Eine nostalgisch ausgefüllte Erinnerungslücke

Donnerstag, 31. Juli 2014

Vor 100 Jahren trat das Deutsche Reich in jenen Krieg ein, der der Erste Weltkrieg werden sollte. Schon am Wochenanfang erinnerten einige Gazetten mit Fotostrecken und Rückblicken daran. Zeitgleich beweisen sie aber auch, dass man aus solchen Retrospektiven nichts lernt.

Eigentlich ist die derzeitige Situation ein Treppenwitz der Geschichte. Seit einigen Wochen erinnern die großen Magazine und Zeitungen an das Europa vor 100 Jahren, das an der Schwelle zu einem großen Krieg stand. Journalisten beschrieben unter anderem den herrlichen Sommer 1914, wie die Menschen weitermachten, in Cafés oder auf Spaziergänge gingen und das stille Privatglück am Rande des Weltenbrandes genossen. »Und plötzlich leuchtete die Welt«, beschrieb der »Spiegel« diese Situation.

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... wenn man trotzdem lacht

Mittwoch, 30. Juli 2014

»Man hat manchmal das Gefühl, die einzige Verfassung, die unsere Parteien wirklich interessiert, ist ihre eigene finanzielle.«

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Ach, läge Bremen nur am Rhein und Kiel an der A9!

Dienstag, 29. Juli 2014

Nordlichter, zieht euch warm an! Was auf europäischer Ebene von Nord nach Süd geschieht, will Bayerns Finanzminister Söder im Inneren vom Süden in den Norden transportieren. Er fordert »einen Solidarpakt nach EU-Vorbild«. Dabei ist das Modell des Fiskalpakts vieles, aber sicher nicht solidarisch.

Tja, liebe Bremer, Schleswiger und Holsteiner, euch hat Söder im Blick. Weil er den Länderfinanzausgleich für eine ausgewiesene Ungerechtigkeit gegenüber jenen Ländern ansieht, die für strukturschwächere Länder aufkommen müssen, will er das ganze Konzept hellenisieren. Möchte er also den Begriff von Solidarität neu definieren: Wer erhält, der soll bluten. Beim Christsozialen klingt das natürlicher hübscher. »Leistungsanreize setzen und Auflagen zulassen« nennt er dieses Prinzip, das in Griechenland, Portugal und Spanien drastische gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zog. Nur so könne man dort Reformen erzwingen.

Steigt dann auch in Bremen die Selbstmordrate? Nehmen HIV-Erkrankungen zu und werden notwendige Medikamente knapp? Erhöht sich in Schleswig-Holstein die Zahl der Totgeburten? Wieviele bleiben ohne Sozialleistungen, ohne Krankenversicherung, ohne Job? Wohnen dann wieder mehr Mittvierziger bei den Eltern, weil sie sich ein eigenes Leben nicht mehr leisten können?

Vielleicht will es Söder nicht ganz so derb. Unter Deutschen muss ja ein Mindestmaß an Sittlichkeit gewahrt werden. Das merkt man schon an der Sprache. Griechen waren für diese Sorte von Politikern ja faul, lebten ein nicht mehr zeitgemäßes Leben oder hingen in der Hängematte herum. So spricht man aber nicht von Norddeutschen. Das tut man einfach nicht.

Doch warum nicht anregen, die dortigen Kommunen weiter schleifen und Renovierungen von Kindergärten oder den Haushalt für Stadtbüchereien auszusetzen? Wer Tranchen vom Rettungspaket aus Bayern erhält, der muss schließlich beweisen, dass er gewillt ist, irgendwo Gelder einzusparen. Die Austerität klappt ja auch in Griechenland so fein. Weshalb nicht an der Weser?

Dieser Mann fordert die Auflösung eines Solidarbegriffs, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Europa entstand. Die neue Solidarität ist eine Pistole, die man vorhält. Strukturausgleiche werden zu Erpressungsversuchen. Monika Maron schrieb in einem kurzen Aufsatz, dass die Westdeutschen ihr »eigenes Wohlergehen nur noch als eine gerechte Folge ihrer ehrlichen Arbeit ansahen, nicht aber auch als einen geographischen Glücksfall. Läge Schwaben an der Oder, läge Leipzig am Rhein«, dann hätte es vielleicht mehr Proteste in Stuttgart als in Leipzig gegeben.

Die Passage beschreibt in etwa, warum es Ausgleichsfonds gibt. Sie sind nicht etwa unsolidarisch, sondern eben der Ausgleich für unausgeglichene Bedingungen. Läge Kiel an der A9 als Ausgangsbasis für den Handel in alle europäischen Himmelsrichtungen, wäre Bremen im Dreieck zwischen Rhein, Main und Neckar entstanden und müsste sich nicht mit der wirtschaftlich wesentlich uninteressanteren Weser begnügen, dann sähe manches anders aus. Die Gnade der strukturell begünstigten Geburt sollte man nie mit »ehrlicher Arbeit« verwechseln. Die tun nämlich auch andere und kommen auf keinen grünen Zweig.

Wer Standortnachteile jetzt auch noch mit Austeritätskriterien versehen will, gerade so, wie wir es in Griechenland beobachten konnten und noch können, der verschärft diese Unausgeglichenheit drastisch. Der will ein Gemeinwesen als einen öffentlichen Raum deklarieren, den sich die Mehrheit nicht mehr zu betreten leisten kann. Söder will keinen neuen Solidarpakt, sondern die Entsolidarisierung nun auch im Inneren.

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Was nochmals gesagt werden muss

Montag, 28. Juli 2014

Die Debatte über den »neuen Judenhass« ist natürlich notwendig und richtig. Wer auch immer »Ab ins Gas!« oder solcherlei Parolen skandiert, der gehört juristisch verfolgt. Die Sorge um die Formierung dieses »neuen Antisemitismus« darf aber nicht dazu führen, Kritik an der Außen-, Siedlungs- und Kriegspolitik Israels im Keime zu ersticken.

Gleich mal eines vorweg: Dieser Antisemitismus wird nicht nur von Palästinensern und Arabern auf deutsche Straßen getragen. Auf einem »höheren Niveau« ist er seit Monaten auch das Thema einer Splittergruppe, die die Mahnwachen für den Frieden für sich vereinnahmt. Die Rädelsführer empfehlen nicht Gas, geben aber zu bedenken, dass die Welt ein von den Rothschilds und ihrer Federal Reserve geführter Laden ist. So gestaltet man Antisemitismus, der nicht nur den Pöbel ansprechen, sondern auch einen »gewissen intellektuellen Anspruch« haben soll. Das ist die Avantgarde dieses Milieus, die das »Gerücht über die Juden« (Adorno) bedächtig unter die Leute bringen.

Wenn man jetzt jedoch allerlei Kommentare liest, die vorm »neuen Judenhass« warnen, dann entnimmt man diesen Warnungen, dass es sich um Moslems handle, die ihn nach Deutschland brächten. Das ist wie gesagt Unsinn! Sie sind nicht die einzigen Gruppe, die antisemitische Positionen vertritt. Zur oben genannten Gruppe kommen die üblichen Verdächtigen aus dem rechten Parteienspektrum. O-Ton Mahler, damit wir nicht vergessen, dass es diese Leute auch noch gibt: »Der Jude trachtet danach, sich zum Fürsten seiner Herren zu machen. Trachtet danach, die Weltherrschaft zu erlangen.« Und dann denken wir kurz an dessen Kameraden Voigt, der von einem Wahlplakat lächelte, über ihm Slogan »Gas geben!«. Und ja, ganz klar, dann gibt es da leider auch noch einige Linke, die Kritik an israelischer Politik mit Hetze verwechseln oder zumindest affirmativ mitmarschieren wo Hetzer zugange sind. Doch nicht alles was aus dem linken Spektrum zu dieser Sache kommt ist auch gleich antisemitisch. Da gibt es qualitative Unterschiede. Ich komme gleich darauf zurück.

Eine sachliche Kritik an Israel ist dringend notwendig. Sie darf sich nicht von der allgemeinen Hysterie mundtot machen, darf sich gleichfalls nicht zu abstrusen »Grundsätzlichkeiten zum Juden« hinreißen lassen. »Was gesagt werden muss« nannte Grass so eine in Prosa gepackte Kritik. Israelische Politik nicht kritisieren zu können, »[empfand er] als belastende Lüge / und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt / sobald er mißachtet wird / das Verdikt ›Antisemitismus‹ ist geläufig.«

Was man jetzt alles so hört und liest! Ausgewogen ist davon wenig. Die einen sagen, Israel sei der Faschismus von heute. Und andere winken ganz im Gegenteil ab und finden, dass sich Israel wohl selbst schützen dürfe. Ist das alles so einfach? Verdammt nein, Israel ist kein Land, das dem Deutschland der Nationalsozialisten gleichkomme. Und Leute nein: Israel übt auch nicht einfach nur Selbstverteidigung. Auf allen Seiten lediglich diese simplifizierende Einseitigkeit. Man kann doch wohl sagen, dass diese Vergeltung der israelischen Armee Ansätze eines Völkermordes zeigt, ohne gleich feststellen zu müssen, dass das ganz genauso wie damals bei Hitler ist. Neulich las ich einen beispielhaften Kommentar. Da schrieb jemand, dass dieser neue Hass einen neuen Holocaust denkbar mache. Man kann auch übertreiben. Diese Geschichte wird sich nicht mehr so wiederholen. Das heißt aber freilich nicht, dass der Antisemitismus überwunden ist.

Und was soll bitte diese Aussage, die man gelegentlich hört und die mir letztens wieder begegnet ist? Da sagte mir einer, dass die Juden doch eigentlich gelernt haben müssten, wie es sei, unterdrückt zu werden? Wieviel Selbstgefälligkeit steckt denn bitte in dieser These? »Jude, haben wir dich nicht ordentlich erzogen?« Das klingt ja, als sei die Shoa nur eine Erziehungsmaßnahme gewesen. Man könnte auch gleich fragen: »Seid ihr denn immer noch nicht geläutert? Was muss denn noch mit euch angestellt werden, damit ihr bessere Menschen werdet?« Was für eine sagenhafte Dummheit, solche »moralischen Geschütze« aufzufahren. Israelis sind doch theoretisch keine besseren Menschen und Israel ist nicht eigentlich eine bessere Gesellschaft, weil man im kollektiven Gedächtnis die leidvollen Erfahrungen des Holocaust mit sich führt. So wie die Deutschen nicht automatisch frei von Antisemitismen sind, weil sie dieselbe Erfahrung von der anderen Seite gemacht haben.

Gleichwohl ist ein Wink auf die Moral aber natürlich notwendig. Sie darf nur nicht als gönnerhafter Onkel oder enttäuschter Erzieher daherkommen. Trotzdem: Das was den Menschen im Gazastreifen widerfährt, ist das Resultat einer politischen Entscheidung, die bar jeglicher Moral exekutiert wurde und noch wird. Welcher Ethik folgt es denn bitte genau, wenn man einer Mutter drei Kinder nimmt, wenn man ein Krankenhaus unter einen Bombenteppich legt und Ehemänner und -frauen in die Witwenschaft bombt? Weichen so die verhärteten Fronten auf? Man muss verstehen, dass man inmitten von Staaten, die man mit gewisser Berechtigung als Feinde wahrnimmt, leichter unter Zugzwang gerät, möglicherweise auch überreagiert. Dieses Israel hat wahrlich kein leichtes Los. Und nur selbstverantwortlich ist man für diese Situation nun auch wieder nicht. Es gehören immer zwei dazu. Aber all das kann unter den Gesichtspunkten von Menschenrechten keine Ausrede sein. Das kann es erklären, nicht aber entschuldigen.

Noch so eine Sache, die wahnsinnig stört dieser Tage: Wieso zum Henker geht es eigentlich jetzt ständig um Juden? Warum nicht um Israelis? Wenn das Statistische Bundesamt den Stromverbrauch pro Kopf errechnet, dann liest man in den Zeitungen doch auch, dass »jeder Deutsche« so und so viel Strom im Jahr verbrauche. Hat man schon mal gelesen: »Katholiken und Protestanten verbrauchen fast 1800 KWh im Jahr«?

Aber nicht alles ist wirklich Antisemitismus. Der Begriff ist zu einer Keule geworden, die Linke wie Rechte gleichermaßen schwingen. Manchmal berechtigt. Manchmal auch nicht. Dann machen sie trotzdem auf ungeheuer empört. Denn es geht nicht um Erkenntnis, sondern um Instrumentalisierung. Beispiel: Vor einigen Jahren gab es einen Boykottaufruf gegen israelische Früchte. Denn bei israelischen Früchten handele es sich um Blutobst. So wollte man eine neue Siedlungspolitik in Israel erzwingen. Einige linke Ortsgruppen schlossen sich dieser Aktion an. Prompt hagelte es Kritik und Vergleiche: Dieser Boykott sei so wie damals, schimpften einige, als es hieß: »Kauft nicht beim Juden!« Geht es vielleicht mal eine Spur weniger reißerisch? Man musste ja nicht für diese Maßnahme sein. Aber antisemitisch war sie sicherlich nicht. Nicht alles was von der politischen Linken an Kritik an Israel kommt, ist eben auch Antisemitismus. Aber wenn man ehrlich ist, dann gibt es auch Linke, die nur mit eindimensionaler Sehfähigkeit ausgestatten sind, die die palästinensische Seite glorifizieren und die jüdische diabolisieren und so einem Antisemitismus frönen, der zwar nicht rassistisch bedingt, wohl aber erzieherisch motiviert ist.

Man sollte dieser Tage nicht so viel von Juden, wohl aber von Israel sprechen. Ohne falsche Hinwendungen. Ohne falsche Schlussfolgerungen und Pathologisierungen. Aber auch ohne falsche Scham. Die Angriffe, die Israel fährt, sie dürfen nicht im Orkus der Empörung über den »neuen Antisemitismus« verschwinden. Da werden Kriegsverbrechen begangen. Nicht von Juden. Von Menschen. Mit israelischem Pass. Man hat die westlichen Armeen in Afghanistan und Irak ja auch nicht als christliche Streitkräfte bezeichnet. Zufällig waren sie trotzdem vornehmlich Christen. Die israelische Siedlungspolitik indes ist das Vorspiel dieser Kriegsverbrechen mit Baggern und Abrissbirnen. Man ist kein Antisemit, wenn man da auf Menschenrechte verweist. Man ist es aber, wenn man hämisch abwinkt und sagt: »Das ist die jüdische Art.« Ich befürchte nur, die Empörung der Stunde wird jegliche Kritik an Israel gleichstellen. Alles Antisemiten! Und nein, verdammt, das ist kein Plan von den Rothschilds, um die israelische Politik für sakrosankt zu erklären.

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Als die Faschisten die besseren Menschen im gegnerischen Strafraum waren

Freitag, 25. Juli 2014

Ich hatte eben erfahren, dass man mich im Rahmen des Sozialplans entlassen würde, da kam Krieglbauer zu mir. »Ich habe es gerade gehört«, sagte er mir mit kollegialer Anteilnahme. Krieglbauer war Vorarbeiter. Und keine Leuchte.
   »Tja, Scheiße.« Ich gab mich wortkarg. Arbeitete weiter vor mich hin, ohne genau zu wissen, was ich tat. Jedenfalls hatte ich eine Bügelmessschraube in der Hand.
   »Nicht aufgeben«, rief er und ballte die Faust wie ein Dutschke der Werkstätten. Dann ging er weg.
   Einen Tag später beanstandete er meine Lustlosigkeit. In der letzten Spätschicht hätte ich mein Soll nicht erfüllt. Er las mir die Leviten: »Schau dir den Carsten Jancker an, der macht immer weiter und kämpft. Du musst deine Situation wie ein Fußballspiel sehen. Kämpfen. Machen. Wer aufgibt, geht als Verlierer vom Platz.«
   Seine Ansprache empörte mich. Sah ich aus wie ein Kicker? Rechnungen, die ich nicht mehr begleichen kann, sind kein verlorenes Punktspiel. So ein Unsinn. Wer hat dem Krieglbauer je erzählt, er wäre qualifiziert, seine Umwelt zu erbauen? Ich wusste ja, dass seine Welt ein Ball ist. Ein anderes Thema hatte er ja nicht. Die Bayern waren seine ganze Freude. Aber meine miese Situation mit solchen Mätzchen zu entweihen, das machte mich sauer.
   »Mann, verpiss dich!« Mehr fiel mir in diesem Augenblick nicht mehr ein. Er guckte doof und zog ab.
   Das war natürlich zu schroff. Der Mann war ja an sich kein übler Kerl. Aber dass er mich dann auch nie mehr zu motivieren versuchte, gab meiner Schroffheit rückwirkend Berechtigung. Der Zweck heiligte die Mittel. Ausnahmsweise.

Mir begegnete dieser Vergleich von Leben und Gesellschaft mit dem Fußball zu jener Zeit nicht zum ersten Mal. Schon in der Schule hatten wir einen Rektor, der uns die Gesellschaft in der Sozialkunde wie ein Sportmoderator kommentierte. Und letzte Woche dann las ich einen Text, der mich an Krieglbauer und an den Rektor erinnerte. Er war so voller Narrheiten, dass es schwer ist, darüber hinwegzugehen. Ich habe ihn schon letzte Woche kurz gestriffen.

Deniz Yücel sublimiert diese allgemeine sportive Interpretation des alltäglichen Lebens in eine profane Transzendenz. Er sagt nicht einfach, dass wir uns alle ein Beispiel an der Einsatzbereitschaft nehmen müssen, sondern macht uns im Grunde das Gegenteil weis: Moderne Staaten, Systeme, Gesellschaften, wie immer man das nennen will, brächten erfolgreiche Mannschaften hervor. Er behauptet insofern das Gegenteil von dem, was Krieglbauer meinte. Oder sagen wir, er spricht die Bedingtheit von Mannschaftssport und Gesellschaft an.

»Deutschland wurde Weltmeister, weil es sich modernisiert hat. Weil dieses Land ein anderes, ein besseres ist«, behauptet Yücel. Diese zwei Sätze sind seine zentrale Botschaft. Er bezieht das vor allem darauf, dass Deutschland heute ein weltoffeneres Land sei, in dem rassistische Reflexe nicht mehr wirken. Hat er die NSU vergessen? Die typischen Affekte der Menschen gegenüber Roma und Osteuropäer? Die Kampagnen konservativer Gazetten und Parteien? Alternative für Deutschland? Hat Yücel im Taumel nicht an sie gedacht? Überhaupt könnte man Yücels Einsicht auch anders lesen, denn er schreibt unter anderem auch: »Vielleicht ist es Merkel-Deutschland, das Weltmeister geworden ist. [...] Anfang des Jahrtausends hatte man den Anschluss verloren.« Meint er speziell den letzten Satz jetzt bezogen auf den Fußball oder die Gesellschaft? Wahrscheinlich beides. Letztlich war die Agenda 2010 also richtig? Denn sie hat uns nicht nur Hartz IV eingebrockt, sondern auch den DFB zum Weltmeister gemacht.

All das ist Unfug, der aber in der Stunde des Triumphs gut ankommt. Mit etwas mehr Abstand hätte es doch ins Auge stechen müssen, dass da was faul ist. Wenn modernisierte Gesellschaften die Voraussetzung für erfolgreichen Fußball sind und waren, dann muss die Sowjetunion in den Sechzigerjahren eine durch und durch moderne Gesellschaft gewesen sein. Jedenfalls besser, als manches, was es im Westen fußballerisch so gab. Zwischen 1958 und 1970 landete das Team bei Weltmeisterschaften immer mindestens im Viertelfinale, 1960 war man Europameister und 1964 und 1972 jeweils Finalist. 1968 reichte es für den vierten Platz. Es gab und gibt fürwahr imposantere Titellisten. Aber ausschlaggebend war, dass im sowjetischen Fußball das Pressing eingeführt wurde. So modern spielte damals niemand anderes. Die Taktik als Spiegelbild der Gesellschaft?

Wenn wir schon dabei sind, die These von der modernen Gesellschaft als Grundlage erfolgreicher Mannschaftsleistungen im Fußball für Unsinn zu entlarven: Die österreichische Nationalauswahl galt gegen Ende der Kaiserzeit bis hin in die Ära des Austrofaschismus als ein »Wunderteam«. Wann war die Gesellschaft moderner? Unter Kaiser oder Schuschnigg? Das faschistische Italien feierte die WM-Titel 1934 und 1938 als Triumph des faschistischen Übermenschen über all die anderen, die in minderwertigeren System lebten. War der Jubel berechtigt? War der Faschist echt der bessere, leistungsfähigere und einsatzkräftigere Mensch? Hat uns 2004 bewiesen, dass die Griechen in einem intakten Gesellschaftskörper lebten?

Gesellschaftliche Sinnsuche im Fußball hat es freilich immer gegeben. Nur vielleicht nicht als solches Massenphänomen wie heute. Als der bayerische Bereichssportführer Oberhuber 1940 als These vorbrachte, dass das Wort vom Angriff, der die beste Verteidigung sei, »seine tiefste Erfüllung und Berechtigung gerade in unseren Tagen erhalte«, da schrieb er dies in eine Zeitschrift namens »Fußball«. Für solchen Unsinn waren die Jünger des Sports offen. Sie haben zu allen Zeiten geglaubt, dass ihr Sport mehr als nur Sport sei, nämlich Abbild und Formgeber der Gesellschaft. Aber diese exegetischen Spagate leistete man für ein Fachpublikum und nicht für die Masse. Yücels Analyse war ja nur einer von ungezählten Texten, die den WM-Titel zu einem gesellschaftlichen Produkt deklarierten, vielleicht auch, um die frohe Kunde vom »Wir sind Weltmeister!« irgendwie zu untermauern. Denn wenn ein modernisiertes Land wie Deutschland, in dem der Niedriglohnsektor und Hartz IV als modern gelten, in dem Lobbyismus wütet und die NSU zwar vor Gericht steht, aber Rassismus weiterhin blüht - wenn ein solches Land titelreif ist, dann ist das wahrscheinlich auch der Sieg des Leiharbeiters und Hartz-IV-Berechtigten, des Lobbyisten und des Rassisten. Unser aller Titel!

Vor einigen Tagen gewannen die Säbelfechter des Deutschen Fechter-Bundes erstmals die Weltmeisterschaft. Die Medien berichteten verhalten. Jenes Morgenmagazin, das eine Woche zuvor verkündete, dass wir Weltmeister seien, meldete: »Die deutschen Säbelfechter haben erstmals die Weltmeisterschaft gewonnen.« Wie? Nur die? Nicht wir alle? Aber diese Säbelfechter sind doch wohl auch das Produkt eines modernen Deutschland. Hat die soziale Schieflage und die Schere zwischen Armut und Reichtum, die immer weiter auseinanderklafft, nicht auch diesen Titel ermöglicht? Yücel, schreiben Sie noch was dazu? Einer muss es doch mal kundtun, dass gutes Säbelfechten von einer modernisierten Gesellschaft ausgeht.

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... und nichts als die Wahrheit

Donnerstag, 24. Juli 2014

Über die Jahrhunderte gab es eine dominierende Definition dessen, was Wahrheit sei. Unsere Epoche scheint sich eine eigene Begriffsbestimmung dazu zu geben: Wahrheit ist demnach nichts mehr Verifizierbares, sondern die Summe aus allen Repetitionen, die über einen Sachverhalt grassieren.

Als »Übereinstimmung des urteilenden Denkens und der Sache« bezeichnete Thomas von Aquin das Wesen der Wahrheit. Das ist die klassische Formel, die man auch »Korrespondenztheorie« nennt, weil sie davon ausgeht, dass gedankliche Vorstellungen und die Wirklichkeit miteinander korrespondieren. Noch Kant verweigert mit dieser Theorie begründend in seiner »Kritik der reinen Vernunft« eine hinreichende Definition des Wesens der Wahrheit. »... die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande [...], wird hier geschenkt, und vorausgesetzt«, schreibt er dort. Diese Sichtweise schwingt in heutigen Erklärungsansätzen noch immer mit. Der »Brockhaus« definiert die Wahrheit zum Beispiel so: »... der mit Gründen einlösbare Geltungsanspruch von Aussagen bzw. Urteilen über einen Sachverhalt.«

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Vielleicht hatte die Vorsehung mit Absicht noch ein bisschen gezögert

Mittwoch, 23. Juli 2014

Joachim Gauck nannte am Wochenende die Gruppe um Stauffenberg ein »Vorbild für den Kampf für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie«. Sie habe uns gelehrt, »dass wir uns nicht mitschuldig machen [sollten], wenn anderen Unrecht geschieht.« Vor einigen Jahren hat Gauck mal die Anne-Frank-Tage eröffnet. Er hätte ihr Tagebuch mal besser lesen sollen.

Es ist zum Narrativ der letzten beiden Jahrzehnte geworden, dass die Widerstandsgruppe um Stauffenberg Repräsentanten eines besseren, humaneren, friedlicheren Deutschlands gewesen seien. Eines Deutschlands, in dem die Wehrmacht nur ein geknechtetes Werkzeug der Nationalsozialisten war, die überrumpelt und wehrlos in einen Krieg geschickt wurde, den sie nie haben wollte. Solange man aber von Sieg zu Sieg eilte, war es mit Widerstand nicht weit her. Auch Stauffenberg, als berühmtester Kopf dieser Gruppe, war da noch einverstanden. Seit Anbeginn war er das bereits. »Als sich die Menge [am Abend des 30. Januar 1933] zu einer Freudenbekundung formierte, um die neue Regierung Hitler zu feiern«, schreibt Robert Gellately in seinem Buch »Lenin, Stalin und Hitler«, »setzte sich ein junger Leutnant in voller Uniform freudig an die Spitze.« Dafür wurde der junge Mann später von seinem Vorgesetzten getadelt. Sein Name: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. »Eine entfernte Verwandte erinnerte sich, dass sie überrascht war, als sie von seiner Beteiligung am gescheiterten Attentat 1944 erfuhr«, berichtet Gellately ebenda, denn sie hielt ihn für »den einzigen richtigen Nationalsozialisten in der Familie«.

Als ihm und einigen Offizieren das Leid der eigenen Volksgenossen gewahr wurde und sie überdies erkannten, dass mit Hitler die Niederlage unabwendbar würde, entschlossen sie sich zu handeln. Diese Leute mögen keine begeisterten Krieger gewesen sein, keine Freunde des heldenhaften Schlachtens, aber wesentlich kritischer waren sie dennoch nicht. Stattdessen verwiesen sie auf den Ehrenkodex deutscher Soldaten und nahmen aktiv teil an Krieg und Völkermord.

Die Gruppe um Stauffenberg war kein demokratisch gesinntes Widerstandsnest, sondern eine bürgerliche, vornehmlich aus dem Junkertum stammende Riege höherer Offiziere, denen - sobald man Hitler erst mal beseitigt hätte - nicht die Demokratisierung ihres Landes vor dem geistigen Auge vorschwebte, sondern ein Obrigkeitsstaat, der Adel und Eliten bevorzugen sollte. Sozialstaatliche Ideen oder eine Wiederherstellung der Weimarer Verfassung standen überhaupt nicht auf dem Plan. Für sie war der Hitlerstaat ja auch nicht grundsätzlich schlecht, sondern vielmehr ein Staatsgebilde, welches im Kern viel Wahres barg, gerade auch was die Unterdrückung von Minderheiten und sozialistischen Ideen betraf.

»Der beste Beweis ist doch wohl, dass es viele Offiziere und Generäle gibt, die den Krieg satt haben und Hitler gern in die tiefsten Tiefen versenken würden«, notierte die 15-jährige Anne Frank kurz nach dem Attentat in ihr Tagebuch, »um dann eine Militärdiktatur zu errichten, mit deren Hilfe Frieden mit den Alliierten zu schließen, erneut zu rüsten und nach zwanzig Jahren wieder einen Krieg zu beginnen. Vielleicht hat die Vorsehung mit Absicht noch ein bisschen gezögert, ihn aus dem Weg zu räumen.« Die später als Gewissen des »anderen Deutschland« verklärte Gruppe wurde von den damaligen Zeitgenossen also durchaus nicht als Retterin begriffen.

Nein, was sie besorgte waren die negativen Auswüchse, war der Blutzoll, der auf Hitlers Mist erwachsen war - und dort vor allem das Blut der Deutschen selbst; das Blut der Russen, Polen und Juden war nicht in erster Linie Antrieb der Widerstandsbewegung um Stauffenberg, sondern nur indirekt, weil man durch das Abschlachten anderer Völker aussähe wie ein Volk von Mördern. Und um eben nicht wie eine Mörderbande auszusehen, deshalb habe Deutschland den Krieg zu beenden, das Morden zu unterbleiben - und natürlich, damit nicht noch weitere junge deutsche Männer auf den Schlachtfeldern vergeudet würden. Pazifismus war deren Antrieb sicher nicht.

Die Vorläuferbewegung eines demokratischen Deutschlands war sie nicht. Stauffenbergs letzte Worte sollen dem Hochleben des »heiligen Deutschlands« gewidmet gewesen sein; ein demokratisches Deutschland war also nicht sein letzter Gedanke. Seit vielen Jahren schon wird ein eindimensionaler Kult um diese Widerständler betrieben. Stauffenberg als der Kopf wird hierzu als wackerer Held stilisiert, der für deutschen Anstand und deutsches Gewissen steht und für einen gewissen Individualismus im Soldatenrock.

Joachim Gauck hätte Anne Frank lesen sollen. Stauffenberg war ihr zwar nur ein Absatz wert, aber der war realistischer, ausgewogener und weitsichtiger, als die Worte, die der Bundespräsident jetzt dazu formulierte. Und das will schon was heißen. Man kann diesen Männern natürlich gedenken. Aber wenn, dann bitte in aller Ausführlichkeit und ohne hagiographischen Lack. Diese Gruppe lag lange Jahre völlig falsch. Sie bestand aus Mitläufern und (Haupt-)Belasteten, um mal die Kategorisierungen der Entnazifizierung zu bemühen. Man kann nicht mal sagen, dass diese Leute noch die Kurve gekriegt haben. Dazu war es zu spät.

Wahr ist, dass diese Klientel der fruchtbare Boden für den Nationalsozialismus mit all seinen Facetten war. Und das könnte man auch mal sagen.»Vorbild für den Kampf für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie« war die Gruppe hingegen eher nicht. Mal sehen, was Gauck am 9. November über Georg Elser erzählt, wenn sich dessen alleingängerischer Plan zur Beseitigung des Tyrannen zum 75sten Mal jährt.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 22. Juli 2014

»Dennoch sollte man nicht zu viel in die Leistungen, die bei großen Turnieren gezeigt werden, hineininterpretieren. Nur selten gibt es eine weltweit wirklich herausragende Mannschaft, und noch seltener wird diese dann auch noch Weltmeister. Das Beispiel der Brasilianer bei der WM 2002, die ihre Gegner geradezu beiläufig aus dem Weg räumten, ist nahezu einzigartig. Bedenkt man außerdem Brasiliens lethargisches Auftreten in der Qualifikation, erscheint es fast, als wäre Brasiliens damalige Überlegenheit vor allem der Schwäche der anderen Mannschaften geschuldet.«
- Jonathan Wilson, »Revolutionen auf dem Rasen« -

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Und reicht die schönsten Blumen ihr

Montag, 21. Juli 2014

Wir haben Glück gehabt, dass diese Handvoll Journalisten nur ein ordinäres »Happy Birthday, liebe Bundeskanzlerin« anstimmten. Zur Kaiserzeit gab es da ganz andere Liedchen, die man die Untertanen trällern ließ. Da war schließlich auch Feiertag, da konnte man auch mal »Der Kaiser ist ein lieber Mann / er wohnet in Berlin / und wär das nicht so weit von hier / so ging ich heut’ noch hin« singen. Hätte ja auch nicht gepasst, die Kanzlerin war ja in Brüssel.«

Schon am Morgen eröffnete die »Wir sind APO!«-»Bildzeitung« mit einem Reigen von Glückwünschen und von Bildlesern gemalter Kanzlerinnenbilder. Morgenmagazine wünschten alles Gute und hatten Mitleid mit der Jubilarin, die in ihren Geburtstag hinein arbeiten musste. Tja, man will fast »It's A Hard Life« anstimmen. Sogar der junge Aitor, der am selben Tag seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, war an seinem Festtag daheim. Genauso wie Panagiotis, der exakt an jenem Tag auch Sechzig wurde. Wo sollten sie auch sonst sein? Sie haben ja keine Arbeit. Sind arbeitslos. Austeritätspolitik hat also auch Vorteile. Ihnen geht es an ihrem Geburtstag besser als der Kanzlerin.

Egal wo man lauschte, hinsah, blätterte: Ihr Wiegenfest war ein ganz großes Thema. Und nicht nur das. Es scheint ein Akt profaner Volksfrömmigkeit gewesen zu sein. Normale Bürger malten wie gesagt Bilder, bastelten Grafiken, wünschten das Beste, klickten hier, teilten dort, twitterten wo es ging. So geht Kaiser-Geburtstag heute. Und die Leiter dieser kleinen devoten Erbauungsübung stehen nicht mehr auf Kanzeln oder auf Potesten, sie kommen über die virtuelle Wirklichkeit heran, um uns zu sagen: »Die Kanzlerin ist ne liebe Frau / sie wohnet in Berlin / und wär das nicht so weit von hier / so ging ich heut’ noch hin / und was ich bei der Kanzl'in wollt, ich reicht ihr die Hand / und reicht die schönsten Blumen ihr, die ich im Garten fand / und sagte dann: Aus treuer Lieb bring ich die Blumen dir / und dann lief ich geschwind hinfort und wär bald wieder hier.« So ähnlich klang das jedenfalls vor vielen vielen Jahren in einem Land vor unserer Zeit.

Dass diese von van Kampen angeführte Gruppe deutscher Journalisten ihr Ständchen »in Europa« gehalten hat, ist dabei besonders geschmacklos. Gut, dass ein ZDF-Heini dergleichen anleiert, das befremdet nicht mehr sonderlich. In Mainz ist man halt sehr kanzlerös, machte die Frau erst kürzlich zur wichtigsten Deutschen, obgleich sie es nicht wurde. Aber in der Kanzlerinnenrepublik ist die Pole-Position in einer solchen Wertung natürlich das Minimum. Und einer wie van Kampen wird nicht gefeuert, sondern zeichnet sich als der richtige Mann an der Front in Brüssel aus. Man braucht dort Kanzlertreue. Auch wenn sie nicht singen können.

Er und seine kleinlauteren Kollegen suggerierten mit ihrem Auftritt dem Kontinent und der Welt, dass wir in diesem Lande alle nur fröhlich sind, die politische Führung lieben und mit dieser Frau als Regierungschefin so zufrieden sind, dass wir ihr sogar Lieder singen. In Deutschland herrscht Harmonie, könnte man da jetzt ableiten. Volkszufriedenheit. Erst feiern sie den WM-Titel und dann gleich noch den Kanzlerinnentag. Kritiker gibt es nicht mehr. Alle liegen sich in den Armen. Ach Deutschland, du bist so verschmust, so einträchtig. Dort bewirft man Machtmenschen nicht mit Eiern und buht sie aus, dort singt man ihnen was und wird zu dem Heßling, den Heinrich Mann schon in seinem »Untertan« beschrieb. Wenn doch selbst die, die der Obrigkeit mit kühler Distanz begegnen sollten, so warme Worte finden und einen kleinen Geburtstagskult betreiben, dann macht man Europa klar: »Seht her, wir Deutschen stehen zu jener Frau, die ihr diabolisiert.«

Heßlinge krochen an diesem sechzigsten Geburtstag dieser Frau aus allerlei Löchern. Ihr seid noch immer dieselben Untertanen, die schon Wilhelm gratulierten und ihm zu Ehren Festansprachen hielten. Ganz so spießig geht es heute freilich nicht mehr zu. Sie sind besser angezogen, singen andere Lieder. Aber ansonsten seid ihr echt die dieselben verdammten Untertanen! Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, so las man in letzter Zeit oft, manövriere sich der Kontinent schon wieder in ein Dilemma. Nichts gelernt. Hundert Jahre nach Kaiser-Geburtstag erneut eine solche Show. »... das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.«

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Herr Erdmann und die sexuelle Revolution

Samstag, 19. Juli 2014

Heute mal samstags, Erdmann. Und ich mache es relativ kurz. Nicht weil ich keinen Bock mehr hätte und dich abwürgen wollte. Nee, weil du das Ende dieser Folge aus unserer Serie ja offenbar schon kennst. Also lasse ich es weg.

Es ist ja nicht so, dass ich deinen Thesen eine generelle Abfuhr erteilen will. Gar nicht! Ich würde dir sogar attestieren, dass du richtig liegst. Es ist ja ein wenig so wie mit der Neuen Linken von früher, der man in der Theorie ja recht geben musste, aber in der Praxis sah das eben schon wieder ganz anders aus.

Ersetzten wir in unserem Diskurs das Sujet »Kapitalismus« zum Beispiel durch »Sex«, so würde dir eventuell die Rolle eines Günter Amendt zukommen, der für Leute wie Kolle oder Uhse nur Spott übrig hatte, weil er ihre Empfehlungen zur Auffrischung des Sexuallebens zwischen Ehepartnern nur für gymnastische Übungen hielte, die die systematisch begründete verloren gegangene Lust nie wieder beleben könnten. Die klassische Ehe sei nämlich eine repressive Institution und deshalb in Frage zu stellen. Amendt und seine studentischen Anhänger nannten Kolle und Uhse dann auch Scheinliberale ohne revolutionäre Ziele. Sie haben halt Kommerz betrieben und nie was anderes gewollt.

Und in etwa so gibst du dich auf asexuellen Pfaden bei unserem Thema. Schau, Erdmann, seinerzeit berief man sich auch auf Wilhelm Reich, der »grausame Charakterzüge« als Symptom »chronisch sexueller Unbefriedigkeit« attestierte. Befriedigte Menschen seien entspannter, war seine zentrale Botschaft. Der Ruf »Make love, not war« schien damit irgendwie wissenschaftlich fundamentiert zu sein, Ergebnis vieler einleuchtender Analysen. Nur vögelt eben niemand, wenn es an den Krieg geht. Keinem ist danach zumute. Man kann Gauck zwar empfehlen, dass er sich mal ordentlich du weißt schon was. Das provoziert, macht Spaß, schockiert und regt vielleicht manchen zum Nachdenken an. Aber weiter kommt man mit einer solchen in sich schlüssigen Parole halt dann doch nicht, weil sie eben nur in sich schlüssig ist und nicht nach Außen hin.

Du hast recht, das Profitstreben und der Wachstumszwang lassen sich nicht einfach wegreformieren. Du triffst auch ins Schwarze, wenn du sagst, dass jedes Wirtschaften in einer Sackgasse ende, wenn es weiterhin in der Wachstumsfalle sitze. Das sind Einsichten durch Analyse. Und genau für die stehst du ja nach eigenem Bekunden. Analysen hat die Neue Linke wie gesagt auch viele betrieben. Vieles klang logisch, richtig und bestechend. Auf dem Papier. In der Wirklichkeit scheiterten sie an der Wirklichkeit. Ich meine deshalb nicht, dass linke Analysen lediglich Folklore sind. Sie sind notwendig, werfen einen anderen Blick auf die Dinge. Aber sie sind eben auch papiernern. Um bei unserem Vergleich zu bleiben: So richtig die Untersuchung der Ehe als repressive Institution grundsätzlich sein mochte, so ist sie doch ganz offensichtlich in dieser oder ähnlicher Art als »Gemeinschaft exklusiver Zweisamkeit« menschlich, ja vielleicht sogar evolutionär begründet.

Damit will ich nicht den üblichen Käse absondern, den ich sonst so höre. Sätze wie »Der Sozialismus hat nie funktioniert« oder »Die freie Marktwirtschaft entspricht dem Menschen am ehesten«. Das ist Unsinn. Nein, wir leben nicht in der »besten aller möglichen Welten«. Es gibt viel zu viel zu tun. Aber wir werden aus der Spirale einer Wirtschaft, die sich qua Profit und Wachstum speist, auf absehbare Zeit nicht ausbrechen können. Wenn das der Mensch denn je kann und wird. Aber die Politik könnte und müsste im optimalen Fall die Rolle des Wächters übernehmen, Grenzen markieren, die Dynamiken bremsen. Sich von Wirtschaftsinteressen entfernen und verallgemeinernd gesagt: Reformen schmieden, umsetzen und einhalten.

Dann ist das daraus entstandene System sicher nicht krisenfest. Es wird auch an Grenzen, vor allem an Wachstumsgrenzen stossen. Irgendwann. Früher oder später. Wir werden trotz vieler kluger Analysen nichts finden, was die Zeiten überdauert. Und ohne Revolution ... an dieser Stelle breche ich, du kennst das Ende ja, werter Erdmann. Weil ich dich schon mal an der Strippe habe: Wer hätte gedacht, dass aus uns zwei Vögel nochmal Weltmeister werden! Gratuliere.

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Oh ja, ihr seid ja wirklich richtige Weltmeister

Freitag, 18. Juli 2014

Was für ein Wochenbeginn. Weltmeisterlich. Wahrlich. Und so voller journalistischer Weltmeisterleistungen. Christian Eichler von der »Frankfurter Allgemeinen« zum Beispiel, der schrieb über den »deutschen Gladiator«, der mit »Blut im Gesicht« auch »für die Brasilianer gespielt« habe. Und weil er noch mehr metaphysische Vergeistigungen des Kicks vorrätig und Tinte übrig hatte, schrieb er noch etwas vom deutschen »Schauwert [...] und der Haltung bei Sieg und Niederlage«, die nun zum »von aller Welt bewunderten Maßstab geworden« sei. Mensch, der deutsche Maßstab für die Welt ist doch das Mindeste. Das ist ein teutonisches Naturrecht.

Arnulf Baring sah das in der »Bildzeitung« ganz ähnlich. Und weil der Mann keine Ahnung vom Fußball hat, macht er, was alle machen, die keine Ahnung vom Fußball haben: Sie interpretieren Sportereignisse um und machen eine Art politische Botschaft daraus. Zwangsläufig folgt daraus ein Wust an Erbauungssatzbausteinen: Wir alle könnten uns nämlich ein Beispiel an »Schweinsteiger, Müller und die anderen« nehmen. Ich werde daran denken, wenn ich mich am Montag wieder ausbeuten lasse. Und dann wurde Baring noch mal traurig: »Deutschland ist wenigstens im Fußball wieder eine Großmacht.« Schade, oder? Nur noch beim Kicken. Verräterisch, wenn ein oller Geschichtenerzähler gleich mit Wörtern wie »Großmacht« um sich wirft. Das kann man auch nur machen, wenn man Fußball wie Politik und Krieg wie die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln wahrnimmt.

Das Meisterstück schlechthin in Sachen »Transzendierung eines Fußballturniers« hat sich jedoch die »taz« und ihr Sinnsucher Deniz Yücel geleistet. »Höflich, sachlich, dominant« sei die DFB-Elf aufgetreten, die ein modernisiertes Land symbolisiere, »ohne großkotzig zu wirken«. Der gesamte Text liest sich wie eine küchensoziologische Betrachtung. »Deutschland wurde Weltmeister, weil es sich modernisiert hat. Weil dieses Land ein anderes, ein besseres ist.« Alles klar. Selten so gelacht. Ich werde kommende Woche vielleicht noch mal eine Replik dazu liefern. Und natürlich musste die »taz« dann scheinheilig fragen, was Beckenbauer nach dem Titel 1990 schon so selbstsicher verkündet hat: »Über Jahre hinaus unschlagbar?« Warum soll so ein solcher Streich nur über Jahre gelingen? Wieso bitte nicht gleich ein tausendjähriger Streich?

»Heroischer Kampf«, »Schlacht von Maracanã« und »der goldene Krieger« liest man im »Focus«. So eine Sprache hat man zuletzt im »kleinen Hobbit« gehört. »Sie treten und sie schlagen ihn blutig« und deswegen werde Schweinsteiger in die »Fußballüberlieferung [gemeißelt]«. Soll diese schwülstige Wortwahl die »höfliche, sachliche« Dominanz aus der Fassung bringen, mit der diese Elf laut »taz« auftrat? Vielleicht hat der für diesen Text verantwortliche Pierre Winkler auch einfach nur zu viel »Age of Empires« gespielt. Da wird dann aus einem Sportbericht leicht mal ein mediävistisch angehauchter Minnesang.

Dagegen liest sich der Text von Jens Maier fast schon wie eine große Fußball-Analyse, wenn er von der »Schlandtasche« schreibt: »Angela Merkel erschien mit einer schwarz-rot-goldenen Handtasche zum WM-Finale. Wo sie sowas herkriegt und warum alle vom Schick der Kanzlerin schwärmen.« Der Mann hat es drauf, der hat das Spiel verstanden. Es geht bei der Inszenierung von Weltmeisterschaften um Mode, Accessoires, um den Bund zwischen grauer Politik und matschbraun verschmierten Fußballer. Deswegen generierte es beim »Stern« ja auch einen Wirbelsturm im Schnapsglas, weil eine Linke diesen Kult um das »Wir« und die Verweltmeisterlichung von allen Deutschen angriff. Gefruchtet hat es. Bei Facebook habe ich mal verfolgt, wie sich die Leute dort ausließen. So gut wie alle waren sauer auf die Linke. Selbst Leute, die sich selbst als Linke sehen. Was die Frau da mache, las ich öfter, sei einfach nicht mehr links. Links ist dann wahrscheinlich, wenn man sein Land so sehr liebt, dass keine wie auch immer geartete Kritik mehr erlaubt ist. Lass die Idioten mal ihr Land lieben, ich liebe meine Frau.

Man kann Löws Taktik kritisieren. Nicht jetzt freilich. Momentan ist er heilig. Sakrosankt. Bis es mal nicht mehr klappt, dann haben sie es »immer schon gesagt«. Man kann die FIFA anfeinden. Nicht jetzt. Im Augenblick hat man ihr Turnier gewonnen. Aber an die Substanz, an die Wurzel, die Systemfrage quasi, die darf man nicht stellen: Özil ist Weltmeister wie der Bäcker um die Ecke, Lahm ist Titelträger wie ich. »Wir sind Deutschland.« Habt ihr mich nicht gesehen, wie ich am Sonntagabend über den Platz lief? Wie ein junger Gott. Bis mich die Ordner einfingen und aus dem Stadion trugen. Aber das ist ja eine andere Geschichte.

»Konquistadoren aus Alemanha« sah die »Süddeutsche« im Auftreten des DFB-Teams. Aha. Da kann man aber froh sein, dass kein Cortés dabei war, der Tenochtitlán niederbrennen ließ. »Aber siehe da, die neuen Konquistadoren entpuppten sich als nette, weltoffene Menschen.« Herr Burghardt, wie viele Caipirinha hatten sie da schon intus? Normal ist so ein Text ja nicht. »Jetzt sieht es so aus, als seien viele Latinos gerne ein bisschen deutsch.« Hören Sie mal, ist das noch Suff oder einfach nur dieser typische Alemanismo, den vielleicht die Spieler nicht an den Tag legten, dafür aber Leute wie Sie? Und dann diese Verbrämung: Schweinsteiger tanzte mit den Indianern. Ja, vielleicht hat er das. Keine Ahnung. Und daraus dann eine Mär von den »weltoffenen Konquistadoren« basteln, das ist schon dreist. Ich habe ein Foto gesehen, auf dem Spieler des DFB mit Soldaten zu sehen waren, die Maschinengewehr trugen und darunter twitterte einer dieser Geistesgrößen dann, dass sie zumindest sicher seien in Brasilien. Gemeint war damit wohl: Der Mob, der mehr Partizipation forderte, blieb draußen und notfalls würden die netten Soldaten wohl auch schießen. Diese Naivität kann man den Kerlen nicht zum Vorwurf machen. Es sind halt nur Sportler. Keine Philosophen. Also mache man bitte aus ihnen auch nichts anderes als das, was sie sind.

Dieses Thema von den Protesten haben all diese schwülstigen, pathetischen und theatralischen Berichte verbreitenden Gazetten nach dem Turnier auch wieder aufgegriffen. Nicht aggressiv, sondern so zögerlich wie vorher auch. Jetzt fragen sie allesamt, wer jetzt die Rechnung für die Weltmeisterschaft trage. Und dann zeigen sie Bilder aus den Favelas. Während des Turniers schwieg man sich aus. Es lief ja die »Mission: Titelgewinn«, da brauchte man keine Störung. Und nun sind die Leute zu besoffen, um auch nur ein Fünkchen Interesse an solchen negativen Themen zu haben. Und nach dem Rausch flüchten sie dann wieder in ihr offenbar so tristes Leben zurück, sodass sie diese kritischen Meldungen gar nicht mehr mitnehmen. Irgendwann muss ja dann auch mal ein Ende sein mit Fußball, nicht wahr? Dann geht der Ernst des Lebens wieder los und die Favelas sind doch irgendwas mit der FIFA, oder so.

Oh ja, ihr seid wirklich Weltmeister. Allesamt. Fast ausnahmslos. Weltmeister im Scheißelabern. Weltmeisterliche Schwätzer. Titelreif in Schwulst und Bombast. Für diese Weltklasseleistung gibt es keine metallene Trophäe. Eure Trophäe ist der Abstand zum Zeitgeschehen, den ihr euch von Berufsethos her hättet bewahren müssen und der nun wie ein ausgestopfter Tigerkopf an eurer Wand hängt.

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TTIP wird nicht annehmbarer, nur weil es keine Spionage mehr gibt

Donnerstag, 17. Juli 2014

Jetzt hat sie die Wut doch noch gepackt. Die Spionage herunterspielen ist nicht mehr. Nun soll gehandelt werden. Und weil die deutsche Außenpolitik nicht besonders viele Mittel hat, sich gegen die Praxis der US-amerikanischen Geheimdienste zur Wehr zu setzen, mahnt man jetzt zögerlich an, dass das beabsichtige Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten platzen könnte. Wolfgang Bosbach (CDU) rät zum Beispiel zu einer »Zäsur bei den Verhandlungen, um mal über Datenschutz und Datensicherheit mit den Amerikanern zu sprechen« und will so warnen, dass dieses Abkommen kein Selbstläufer ist.

Ich höre sie nun schon jubeln, die vielen Kritiker von TTIP, die seit Monaten völlig zurecht vor den Inhalten der Verhandlungsgespräche und Vertragsentwürfe warnen. Höre sie loben, dass endlich Bewegung – oder besser gesagt: Bewegungslosigkeit - in die Sache komme. Höre, wie sie sich freuen, weil das Moratorium greifbar sei, wenn nur noch mehrere Koalitionspolitiker ihre Empörung in TTIP-Verdrossenheit verwandeln würden.

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#Aufschrei der Dummheit

Mittwoch, 16. Juli 2014

Ungezählte Regionalzeitungen sind mit ihren Onlineausgaben natürlich auch an Facebook angebunden. So landen dann deren Berichte als »Mit-Teilenswertes« im Sozialen Netzwerk. Lokales zum Beispiel. Oder aber Veranstaltungshinweise. Neuerdings begegnen mir via Facebook aber gehäuft Suchfahndungen, die aus den Polizeimeldungen in die Irrealität hinausgeteilt werden. Plötzlich begegnen einem dann Phantombilder oder Fahndungsfotos, bekommt man Informationen über die Statur und ein etwaiges Verbrechen präsentiert, das sich die jeweilige Person zuschulden hat kommen lassen. Es ist schon bizarr, dass sich Nutzer von Sozialen Netzwerken jählings zu Mitfahndern auf Laienbasis machen lassen.

Diese Trivialisierung von Fahndungsarbeit erntet natürlich mit Ansage die passenden Kommentare und Statements. Kaum postet jemand ein Phantombild, kotzen sich Leute über Muslime (Generalverdacht) aus, die man »in ihr Heimatland überführen« sollte. Andere plädieren wie auf Befehl für die Todesstrafe oder wenigstens für eine lebenslange Haft, die wirklich lebenslang stattfindet. Wahlweise gibt es den Kerker als Option. Und natürlich hätte mancher »dem miesen Schwein schon längst die Eier abgeschnitten«. Jeder kann jetzt auf Klick ein Eduard Zimmermann sein, ein Fahnder in seiner eigenen kleinen Chronik. Die Frage ist, ob man damit Straftäter fasst oder nicht einfach nur den geistigen Pogrom gegen solche verbreitet, die unter Umständen als Tatverdächtige in Betracht kommen.

Die Niedertracht und das Potenzial zur Aufhetzung via Facebook und Konsorten ist mannigfaltig. An dieser Stelle wurde mehrfach darüber berichtet. Besonders beliebt sind Dummheiten, die im Deckmantel des kleinbürgerlichen Anstandes daherkommen. Also die Jagd auf »Kinderschänder« oder andere Straftäter. Die haben keinen Anspruch darauf, öffentlich so behandelt zu werden, dass man von einer unantastbaren Würde sprechen könnte. Sie sind Freiwild für die Massen von Dummbeuteln, die meinen, sie würden die Welt zu einem besseren Ort machen, weil sie ihrem Hass gegen Kriminelle freien Lauf lassen. Die popularisierte Fahndung nach Art der sozialen Netzwerke ist ein neues Level der »Öffentlichkeitsfahndung«. Der warf man zuzeiten (z.B. im Falle von »Aktenzeichen XY«) vor, dass sie das Denunziantentum fördere, Minderheiten diskriminiere, Ängste schüre und Verbrechen zur Unterhaltung instrumentalisiere. Die Fahndung per Like-Button radikalisiert diese Dynamiken nochmals gesondert.

Wahrscheinlich wird der unbedarfteste Charakter, der solche Fahndungsmeldungen teilt, die Gesellschaft nicht zu einem besseren Ort machen, sondern das Klima nur weiter vergiften. Der Pranger, der mit einem Klick auf dem Bildschirm zu sehen ist, erreicht ja nicht nur kühle Gemüter und abgeklärte Kriminalisten, sondern eben auch den anonymen oder fast-anonymen Lynchmob. Deren #Aufschrei kommt direkt aus dem Schoss, der noch immer fruchtbar ist.

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Es waren zwei Türkenkinder

Dienstag, 15. Juli 2014

Natürlich empörte das Urteil des EuGH bestimmte Kreise in Deutschland. Sie griffen sich an den Kopf und fühlten sich mal wieder von Europa bevormundet. Alt-»Bild«-Stellvertreter Tiedje bringt es sogar hin, seine Empörung zu Papier zu bringen, ohne auch nur ein einziges Mal das Assozierungsabkommen zwischen Deutschland und der Türkei zu nennen, auf dem die Entscheidung des EuGH beruht.

Dass man Ehegatten nicht ohne die Barriere namens »Sprachtest« nachführen konnte, obwohl der Partner schon in Deutschland lebte und arbeitete, war ein Skandal. Und bleibt einer. Denn die Ablösung dieser Praxis gilt ja nur für türkische Staatsbürger. Alle anderen müssen weiterhin zunächst den Beweis erbringen, ob sie würdig sind für ein Leben in Deutschland. Eheleute, die aus ökonomischen Gründen getrennt sind, haben also auch künftig nicht das Recht, barrierefrei zusammenzukommen. »Es waren zwei Türkenkinder / Die hatten einander so lieb / Sie konnten zusammen nicht kommen / Das Wasser war viel zu tief.« Dabei ist doch primär eigentlich weniger wichtig, ob die Gesellschaft den zuziehenden Gatten versteht. Grundlage der Zusammenführung hat doch zu sein, dass sich die beiden Eheleute verstehen. Eheliches Verständnis geht doch wohl vor Verständigung.

Und steht nicht die Ehe auch unter einem »besonderen Schutz«? Mir war so, als hätte ich da irgendwo mal was davon gelesen oder gehört. Und wäre sie damit nicht ebenfalls wichtiger als die Sprache, wegen der man nicht benachteiligt werden darf? Kommt mir auch bekannt vor! Ach ja, genau: Beides findet sich so im Grundgesetz. Und wie wenig das an manchen Stellen der Gesellschaft berücksichtigt wird, sieht man genau dort, wo der Staat ausländische Eheleute durch repressive Maßnahmen trennt. Die Ausländerpolitik ist jedenfalls von den Idealen des Grundgesetzes schon lange befreit. Sie umschifft dort all das, was dem Menschen und seinen Lebensumständen Würde verleiht.

Doch leider hat der EuGH sein Urteil nicht tiefer begründet. Hat sich nur auf das Abkommen zwischen den beiden Ländern gestützt. Vielleicht folgt da ja doch noch mehr. Und vielleicht könnte Karlsruhe in einem lichten Moment mal sagen: Wer einen hier lebenden Ehepartner von seinem Gatten getrennt hält, der handelt verfassungswidrig in mehreren Punkten. Inklusive dem Grundrecht von der Gleichheit aller Menschen.

Wer jetzt so tut, als sei diese Lockerung der Sprachtest-Praxis der Untergang des Abendlandes, dem sei gesagt, dass diese Verfassungsignoranz viel mehr Untergang beinhaltet, als es einige türkische Ehefrauen mit schlechten oder gar keinen Deutschkenntnissen je bewirken könnten. Die werden sich nämlich Deutschkenntnisse aneignen. Der Alltag wird das erzwingen. Ob die Tiedjes und Konsorten aber je Verfassungskenntnisse erhalten werden, bleibt eher fraglich. Denn in ihrem Alltag ist das nicht notwendig.

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Maut auch auf solchen Einbahnstraßen, wie das christsoziale Europabild eine ist

Montag, 14. Juli 2014

Über eine Maut auf Deutschlands Autobahnen für alle hätte man ja sprechen können. Aber dieses Konzept, wonach Deutschland an jeder seiner unzähligen Öffnungen Eintrittsgeld verlangen sollte, ist nicht nur albern - es macht kenntlich, welches Europabild die Christsozialen pflegen.

Noch vor einigen Wochen erklärte Dobrindt in einem Interview, dass seine Partei die Freizügigkeit von Arbeitnehmern in Europa wolle. Wie sollen sie aber einreisen, wenn sie zuerst mal Eintritt bezahlen sollen? Sollen sie etwa einwandern im wahrsten Sinne des Wortes? Das Auto an der Grenze abstellen und zu Fuß rüberkommen? Alleine das belegt schon, wie sich die Christsozialen Europa denken. Liberalisierte Vorteile sichern, aber ansonsten gerne ein exklusives Land werden. Selbst die Nutzung von Einbahnstraßen soll nach diesen Plänen kosten. Und dieses Europabild von Dobrindt und Co. ist auch so eine Einbahnstraße. Nur bekommen wir es für lau. Dass Europa ein Geben und Nehmen ist, fällt diesen Leuten gar nicht erst ein.

Europa wird ja gerne als eine Win-Win-Situation dargestellt. Die CSU arbeitet rührig daran, Europa immer stärker und noch stärker zum alleinigen Gewinn für Deutschland und speziell für Bayern machen zu wollen. Dabei hat besonders Bayern profitiert. Die »Vereinigung der bayerischen Wirtschaft« (vbw) meldete vor Monaten, dass vor allem Bayern großes Kapital aus der EU-Osterweiterung geschlagen habe. Man habe neue Märkte für die Unternehmen geöffnet. Der freie Zugang, die Freizügigkeit von deutschen Unternehmen im gesamten Europa, die Möglichkeit, günstige Arbeitskraft ins Land zu holen, keinen Zollbeschränkungen mehr zu unterliegen - all das hat Bayern zum Gewinner werden lassen. Und dieses Bayern geht in Deutschland auf, denn die deutsche Exportwirtschaft hat vom Euro profitiert.

So sieht man in Bayern Europa gerne. Freie Fahrt für freie Unternehmen. Aber alle, die nach Deutschland einreisen, sollen gleich mal Eintritt abdrücken. Von »Wer betrügt, der fliegt« ist es ideologisch gesehen nicht weit zu dieser Maut auf allen geteerten Wegen. Beides sind Ausdrücke von Selbstgefälligkeit und einem gutem Schuss Größenwahn. Man profitiert gerne von einem Europa ohne Schranken, hievt aber den Schlagbaum in die Horizontale, wenn diese Schrankenlosigkeit auch andere profitieren lassen könnte. Das ist eine Haltung vieler Konservativer in allen Teilen des Landes, aber im christsozialen Bayern scheint sie besonders ausgeprägt zu sein.

Dass man sich die Rosinen rauspickt, sich unternehmerisch frei in Europa bewegt und kassiert, während man das eigene Land zu einer kostenpflichtigen Veranstaltungen ohne Lücken für kostenfreie Einreise macht, zeigt nur, dass man eine sehr sonderbare Idee von Europa entwickelt hat. Freizügigkeit ist für die Leute von der CSU etwas, was man sich selbst gestattet, den anderen aber austreibt. Das hat schon ein bisschen was von Schmarotzerei auf Kosten der europäischen Integration. Aber es sind ja bekanntlich alle anderen, die zu »uns« kommen, um zu schmarotzen.

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Hoffentlich ziehen die Gauchos den Kürzeren

Samstag, 12. Juli 2014

oder Brasilien hatte sagenhaftes Glück.

Bei hr1 brachten sie am Dienstag gegen die Mittagszeit ein kurzes Feature über ein brasilianisches Paar, dass beim Spiel zwischen der Seleção und der DFB-Elf nicht für die »eigenen Jungs« sein würde. Gibts das auch?, fragte sich der Hörer da. Erklärung folgte natürlich. Die beiden argumentierten, dass ein Erfolg der brasilianischen Kicker die sozialen Ungerechtigkeiten noch stärker verdecken würde. Tja, der Abend war dann ein voller Erfolg. Nach dem Auftritt der Spieler hat wohl keiner mehr Lust auf einen Kick. Endlich wieder mehr Aufmerksamkeit für Wichtiges.

Caros amigos, euer Motiv ist exakt der Grund, warum ich will, dass das Team aus dem Land, in dem ich lebe, sportlich auch das Zeitliche segnet. So wie jeder anständige Mensch heute wollen muss, dass die Auswahl »seines« Landes scheitert.

Denn jedes Land leidet auf seine Weise unter der herrschenden Ökonomie. Alle bluten sie aus. Die einen mehr, die anderen weniger. An die Ressourcen geht es allen. Jeder Sieg der deutschen Nationalmannschaft verkappt den Niedriglohnsektor und kommunale Haushalte, die so verstümmelt sind, dass Freibäder und Büchereien nicht mehr finanzierbar bleiben. Jeder Titel macht die Menschen blind für ein System, dass unser komplettes Zusammenleben zu einem Geschäft macht, von dem nur wenige profitieren. Der WM-Titel ist ein Vollstreckungstitel. Überall. Wo man diese Nebensache zur Hauptsache emporjubelt, da wird die Hauptsache zur Nebensache.

Brasilien, Deutschland, Argentinien oder Niederlande: In den Ländern aller Halbfinalisten gibt es wohl personifizierte »Kuriositäten« wie dieses Paar oder mich. Leute, von denen Grönemeyer vor acht Jahren nuschelte: »Bei wem jetzt nichts geht / bei dem geht was verkehrt.« Das sind dichterische Worte, die »Nestbeschmutzer« oder »Spielverderber« ausdrücken wollen. »Spielverderber« hat man womöglich schon jene kritischen Römer genannt, die panem et circenses für etwas hielten, was die Wirklichkeit vernebelt. Heute werden diese mahnenden Figuren der Geschichte als Hoffnungsträger in einer ansonsten blutgetränkten Zeit angesehen.

Die kritischen Geister aller Länder sind jedoch auch Egoisten. Das brasilianische Paar, weil es Deutschland weiter im Wettbewerb sehen wollte, um Brasilien vom Taumel zu erlösen. Ich, weil ich es gerne andersrum gesehen hätte. Gewisse Niederländer, weil sie für Argentinien sind und Argentinier, weil sie Oranje tragen. Sollen doch die anderen in Blindheit verweilen, sagen wir uns. Das ist die Ellenbogenweltgesellschaft derer, die den neoliberalen Zeitgeist verabscheuen. Sollen doch die anderen den bitteren Preis nationaler Schönfärberei bezahlen und die Verdeckung sozialer Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten ausbaden. Einer muss ja den Kürzeren ziehen. Brasilien hatte da sagenhaftes Dusel. Eine solche Niederlage kuriert.

Und nun? Deutschland oder Argentien? Einer muss in die Scheiße greifen. Hoffentlich die Gauchos. Sollen sie doch gewinnen und unter dem Titel leiden. Besser die als »wir«.

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Eure Heimat, die mir nur Verwaltungseinheit ist

Freitag, 11. Juli 2014

In diesem Deutschland fällt es mir schwer eine Heimat zu finden. Heimat ist für mich bestenfalls der Ort, der eine Haustüre hat, die ich zuschlagen kann, um all die Idioten von meiner unmittelbaren Nähe auszusperren.

Deutschland, wie ich es kenne, ist: Stress, Humorlosigkeit, dummes Radiogeschwätz, dummes Fernsehgeschwätz, dummes Nachgeschwätz der Leute. Boulevard als Lebensgefühl. Untertanengeist, fehlender kritischer Geist, verstopfte Straßen, Aggressionen im Alltag. Meinung haben ohne Ahnung. Ahnung haben ohne Meinung. Große Klappen, kompensierendes Überselbstbewusstsein, Schicksalsvergemeinschaftung, Renationalisierung. Ausländerhass, Linkenhass, Islamhass. Schnäppchengeist, Preisvergleich, Vermarktung aller Lebensituationen. Ein Leben als Verbraucher. Ein Verbrauch an Leben. Angestrebte Hegemonie in Europa, Marktradikalität, jeder ist sich selbst der Nächste. Polizeigewalt und Rechtfertigung der Polizeigewalt von Politikern und Bürgern. Lobbyisten als Experten, Konzerne als Judikative, Versicherungsvertreter als Ministerialbeamte. Zu viel Dummheit. Zu viel Boshaftigkeit. Zu viel Dreistigkeit.

Vor längerer Zeit schrieb ich, dass ich mir eine Heimat nie geleistet habe. »Lokalpatriotismus bedeutet für mich nur, die Unerträglichkeiten, die sich offenen Auges aufdrängen, mit heimatörtlichen Romantizismen auszugestalten«, schrieb ich damals. Mit diesem Satz beschreibe ich mich immer noch beim »Neuen Deutschland«. Heute weiß ich besser denn je: Heimat ist für mich in dem Sinne, wie man Heimat versteht, nicht drin. Sie ist ein Ort, den ein kritischer Mensch nicht finden kann. In Zeiten dauerberieselnder Massenmedien noch weniger als in den Epochen davor.

»Du musst doch irgendwie was spüren«, hat mich neulich im Zuge deutschen WM-Patriotismus' einer gefragt, »irgendwas verbindet einen doch mit einer Nation oder mit dem Land, in dem man lebt.«
   »Ich spüre Ekel«, habe ich geantwortet.
   »Aber wenn man doch in einem Land wohnt, muss man doch so ein Gefühl haben, das sagt, dass wir alle dazugehören.«
   »Wir sterben alle alleine.« Ich zog an meiner Zigarette. »Nur das weiß ich sicher.«
   »Ich will ja nicht von Stolz sprechen, aber so ein bisschen patriotischer Geist, den muss es doch geben«, bohrte er nach.
   »Weißt du, ich sehe Staaten nicht so romantisch. Das tun die meisten Leute, ich weiß. Sie konstruieren sich einen Bezug zu ihrem Staat. Für mich sind die lediglich Verwaltungseinheiten, in denen Menschen leben. Ich habe da eine eher technokratische Einstellung.«
   »Das habe ich ja noch nie gehört.«
   »Macht ja nichts.« Ich grinste ihn an. »Selbst in deinem Alter kann man noch was hören, was man vorher noch nie gehört hat.«
   Er lächelte und fragte nach der Kostenstelle der Verwaltungseinheit.
   »Ich bin ja auch nicht auf das Arbeitsamt stolz. Nicht mal die Typen, die es leiten, sonst würden sie nicht so viele Idioten einstellen und in die Büros pflanzen.«
   Er lachte herzlich, zündete sich noch eine Kippe an und wechselte das Thema.

Der patriotische Klimbim ist ja immer auch Ersatzreligion. Die Ancien Régimes basierten ja auf einer ererbten und von Gott vorgegebenen Hierarchie. Die republikanische Idee wollte gerade dieses Konzept nicht mehr. Aber wie das Gemüt der Masse ansprechen? Wie sie ködern für die Idee der Nation? Also inszenierte man den Patriotismus, etwas also, was es vorher nicht in dieser Form gegeben haben mag. Hätte es zu Zeiten Ludwigs XIV. schon Weltmeisterschaften gegeben, die Franzosen hätten vermutlich viel weniger patriotisch reagiert als heute. Der vaterländische Eifer, das nationalistische Zelotentum ist dann erst zu Zeiten der Revolution entstanden. Die Kunst gab diesem neuen Geist eine Seele. Davids Gemälde »Der Schwur der Horatier« stellt drei römische Helden dar, die vor einer Schlacht ihrem Vater schwören, für das Vaterland zu sterben, wenn es nötig würde. Unzählige Theaterstücke machten seinerzeit die Vaterlandsliebe bis zum Tode zu ihrem Gegenstand.

Es war gewissermaßen notwendig, die Leute für das neue Konzept zu fangen. Sie sollten nicht nur mit der Vernunft am neuen Staatswesen kleben, sondern auch mit dem Herzen. National zu denken brauchte jetzt etwas Transzendenz und Monumentalismus. Der Staat war nicht einfach nur eine Verwaltungsmaschine, sondern etwas Erhabenes. Nicht aber durch Gott. Später erfand sich Robespierre dann den »Kult des höchsten Wesens«, weil er merkte, dass Erhabenheit immer noch am besten mit der Vorstellung eines überirdischen Absolutums umsetzbar ist. So entstand nach und nach eine Art zivilreligiöser Firlefanz, der die Idee des Staates sublimierte, in eine Form weihevoller Göttlichkeit führte. Den Staat als profanes Menschenwerk zu feiern, wäre damals ja auch ein gefährliches Understatement gewesen. Denn Menschenwerk ist vergänglich. Staaten und Nationen wollen jedoch ewig existieren.

Diese ganze erlauchte Rituslastigkeit, majestätische Orden, Zeremonielle und sakrale Protokolle, die sich heute noch jeder Staat gönnt und selbst erteilt, stammen noch aus der Zeit der Patriotisierung jener Jahre. Sie sind natürlich Wiederaufnahmen monarchistischer Herrlichkeit. Die Republikaner wussten plötzlich, warum sich Könige solchen Mummenschanz gönnten: Auf diese Weise verbrämt man seine eigene Profanität. Selbst später Kommunisten, die zuerst den Staat auch nur als technokratische Verwaltungseinheit betrachteten, haben in verschiedenen Teilen der Welt auf nationale Idealisierungen zurückgreifen müssen, um die Menschen für ihr System zu gewinnen.

Wer das durchschaut, dem fällt Patriotismus schwer. Der kann nicht mehr als eine Einheit der Organisation des Zusammenlebens in Ländern erkennen. Wie soll man da in patriotische Reflexe verfallen können? Wer nicht mehr ans Christkind glaubt, der stellt sich doch auch nicht vor, dass das Geschenk unterm Baum von einem blonden Engelsgesicht dort abgelegt wurde. So eine Imagination kommt einem nicht mal in den Sinn. Vor seinem geistigen Auge sieht man die Oma, wie sie es platziert hat.

Vom Umstand, dass Deutschland nicht gleich Deutschland ist, werde ich an dieser Stelle erst gar nicht anfangen. Das habe ich in Stichpunkten ja schon oben irgendwie getan. Özils Millionenvertrag ist jedenfalls ein ganz anderes Land, um nicht zu sagen: eine mir völlig fremde Welt. Was habe ich mit denen zu schaffen, die sich ihre »patriotische Pflicht« vergolden lassen, während es meine »vaterländische Pflicht« ist, nicht zu hohe Personal- oder medizinische Kosten zu verursachen?

»Traurige Vorstellung von Heimat hast du«, sagte er einige Stunden später. »Ich habe darüber nachgedacht, echt traurig.«
   »Ja, du hast recht. Das sagen ja auch die Großeltern immer den Eltern, wenn die ihre Kinder nicht zu lange im Glauben an den Nikolaus oder den Osterhasen belassen.«
   Er überlegte einen Moment. »Das gibt keinen Sinn«, sagte er endlich.
   »Doch, aber dazu müsste ich dich jetzt mit Ausführungen zu Robespierre langweilen.«
   »Kickt der bei den Franzosen?«
   »Früher ja, als Ludwig XVI. als Trainer der französischen Auswahl entlassen wurde.«
   Wir standen noch eine Weile rum, dann sagte er: »Findest du das nicht kalt, wenn man Heimat nur als Verwaltung wahrnimmt?«
   »Schrecklich kalt sogar. Die Welt ist auch im Sommer ein kalter Ort.«
   Er verdrehte die Augen. »Du immer mit deinen philosophischen Scheiß. Sag mir doch mal, was Positives zum Begriff der Heimat.«
   »Weißt du, man hat den Linken im Zuge der Eurorettung immer vorgeworfen, das sie ihren Internationalismus aufgeben, weil sie die nationalen Souveränitäten in Gefahr sahen und noch sehen. ›Seid ihr jetzt Nationalisten?‹ hat man uns gefragt. Ich bin für nationale Souveränitäten, weil das eine Frage der Erhaltung von Verwaltbarkeit ist.«
   »Du weichst aus. Sag doch mal was Positives, Mensch.« Er schüttelte den Kopf.
   Ich dachte kurz nach. »Also gut, weil du es bist: Heimat ist für mich der Ort, an dem ich meine Haustüre zuwerfen kann, um die ganzen Idioten da draußen nicht mehr ertragen zu müssen.«
   »Du verwechselst Heimat mit deiner Wohnung, oder?«
   Ich wollte ihm nicht sagen, dass ich nicht mehr Heimat habe als diese wenigen Quadratmeter. Wenn man mal von geistiger Heimat absieht. Da habe ich mehrere. Also sagte ich nur: »Ich gehe jetzt heimat. Bis morgen.«

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Die Frau, die gleich nach Putin kam

Donnerstag, 10. Juli 2014

Die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach hört auf. Freiwillig. Aus ihrem Amt vertrieben wurde sie nicht. Und genau dieser Umstand, nie vertrieben worden zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr politisches Leben. Hoffentlich tritt mir ihr der BdV-Revanchismus ab.

Die Präsidentin des »Bund der Vertriebenen« ist ein Kriegskind. Mit allem was dazu gehört. Also auch einem Lebenslauf, der die Wirren des Krieges nachzeichnet. Geboren wurde sie im kurzlebigen Reichsgau Danzig-Westpreußen als Tochter eines Hessen, der erst nach der Eroberung Polens als Feldwebel der Luftwaffe dorthin kam. Wo einige Jahre zuvor noch Polen heimatliche Gefühle hatten, lag nun die Heimat jener Deutschen, die im Tross der Wehrmacht ins Land strömten. Sie blieben nur kurz, das Kriegsglück wendete sich. Alteingesessene und »neu Hinzugezogene« mussten das Land verlassen.

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Als der Pyromane das Geschenk öffnete und ein Feuerzeug erblickte

Mittwoch, 9. Juli 2014

Die Befürworter »der Drohne« reden sich jetzt damit heraus, dass sie nur als Schutz für die eigenen Soldaten gebraucht wird. Kampfeinsätze oder gezielte Attentate würden mit ihr nicht geschehen. Sie wollen so einen vernünftigen Einsatz dieser Technologie versprechen. Tun sie aber nicht. Denn wie beschützt man bitte Soldaten mit unbemannten Flugobjekten?

Eine »zivile Nutzung« von Drohnen, die im Besitz einer Armee sind, gibt es nicht. Es gibt die zivile Nutzung von Zivilisten bei kleinen Drohnenmodellen. Nicht aber eine, die in Uniform steckt. Das Muster »Wir schicken mal eine Drohne los und gucken, ob die Luft rein ist« ist blanke Augenwischerei. Was hätte man davon, aus Gründen des Schutzes »nur mal zu schauen«? Sagt dann der Oberbefehlshaber Dinge wie: »Wir haben auf Fotos gesehen, dass da hinten Dschihadisten verschanzt sind. Also Leute, dorthin gehen wir nicht zum Brunnen ausheben. Verstanden?« Ist das der besondere Schutz, den die Drohne verspricht? Oder sagt er seinen Leuten: »Das Böse lauert dort drüben. Das hat uns die Drohne gezeigt. Jetzt haben wir sie. Auf jetzt ins Gefecht!« Dann müsste man sich als logisch denkender Mensch mal so ganz nebenbei fragen: Warum schickt man dann nicht gleich die Drohne zum Töten hin?

Nein, ausgeschlossen, Drohnentechnologie in Händen einer Armee, kann niemals im ethisch unantastbaren Raum benutzt werden. Sie ist irgendwie immer ein Utensil des militärischen Dienstes. Ein Feuerzeug ist eine nützliche Erfindung, wenn man sich damit zum Beispiel eine Zigarette anzündet. Schenkt man einem Pyromanen eines zum Geburtstag, dann ist es hingegen immer ein Gegenstand potenzieller Gefahr. Nachdem die Kerzen der Torten erst mal bis zum bitteren Ende hinab- und in die Sahnehaube hineingebrannt sind, brennt früher oder später gelegentlich ein Häuschen. Happy Birthday! Es hilft dann ja auch nichts mehr, ihm nächstes Jahr einen Feuerlöscher zu schenken. Der geht ihm ja schließlich ganz gegen das Naturell.

Ganz so, wie dem militäristischen Apparat der zivile Gebrauch von solchen Geschenken. Denn noch was gilt es zu bedenken: Auch wenn der Bundestag sein Einverständnis nicht gibt, Drohnen mit Waffen zu bestücken, dann kann dieses Flugobjekt trotzdem potenzielle Ziele für Bomber erkennen und beleuchten; kann also der verlängerte Radarmonitor eines Kampfflugzeuges werden. Der, der den Drohneneinsatz leitet, gibt sozusagen indirekt auch den Feuerbefehl. Und das obwohl das Ding völlig unbewaffnet ist.

Die Freunde der Rüstungsindustrie, die jetzt die Notwendigkeit zur Anschaffung von Drohnen für die Bundeswehr attestieren, wissen wie unpopulär diese Gerätschaften sind. Also erzählen sie etwas davon, dass sie zum Schutz für die Soldaten gedacht sind, die in einem fernen Land ihr Vaterland verteidigen. Dieses Argument kommt wesentlich besser an. Und wenn man es nicht hinterfragt, dann könnte man sogar meinen, dass das sehr vernünftig ist. Aber so etwas wie Schutzdrohneneinsätze gibt es nicht.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 8. Juli 2014

»Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden – auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein.«
- Friedrich Nietzsche, »Also sprach Zarathustra« -

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Wir beraten Sie unverbindlich

Montag, 7. Juli 2014

Seit einiger Zeit wird viel über den Dispo-Wucher gesprochen und vor allem auch darüber, dass man gegen ihn etwas unternehmen müsse. Die Große Koalition hat dann auch ganz zu Anfang ihrer Existenz durchschimmern lassen, dass sie sich dieses Themas annehmen möchte. Man sollte Menschen, die im Minus leben, nett beraten und gegebenenfalls Alternativen anbieten. Mehr traute man sich nicht zu.

Vor gut zwei Monaten schrieb ich an dieser Stelle: »Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik unter neoliberaler Kuratel kennt das Verbot fadenscheiniger Praxen nicht. Was Geld abwirft, kann nicht einfach unterbunden werden. Dann gibt man biedere Empfehlungen oder liberalisiert das, was eigentlich einen Ordnungsrahmen benötigte, einfach nochmal nach.« So ist es auch mit dem Dispositionskredit. Dass man den Wucher zuallererst verbietet, bevor man die Banken zum Beraten verpflichtet, um aus der täglichen Schuldenspirale herauszukommen, ist in der »marktkonformen Demokratie« offensichtlich gar nicht mehr denkbar. Denn das wäre ja dann ein Eingriff in den Markt. Und wenn es so hohe Zinsen gibt, dann hat sich der Markt doch was dabei gedacht, dann haben sich der Kredithai und der Kreditempfänger auf dieses Zinsniveau »geeinigt« und da kann man nicht grundsätzlich hineinpfuschen. So würde man ja den freien Willen der Marktteilnehmer unterwandern, nicht wahr?

Neulich las man, dass besonders Hartz-IV-Empfänger verschuldet sind. Vermutlich auch über den Dispo. Wenn es vorne und hinten nicht mehr reicht, reitet man sich ganz leicht in diesen Kredit, der kaum einer Bonitätsprüfung bedarf. Ist man dann mal tief im Minus, gibt es kein Entkommen mehr. Wie kann eine Beratungspflicht bei solchen Kunden aussehen? Jemanden der am Existenzminimum krebst, dem kann man ja kaum Optionen anbieten. Gelänge es einem solchen Kunden dann doch plötzlich, Ausgaben und Einnahmen in Waage zu halten, bleibt immer noch der Zins, der im Regelfall vierteljährlich abgeht.

Ein Zinsmoratorium für solche Dispo-Gläubiger täte dringend Not. Beratung kann für sie erst der zweite Schritt sein, wenn nämlich die Rahmenbedingungen, die in diese Schuldenfalle hineinreiten, abgestellt sind. Wem die Bude abbrennt, der löscht sie doch auch erst, bevor er sich von einem Architekten über einen Wiederaufbau beraten lässt.

Als es mich noch betraf, fragte ich mal bei der Sparkasse nach, ob ich nicht eine Umschuldung machen könne. Ich wollte einen günstigeren Kredit aufnehmen und damit meinen Kontostand ausgleichen. Das Ansinnen war natürlich naiv. Denn vom Regelsatz kann man solche Abschlagszahlungen kaum leisten. Die Antwort der Bank fiel ziemlich knapp aus, sie lautete, dass ein Hauskredit, der für mich in Frage käme, in etwa dieselben Zinsen hätte wie der Dispo. Das läge daran, dass jemand ohne festes Einkommen keinen günstigeren Kredit von den so genannten »Kreditpartnern« bekäme. Die Schufa würde da nicht mitspielen. Ein Hauskredit sei leichter realisierbar, aber halt nicht günstiger. Und so wäre die Umschuldung nur ein reines Verlagern des Problems, keine langfristige Lösung. Also ließ ich den Plan fallen und ergab mich in mein Schicksal.

Die öffentliche Scheindebatte zur »Dispoproblematik« ist ein Paradebeispiel für einen neoliberalen Aktionismus, der vorgibt viel zu sein, der aber eigentlich so überhaupt nichts ist. Außer vielleicht heiße Luft. Man will das Problem zwar angehen, aber ja nicht irgendwelche Rahmenbedingungen antasten. Nur nicht anecken. Bloß nicht substanziell werden. Niemanden auf die Füße treten. Beraten statt Taten. Auch wenn es keinen Beratungsspielraum gibt. Aber er sieht ja trotzdem gut aus. Wirkt so entschlossen. So anpackend. Wer jetzt noch immer nicht seine Überziehungsmöglichkeiten im Griff hat, der ist selbst schuld. Die Regierung steht mit Rat und Rat zur Seite.

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Herr Erdmann und die Revolution, die er nicht will, aber kriegt

Freitag, 4. Juli 2014

Also hat er mir ein Grundmissverständnis angedichtet und gleich selbst eines erfunden. Ja, ich weiß. Das ist jetzt schon wieder zwei volle Wochen her. Der Erdmann antwortet auch immer viel zu schnell und ich lasse mich da bestimmt nicht hetzen. Aber eine Frage eilt dann doch: Wenn du nicht »die Revolution« willst, was willst du dann?

Mensch, es läuft doch immer auf Revolution hinaus, wenn man den vollen Bruch mit dem Alten will. Man kann nicht das eine haben, ohne das andere. Die Linke ist seit mehr als anderthalb Jahrhunderten am »Bruch mit dem Herrschenden« dran. Das ist ihr Metier. Zwei Vorstellungen setzten sich bei ihnen historisch durch, wie man das bewerkstelligen könne: Entweder durch Reformismus oder durch Revolution. Ein dritter Weg hat sich bis heute nicht eröffnet und ich muss zugeben, dass ich mir einen solchen dritten Weg auch gar nicht vorstellen kann. Zwischen diesen beiden Formen liegt die Demarkationslinie zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten oder Sozialisten. Wenn du mir also vorwirfst, ich sei »Soze«, dann sagst du damit auch: »Du bist Reformist und unbelehrbar.« Für einen Kommunisten halte ich dich jetzt ja nicht. Aber sag mir doch mal genauer, wie du dir so einen Wechsel vorstellst, wenn du der Ansicht bist, dass das System nicht reformierbar ist.

Daher unterstelle ich dir, dass Du die Revolution »ungewollt willst«. Ich halte meine Unterstellung nicht für ein Grundmissverständnis, denn ich nehme an, dass auch du keinen dritten Weg finden wirst. Erdmann, du bist ein helles Köpfchen, aber hier stößt auch du an deine Grenzen. Nimms nicht so schwer, daran sind schon ganz andere gescheitert. Auch Leute, die nicht unbedingt dieses romantische Bild von Revolution mit Barrikaden, Kokarde an der Brust und ausgeteiltem Eintopf für alle hatten. So bist du auch nicht. Das merkt man ja auch. Romantizismen dieser Art sind dir fremd, auch wenn du natürlich, wie fast jeder Linker, der nicht aus dem technokratischen Milieu dieser Weltanschauung stammt, Romantiker bist. Ich ja auch. Gebe ich auch zu.

Es juckt dir schon in den Fingern, habe ich recht? Ruhig Blut. Lass dir diesmal mehr Zeit, zünd dir erst noch eine an und verdammt, setz mich nicht mit schneller Antwort unter Druck. Dem amtierenden System machen wir zum Vorwurf, dass es nicht entschleunigt und nur so rennt und dann bist du auch nicht besser.

Klar, du hangelst dich ein wenig an der Bewusstseinserweiterung ab. Das wäre der Weg, der dir vorschwebt. Die Leute sollten einsehen, dass sie einem moribunden System anhängen und sich dann Gedanken machen. Aber Erdmann, das haben auch schon Leute vor dir getan. Und dort, wo ihnen die Geschichte den Raum bot, die Gesellschaft tatsächlich neu zu strukturieren, ging man mit diesem idealistischen Eifer auch ans Werk. Meist erkannte man schnell, dass »die große Umdenke« nicht so reibungslos klappt. Dann mobilisierte man die Menschen und rief zur »Fortführung der Revolution« auf. »Viva la revolución!« und so. »Hasta la victoria siempre!« und immer so weiter mit solchen Losungen.

Das was ich demnach mit »die Revolution« meine, ist ja nicht unbedingt Straßenkampf und die Montur der Gewalt, sondern eben diese dauerhafte Mobilisierung zur Erlangung gleichgeschalteter Ideale. Mit dem Ideal ging es auch in der Sowjetunion an, aber bald merkte man, dass man die Revolution nicht verebben lassen darf, denn dann werden auch deren Ideale matt - vor allem dann, wenn nicht gleich alles so funktioniert, wie man es sich ausmalte. Kurzum, wenn du das Bewusstsein schärfen willst, dann brauchst du »die Revolution«. Auch deshalb gibt es aus meiner Sicht kein Grundmissverständnis zwischen uns.

So, und nun noch ein Wort zu Marx. Der Mann ist wie die Bibel. Du findest immer passende Stellen zu allem. Die Bibel gilt als eine Sammlung der Mildtätigkeit und rät an manchen Stellen trotzdem, man solle seine Frau - oder wahlweise sein Kind - züchtigen, wenn man sie liebe. Ganz so krass ist es mit Marx nicht, aber so eindeutig ist er eben auch nicht. Verklären wir den Mann nicht. Privat war er ohnehin charakterlich ausbaufähig. Aber das ist egal. Ich bin als Privatmann vielleicht auch ein blöder Arsch. Aber er sah über viele Jahrzehnte einen Zusammenbruch des Ancien Régime voraus, das dann, weil es eben schon kapitalistisch war, direkt in den Sozialismus münden müsse. Aus dem Kapitalismus würde demnach das Neue erblühen.

Fast sein Leben lang schrieb er, dass die Revolution jetzt schon spürbar sei. Jetzt ginge es los, schrieb er mehrmals Engels oder irgendeinem Sozialisten in der Welt per Brief. Als er starb war alles immer noch halbwegs beim Alten. Bis heute. Unfehlbar war er schon mal nicht. Zum Glück. Ist diese Masche, ich sollte Marx widerlegen, um meine Ansichten zu untermauern, irgendwie ein Überbleibsel aus einem jener Marx-Lesekreise? Der Mann war eine Person des 19. Jahrhunderts. Weite Teile seiner Analyse sind noch immer zutreffend. Viele eben nicht, waren spekulativer Natur. Nein, Erdmann, du musst schon konkreter werden, wenn du mir mitteilst, dass ich erst zum Widerlegen gehen soll.

Du glaubst ferner nicht an das Geldverdienen, schreibst du. Also nicht in dem Sinne, dass ein System, das darauf beruht, Rendite noch rentabler zu machen, nicht funktionieren kann. Und da bin ich doch bei dir, Mensch. Wenn du mir »die Welt als Wille und Vorstellung« unterstellst, dann ist das auch so ein Missverständnis. Ich stelle mir ja relativ wenig vor. Und ich behaupte auch nicht, dass Reformismus immer und überall funktionieren wird. Vielleicht bin ich zu sehr Kulturpessimist, um anzunehmen, dass irgendein (Wirtschafts-)System je reibungslos klappen könnte. Jetzt aber so zu tun, als könne die Maximierungsmasche nicht in Bahnen gelenkt werden, die halbwegs vernünftig sind, halte ich für ein anderes Extrem.

Versteh mich richtig: Wenn wir jetzt von einem Weg in eine neue Wirtschaftsordnung mit neuer Ethik und Ausrichtung quatschen, dann meine ich nicht, dass wir einen Ansatz finden können, der für alle Zeit hält. Dann geht es eben vielleicht und hoffentlich eine Weile besser. Bis es wieder kracht. Das kannst du jetzt einen »Willen, dem die Entwicklung folgt« nennen. Aber eine Gesetzmäßigkeit der Entwicklung ist für mich: Nichts ist für ewig. Auch dieser Text nicht. Und so harre ich deiner Antwort. Aber nochmal: Es gibt keinen Grund zur Eile, ich bin kein Mann für »auf die Schnelle«. Bis in zwei Wochen.


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Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift

Donnerstag, 3. Juli 2014

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche theoretisierte sich letzte Woche an die Seite des Bundespräsidenten. Beide bewegen sich jedoch in einem rhetorisch abstrakten Raum. Ihre zentrale »Botschaft« taugt für die moralische Praxis in dieser Welt nicht.

Nikolaus Schneider, oberster Repräsentant der Protestanten in Deutschland, eilte seinem theologischen Kollegen kürzlich zur Seite. »Militäreinsätze können Gewalt stoppen«, pflichtete er Gauck bei. Seine Ausführungen hierzu klangen recht biblisch. Denn er sprach bildhaft von »Löwen und Lämmern« und erkannte ein »Wüten des Bösen auf Erden«. Ein spiritueller Manichäismus zog sich durch seine Bewertung der weltpolitischen Lage. Gerade so, als wäre die Welt ein Widerstreit zwischen »Gut« und »Böse«.

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Ein Männlein steht im Walde

Mittwoch, 2. Juli 2014

Die letzten, die Gesellschaft nach »den Wald« organisieren wollten, das waren die Nazis. Neulich verwies mich jemand auf einen schon einige Wochen alten Mitschnitt von einer der langatmigen Reden Jebsens. Und siehe da, er will den Wald als Vorbild nehmen. Auch weil im Wald diese lästige Demokratie nicht so ausgeprägt ist.

Ein Ausschnitt aus dem nationalsozialistischen Propagandafilm »Das Erbe«: Eine junge Frau sagt, dass es eigentlich grausam sei, Tiere zu fangen um sie auf Leben und Tod kämpfen zu lassen. »Im Walde hätten beide so ruhig weiterleben können.« Ein »Gelehrter« tritt auf: »Aber liebes Fräulein Volkmann, ein ruhiges Leben ist da nirgends in der Natur zu finden.« Und dann erklärt er lang und breit, dass das auch gut so ist, denn so würde das Schwache ausgemerzt. Jetzt hört euch mal an, was dieser Jebsen so über den Wald und seine Organisation des Zusammenlebens sagt. Bei etwa einer Stunde zweiundzwanzig Minuten geht es los.

Ich gebe zu, von der Schwäche, die vergeht, sagt er wenig. Er nennt nur die Demokratie schwach. Aber er sieht den Menschen wie die Sozialdarwinisten von damals: Als entartetes Tier, das dringend wieder »natürlicher« leben müsste. Zurück in den Wald, dann klappt es auch wieder mit der Gesellschaft. In etwa so haben die Nationalsozialisten es auch betrachtet und stützten sich auf allerlei Romantizismen vom Wald, die der Mensch in seiner kulturellen Evolution konstruiert hat.

Spontan denke ich bei »Renaturisierung« an Thoreau, der auch so ein naturergriffener Charakter war. Lange glaubte er, das authentische Leben des Menschen könne nur der Wald hervorbringen. Eines seiner Werke heißt dann eben auch »Walden« und gehört noch heute zu den klassischen Werken der amerikanischen Literatur. Aber eines Tages stieg er naturbeseelt den Mount Ktaadn hoch. Dort traf er auf Kargheit und Ödnis und kam körperlich an seine Grenzen. Er merkte, dass er als Mensch in der Natur fremd ist, auf sich alleine gestellt. Von wundersamer Einheit zwischen Mensch und Natur keine Spur mehr. Ihm wurde klar, dass er eben kein Stück stinknormaler Natur in der Natur ist, sondern von ihr isoliert. Der Soziologe Helmuth Plessner sprach später von der »natürlichen Künstlichkeit« des Menschen, die ein »anthropologisches Gesetz« sei. Ebenso wie die »vermittelte Unmittelbarkeit«, die wohl die Abstraktion des menschlichen Daseins am besten beschreibt. Der Existenzialismus orientierte sich in etwa in dieselbe Richtung und verlieh dem Menschen einen besonderen Status als Wesen, das sein könne, was immer es sein wolle. Die Natur gibt dem Menschen keinen festen Platz vor.

Warum ich jetzt abschweife? Weil ich damit ausdrücken will, wie reaktionär und gestrig Jebsen sich gibt. Wir waren als Menschheit ja schon mal weiter. Jebsen sagt, dass wir abstrakt lebten. Ja, das stimmt. Aber das tun wir nicht, weil die Welt heute so kompliziert ist, sondern weil dieser abstrakte Zustand immer schon menschlich war. Und genau deswegen ist der Wald kein geeignetes Beispiel für eine menschliche Gesellschaft. Der Mensch hat eigene Spielregeln, vereinfacht gesagt, weil er sich selbst im Spiegel erkennen kann. Aber er legt davon unbeeindruckt einfach los. Dies »Männlein steht im Walde«, hat aber leider verpasst, »ganz still und stumm« zu sein.

Der Soziologe Peter Ullrich sagte neulich in einem Interview, dass es vielen Leuten, die zur Montagsdemo laufen, mehr so um den »Ausdruck eines massiven Unbehagens« gehe. Und ich nehme an, Jebsen fühlt sich auch selbst unbehaglich. Daher schweift er so ab, geht in den Wald, wo es doch notwendig wäre, in medias res zu gehen. Daher seine Demokratieverdrossenheit, die er mit wäldlicher Idylle wegwischt, als habe das Führerprinzip mehr für die Menschheit geleistet, als es das Prinzip politischer Partizipation jemals könnte.

Ich kann gut nachvollziehen, dass Unbehagen über unser aller Köpfe schwebt. Selbst geht es mir oft ganz genauso und ich kann dann manchmal nicht mal genau sagen, warum ich so besorgt bin. Das System? Klar. Das auch. Aber was genau am System? Und will ich einen Systemwechsel mit Typen, die die Demokratie für überbewertet halten?

Für mich ist dieses Phänomen des Zeitgeists kaum zu fassen. Ja, ich glaube, ich stehe im Wald. Wie können gerade Menschen, die sich jahrelang als links erachteten und für »Die Linke« eintraten, einem solchen Sozialdarwinismus erliegen? Klar, die Friedensbewegung ist nicht Jebsen und andersherum. Aber es gibt ja ausdrücklich viele Leute, die nur dorthin marschieren, weil sie wissen, wer dort seiert. Wie kann man sich intellektuell nur so gehenlassen?


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