eine Ahnung begegnet man in allen Lebenslagen. Und dann steht man da und überlegt, wo man anfangen soll zu erklären. Da sehnt man sich dann nach Erklärungshilfen und Sie haben mir schon so einige Kniffe vermittelt, dafür hier mal ein Danke!
Stört es Sie dann auch so oft wie mich, dass solche Menschen, wie Sie sie z.B. in diesem Artikel hier beschreiben, dann auch noch die eigenen Gedanken beherrschen, weil man dennoch weiter überlegt, was man hätte sagen können, auch wenn das Gespräch schon läge beendet ist? Die schlagfähigsten Argumente fallen mir ja immer erst später ein. Zumindest scheint es mit, dass viele ihrer Blogeinträge so entstanden sind, dass sie zumindest hier im Internet noch loswerden wollten, was Sie eigentlich schon vorher hätten sagen sollen.

Roberto De Lapuente 30. Oktober 2014 um 06:09  

Lazarus, vielleicht war ich auch zu schroff. Weißt Du, ich bin auch nur ein Mensch und habe auch nicht immer die Kraft, die ich haben sollte. Und dann muss man manchmal auch wissen, bei wem sich Widerspruch lohnt und bei wem es vergeudete Energie ist. Dazu muss man sich die Frage stellen, ob man Dinge adäquat erklären kann in drei Minuten. Meist geht das nicht.
@Anonym von 22:00: Manche Texte sind sozusagen ein Nachruf. Andere nicht. Wie ich aber sehe, geht es anderen Menschen manchmal ganz so wie mir.

Anonym 30. Oktober 2014 um 08:26  

Lieber Roberto,
zur Ukraine auch hier eine chronologische Zusammenstellung mit sehr vielen Hintergrund-Links:

http://www.holger-niederhausen.de/index.php?id=922

Lazarus09 30. Oktober 2014 um 09:17  

Moin Roberto .. ne du schon ok , und klar überlege ich mir auch ob's Sinn macht solchen Runkeln lange Erklärungen zu liefern was ihr Dummgeschwätz als solches enttarnt . In dem Fall kommt dann aber zumindest was sarkastisches von mir bevor da einer glaubt von meiner Seite gäbe es da stilles Einverständnis.. ;-)

Denn du kannst keinesfalls adäquat erklären, schon gar nicht in drei Minuten, wofür die Verblödungsmedien Millionen Etats verbraten ..vergiss es, deswegen schrieb ich ja schon beim SF das du das inzwischen mit allen Reizthemen so halten könntest mit dem nichts sagen . Anyway , es bleibt schwierig.Widerstand macht Einsam Hahahaha ;-)
cheers

Chris 30. Oktober 2014 um 10:27  

@Roberto, Danke für Deinen Beitrag!
Der beschreibt genau wie es auch mir ergeht, nur daß ich es bei weitem nicht so gut in Worte fassen kann ;)

Mach weiter so!

Vg

Chris

Anonym 30. Oktober 2014 um 15:34  

Anbei Artikel zum Thema Ukraine den mal sich mal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen sollte.
http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/maerkte,did=759928.html

Mehlwurmin 30. Oktober 2014 um 21:02  

Ich kann Roberto sehr gut verstehen.
Bei meinem Sohn (31) stoße ich auch auf taube Ohren und allenfalls Gegenfragen.
"Ist das ein Grund die Krim gewaltsam zu anektieren?"
Da kann man noch so oft nachfragen, was daran gewaltsam war und wo jetzt die unterdrückten Krim- Ukrainer sind- er will nicht zugeben, daß er ein Opfer von Propaganda ist und macht so lieber Augen und Ohren zu.
Ich bin es auch müde, immer wieder versuchen Leuten, die es einfach nicht interessiert und die keine Fehler zugeben können, zu erklären, daß sie zu kurz denken.

maguscarolus 1. November 2014 um 11:07  

@Anonym 30. Oktober 2014 15:34

Diese gebundenen Erdgasvorkommen, von denen hier die Rede ist, werden doch sicher per Fracking auszubeuten sein, wenn ich das richtig verstehe - das Reizwort ist mir im Artikel nicht aufgefallen.
Die ukrainischen "Eliten" geben hier grünes Licht für eine gigantische Umweltkatastrophe in diesem, an Umweltkatastrophen ohnehin reichen Land.
Aber die neoliberale Ausrichtung schafft "Arbeitsplätze" - egal wie und egal mit was für Kollateralschäden.

Anonym 1. November 2014 um 21:30  

Liebe Leute, lest mal - angeregt durch die informative Rezension - das Buch, statt euch mit dem eigenen Bauchnabel zu beschäftigen. Vielleicht erfahrt ihr dann ja etwas über die Ukraine-Krise und "Die Eroberung Europas durch die USA", das ihr noch nicht wisst.

Richard 19. November 2014 um 17:23  

Die Rezension klingt sehr vielversprechend und ist, das finde ich in dem thematischen umfeld zumindest bemerkenswert neutral. Als Anregung nehm ich den Buchtipp gerne auf, da es sehr schwierig geworden ist einigermaßen objektive Hintergrundinformationen zu erhalten. Unsere Medienwelt hat ja ihr Urteil gefällt oder erhalten und so einseitig fällt dann auch die Berichterstattung aus.

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