AfD, FAZ, LMAA

Montag, 26. September 2016

Kinderarmut gibt es in diesem Lande nicht. Behauptete unlängst einer dieser Kommentatoren der »Frankfurter Allgemeinen«. Die Studie von Bertelsmann sei ein Ausdruck gewollter Fehlinterpretation, argumentierte er. Die Auslegung der Studie sei ein »sozialpolitischer Interessensbegriff«. Denn erhöht haben sich die Zahlen nur unmerklich. Als sei die Kontinuität der Kinderarmut keine Kinderarmut mehr. Der Mann lässt sich allerlei Ausreden einfallen, es ist nicht mal immer besonders schlüssig, was er da absondert. Aber er ist nicht geizig, natürlich sollte man die armen Kinder unterstützen: Indem man in Schul- und Bildungspolitik investiert. Bloß kein Geld an die armen Eltern armer Kinder. Das wäre ja Umverteilung und das kann man bei der FAZ auf keinen Fall wollen.

Wie auch immer, ein Kommentar wie wir ihn in dieser Tageszeitung seit Jahr und Tag finden. Einer, der zwischen den Zeilen sagt: Leute, jede Studie, die uns unser Land madig macht, ist nur ein Produkt des linken Zeitgeistes, linksgrüne Ideologie und sozialistische Agenda.

Die Leser kleisterten unter den Kommentar auch gleich noch ihren Senf. Und nicht wenige sprachen deutlicher aus, was der Kommentator nicht ganz so offen formulieren wollte. Man liest von »politischen Vorfeldorganisationen, die schein-wissenschaftliche Erkenntnisse zur Förderung der linksgrünen Agenda« verbreiteten. Gemeint ist damit die Bertelsmann-Stiftung. Man möchte sich an den Kopf fassen, ausgerechnet Bertelsmann als linken Spin-Doctor zu bewerten. Das können bloß Leute, die überzeugt sind, dass der Sozialismus nicht nur angeklopft hat, sondern dass sie schon mittendrin in einem leben. Die Konservativen sehen nun seit Jahrzehnten zu, wie der Sozialstaat geschliffen wird, wie sozio-ökonomische Partizipation verschwindet und erzählen synchron und widersprüchlich zu dieser Entwicklung, dass wir im linken Zeitgeist lebten. Die Rechten schnappen das auf und delirieren sich dabei eine Realität zusammen, die überhaupt keinen Sinn ergibt. Denn obgleich sie mit der sozialen Frage auf Stimmenfang gehen, so tun, als ob es ihnen um mehr soziale Gerechtigkeit gehe, verwünschen sie »diese linken Beglückungsprogramme«, die endlich aufhören müssten. Gemeint sind damit unter anderem eben auch Transferleistungen und andere soziale Errungenschaften.

Wieso zum Henker stellt in diesem Land eigentlich keiner mal fest, dass dieser rechte New Wave, den wir momentan erleben, zu großen Stücken ein Produkt aus konservativen Schreibstuben ist? Und wieso ist eigentlich noch keinem aufgefallen, dass ein guter Teil der Leitlinie der »Frankfurter Allgemeinen« gewissermaßen auch die Grundlage der AfD ist?

Das was Petry, Gauland oder Höcke von der linken Republik phantasieren, das haben wir doch vorher über Jahre hinweg in Kommentaren bei den Frankfurtern gelesen. Der oben genannte Artikel ist doch nur ein Beispiel von hunderten Texten, die in einem unsäglich langem Zeitraum die Debattenkultur im Lande mitbestimmte. Ständig wehrte sich einer der Kommentatoren darin gegen die Zwänge linker Beglückungsversuche und gegen eine Epoche, in der linksgrünes Gedankengut stets versucht sei, die Menschen zu manipulieren. Armut gab es für diese Schreiber nur unter Linken. Das Thema Ungerechtigkeit ohnehin; »Neiddebatte« verunglimpfte man dieses Sujet. Dass man die Überwachung der Menschen durch Geheimdienste beanstandete, das kam nur, weil es eine linke Weltsicht gäbe, die die Menschen bearbeite und indoktriniere. Final war sogar noch die konservative Kanzlerin linksgewaschen, weil sie angeblich klassische sozialdemokratische Politik betreibe. Stets tat man so, als sei das Konservative, also das klassische Rechte, auf dem Rückzug, müsse sich verteidigen gegen die Angriffe einer Anschauung, die nicht gesund sein konnte für Land und Menschen und ganz speziell für die Wirtschaft.

Natürlich kam dieses Programm einer angeblichen linken Deutungshoheit in allen gesellschaftlichen Nischen nicht nur aus Frankfurt. Die Bildzeitung betrieb das identisch. Aber ich möchte an dieser Stelle um Niveau bitten, weswegen wir von dem eben genannten Blatt nicht mehr sprechen. Die FAZ nimmt ja auch von sich in Anspruch besonders qualitativ hochwertigen Journalismus anzubieten. Selten klafften Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander. Wenn man jetzt sieht, wohin diese Mär führte, nämlich zur Installation einer Partei, die sich aus Leuten zusammensetzt, die dieses Märchen so lange immer und immer wieder gelesen haben, bis sie es glaubten und eine Partei gründeten, dann muss man sagen, da hat die FAZ die Partei bekommen, die sie sich mehr oder weniger immer gewünscht hat.

Zwar beziehen die Frankfurter immer wieder Stellung gegen die AfD, indem sie zum Beispiel versuchte, die Demonstranten gegen TTIP und CETA in die Ecke der rechten Partei zu stellen, nach dem Motto: Wisst ihr überhaupt, in welcher Gesellschaft ihr euch befindet? Aber das braucht nicht ablenken. Die FAZ ist der AfD näher als ihr jetzt lieb ist. Und wie sie da linke Freihandelskritik mit rechtem Isolationismus zusammenlegt, das erinnert an die querfrontlerische Richtungsfreiheit, die man unter AfD-Anhängern derzeit so oft hört, wenn die sagen, dass links und rechts eh Unsinn sei, der nicht mehr gilt. Das passt einfach zusammen. AfD, FAZ, LMAA. Und das alles sicher nicht mit freundlichen Grüßen.

5 Kommentare:

Mordred 26. September 2016 um 15:08  

top artikel.
diese umdeutung durch den mainstream treibt wirklich völlig irrwitzige blüten. merkel, cdu und spd gelten als links. und weil merkel ja so ne tolle ist, ist dieses links auch für fast alle wähler en vogue aka alternativlos.
die linken und (!) die grünen gelten schon geradezu als extrem links.

maguscarolus 27. September 2016 um 20:24  

Es geht bei FAZ&Co um mehr als nur die Verächtlichmachung linker Standpunkte. M.E. Geht es diesen "Journalisten", die ganz nebenbei auch das Handwerk der Kriegshetzerei betreiben, schlichtweg um eine Abschaffung jeglicher Debattenkultur, um die Abschaffung des verständigen Individuums, das sich mit den Tagesereignissen rational auseinanderzusetzen weiß. Viel lieber hat man da ein Bündel von Emotionen, die sich propagandistisch auf jede Richtung bürsten lassen. Das ist schändlich und es ist eine Vorbereitung kommender Katastrophen.

Klemperer 28. September 2016 um 10:53  

Sehr guter Artikel, dankeschön! Ein paar Ergänzungen über die FAZ hinaus.
Es gibt in der FAZ - wie Sie ja im sehr guten Artikel sagen - viele, die gegen die nationale, ekelhafte Ideologie der AfD sind. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der Partei gefällt aber vielen - wie etwa Heike Göbel. Lest nochmal diesen Artikel: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/deutschland-muss-die-alternativen-mit-der-afd-pruefen-14205386.html

Alles, was zu noch mehr sozialer Ungleichheit führt, freut viele in der Wirtschaftsredaktion der FAZ, auch wenn es von einer Partei rechts der CSU kommt.
Die FAZ unterscheidet sich leider nur wenig von dem, was so viele sagen. Beispiele: comedian Dieter Nuhr (hört euch mal seine Absurditäten zur Klimaerwärmung an). Manche in der grünen Partei und in der SPD. Leider gar nicht so wenige JournalistInnen der Süddeutschen, der Zeit und bis vor kurzem (scheint mir) in der taz. Spiegel, Focus, usw. Schäuble, Merkel, Nahles, da sind so viele, und dennoch faseln erstaunlich viele Menschen oft tatsächlich vom "linken Zeitgeist". Reden wir gar nicht von Professor Bolz oder Thilo Sarrazin... Und sind Tagesschau und heute so weit entfernt von dem, was die Wirtschaftsredaktion der FAZ schreibt?

Ulrike Herrmann von der taz ist da fast schon eine Ausnahme. Ich erinnere mich noch, wie in der taz Arme als "Feinripphemden" mit "Bierbauch" bezeichnet wurden. Oooh, das war cool. Könnte sein, daß die ja auch lange unsägliche taz, seitdem sie dank ihrer extrem einseitigen Ukraine-Berichterstattung im Stil von Fücks, Harms, Beck und Werner Schulz, Göring-Eckardt usw. 20% der LeserInnen verlor, nun wieder etwas mehr links blinkt. Eine gute Zeitung ist sie aber noch lange nicht wieder, und es ist kein Zufall, daß viele ex-taz-ler zur Welt oder zur FAZ wechselten.

Michel 29. September 2016 um 11:20  

Nach dem 2. WK hat es die bitterarme (Ex-)DDR geschafft, jedem Kind kostenlos in allen Schulformen ein gut belegtes, halbes Brötchen zum Frühstück anzubieten und einen guten Teller Eintopf zum Mittagessen. Brötchen mit Leberwurst, Eintopf mit Mettwurst.

In der Ex-DDR wusste man, dass Kinder die Zukunft eines Landes sind. Entsprechend hat man dafür auch Geld ausgegeben.

Heute sind wir davon meilenweit entfernt. Betrachtet man die Flüchtlingswellen, die ja offensichtlich in ihren Heimatländern ermutigt wurden, nach Deutschland zu kommen, dann wird einem wohl klar, dass in Deutschland versucht wird, eine große Schicht von Arbeitern wie unter frühkapitalistischen Zuständen zu erschaffen, natürlich in Sklaven-ähnlichen Verhältnissen: geringste Löhne, billigste Unterkünfte, keine Aufstiegschancen.

Umdenker 30. September 2016 um 14:37  

Der FAZ Artikel verzerrt zwar einige Fakten und Statistiken und der Autor verschweigt oder verleugnet ein paar Aspekte um seine Argumente besser dastehen zu lassen, aber dennoch würde ich mir eine etwas differenzierte Kritik erwarten. Der erste Absatz ist z.B. gleich mal Schwachsinn ("langer wirtschaftlicher Aufschwung, niedriege AL Qoute, ..."). Kein Wort zu den ganzen "wie und welche AL werden erfasst" Änderungen in den letzten 20-30 Jahren. Kein Wort dazu, dass der Aufschwung minimalst ist und wir immer noch hinter der Leistung der 90er Jahre hinken. Mal ganz davon abgesehen, selbst wenn der Kuchen grösser wäre, so hat sich definitiv die Verteilung verschlechtert. Dennoch führt mich das auch gleich zum ersten Kritikpunkt an dem Artikel hier.

"Bloß kein Geld an die armen Eltern armer Kinder. Das wäre ja Umverteilung und das kann man bei der FAZ auf keinen Fall wollen." Das sollte nicht nur die FAZ nicht wollen, das sollten sie genauso wenig wollen. Umverteilung bedeutet immer eine Abhängigkeit und ist quasi wie "Almosen". Ich weiss der Vergleich hinkt (Almosen sind freiwilllig, Sozialleistungen sind gesellschaftlich/gesetzlich geregelt), deshalb auch die Anführungszeichen. Der grosse Unterschied zw. Sozialleistungen und Erwerbslohn ist aber Fremd- oder Eigenbestimmung und somit Abhängigkeit oder Freiheit zum gewissen Grad. Es sollte also definitiv eher das Ziel sein soviele Menschen wie möglich (bei physischer und psychischer Voraussetzung) in das System der Arbeitsteilung zu integrieren und diese fair zu entlohnen. Sei es aus Gründen der Selbstverwirklichung, der Motivation, Partizipation, usw.

Den Abschnitt "Sozialpolitischer Interessenkampf" von Hr. Creutzburg finde ich auch nicht so falsch. Leider driftet er dann in eigenartige Argumentationen, die doch wieder den neoliberalen Zeitgeist durchscheinen lassen. Im Abschnitt "Lohnhöhe nicht an die Kinderzahl gekoppelt" vergisst er z.B. zu erwähnen, dass man Steuervergünstigungen erhält, Kinderfreibetrag, Kindergeld, Elternzeit, usw. Das könnte eigentlich alles noch viel familien- und kinderfreundlicher sein, aber das würde jetzt hier ausarten. Sein Schlusssatz in dem Abschnitt "wird dies viel eher gelingen als dauerarbeitslosen Eltern, deren Erziehungsaufgabe zu wachsenden Teilen der Sozialstaat übernimmt." zeigt dann endgültig wessen Geistes Kind er ist.

Andererseits finde ich dann wieder seine Aussage weiter unten "zum einen eine gute Schul- und Bildungspolitik und zum anderen darauf, dass möglichst viele Eltern in die Lage kommen, aus eigener Kraft für einen ausreichenden Lebensunterhalt zu sorgen." absolut richtig. Nur das die aktuelle Politik eigentlich eher das Gegenteil als Ziel hat. Da wird eher auf Kosten weniger die Mehrheit gegeneinander ausgespielt um für immer kleinere Brotkrummen zu arbeiten. Wenn er diese Entwicklung nicht als Absicht, sondern angeblichem globalem Wettbewerb oder was auch immer sieht, dann hat der Mann scheinbar noch ziemlich viele Bretter vorm Kopf. Ist aber nur eine Vermutung meinerseits, da er sich nicht explizit dazu äussert.

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