Die Unmöglichkeit reinen Lebens

Freitag, 17. Mai 2013

oder Wer atmen will, macht sich schuldig.

"Muss der Handelnde schuldig werden, immer und immer? Oder, wenn er nicht schuldig werden will, untergehen?", fragt Monika Maron in Stille Zeile Sechs und bezieht sich auf Ernst Toller, den politischen Schriftsteller und einer der führenden Köpfe der Münchner Räterepublik, dessen leitmotivische Frage dies gewesen sei. Tollers Thema war für viele Jahre die Diskrepanz zwischen dem was sein soll und dem was wird, zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Ideal und dem Zwang, im irdischen Sachzwang zu leben. In einen Brief an Stefan Zweig schreibt Toller, dass "das Absolut-Gute, das Paradies auf Erden" kein Gesellschaftssystem schaffen wird, "... es handelt sich einzig darum, für das relativ beste, das der Mensch finden und verwirklichen kann, zu kämpfen".

Wer nicht untergehen will, der macht sich schuldig. Philosophisch gesehen ist Existenz auch immer Schuldkomplex. Wir Lebenden sind beständige Schuldner an anderen. Dass Überleben dort, wo andere nicht überlebten, Schuldfragen aufwirft, wissen wir spätestens seit Auschwitz. Doch nicht erst Überleben führt dort hin, schon das Dasein ohne unmittelbarer Gefährdung schafft Schuld. Das ist Teil menschlicher Konditionierung, das ist ontologische Prämisse. Und das systemübergreifend. In einem System wie diesem aber, in dem man zwar alles über Arbeit definiert, in dem aber Arbeitskraft wenig wert ist, weil sie möglichst billig zu haben sein soll, gibt es keine Nischen mehr, in der man sich Schuldfreiheit auch nur einbilden könnte. Die Existenz darin bedeutet immer und überall schwerste Schuld. Ausflüchte gibt es kaum. Und gerade die politische Linke, die die systematische Schuldfrage stellt, kommt hier ins Straucheln, weil deren Protagonisten ja auch existieren wollen und sich damit selbst schuldig machen müssen.

Das fängt bei Amazon an, geht über den Fleischkauf im Supermarkt oder Discounter, bis hin zur Inanspruchnahme unterbezahlter Minijobber, die uns im Lokal, als Boten an der Haustüre oder am Krankenbett begegnen. Wir schlucken Medizin, die in der Dritten Welt erprobt werden und die dort kaum vertrieben wird. Unsere Existenz ist Schuld. Sie ist es in diesem System bedeutungsvoll - und sie wäre in jedem anderem auch vorhanden, vielleicht nur anders gewichtet, etwas weniger ausgeprägt oder geschickter getarnt.

Besonders intelligente Zeitgenossen empfehlen hier strategische Konsumentscheidungen. Wer so beratschlägt hat entweder Geld oder Scheuklappen angelegt. Gezielte Entscheidungen beim Konsum setzt voraus, dass man sich jeden Preis leisten kann. Mal ganz abgesehen davon, dass selbst der gezielte Kauf nicht vor Schuld schützt. Wer sagt denn, dass das teurere Produkt nicht auch von Leiharbeitern oder Näherinnen in Bangladesch gefertigt wurde? Und diejenigen, die die Askese als Mittel der Entschuldung anführen, sind nicht viel besser. Wenn das der Fortschritt der Menschheit sein soll, aus Gründen der Moral nicht mehr die technologischen Errungenschaften zu benutzen, wieder zurück auf die Krume geworfen zu werden - na dann vielen Dank auch und MfG von Polpot. Armut als Ausweg? Natürlich sagen die, dass Armut der eigentliche Reichtum sei. Hier gleichen sie der neoliberalen Seelsorgerindustrie, die Armut und Arbeitslosigkeit ja immer auch als Chancen verkaufen. Ideologisch gefärbte Menschen gleichen sich manchmal frappierend.

Diese "Ohnmacht des Geistes" gegenüber der "Übermacht des Faktischen" (Toller) ist freilich kein Freifahrtschein, wie ihn die moderne Sozialdemokratie, das Konzept des New Labour, für sich in Anspruch nimmt. Hartz IV ist nicht der beste aller möglichen Sozialstaaten. Tollers Motiv vom Scheitern des Handelnden beinhaltet nicht, dass man das Scheitern daher schon vorher programmatisch betreibt. Er glaubte an das Scheitern einer Revolution, die etwas Gutes bezwecken will, zwangsläufig aber auch das Schlechte hervorkehrt. An Toller selbst ist diese Zerrissenheit exemplarisch geworden. Er, der Pazifist, wurde in der Räterepublik Bayerns zum Kommandanten der Roten Armee bestimmt. Diese fehlende Vermittlung zwischen Ideal und Wirklichkeit war bei ihm mit Resignation erfüllt. Wenn er fragt, wie sich ein "Revolutionär mit seinem Anspruch auf Sittlichkeit gegen die Revolution mit ihrer Eigengesetzlichkeit der Gewalt" behaupten kann, dann meint er das ernüchtert, dann wirkt das ratlos, als hätte er resigniert. Die marktradikalen Konzepte von New Labour, der neuen institutionellen "Linken" sind aber nicht Ausgeburten eines resignativen Charakters, sondern das Blendwerk von Zynikern.

Die Mittäterschaft ist in diesem System immanent. Es macht einen aufrechten Gang unmöglich und Sprüche wie Wie kannst du nur Wiesenhofgeflügel kaufen? oder Wie kann man sich nur von GLS was liefern lassen? werden zur gesinnungsterroristischen Haltung, die zudem nicht erklärt, wie man es sonst anstellen soll in diesem systematischen Konzept der Alternativlosigkeit. Diese Erkenntnis ist für Linke bitter, weil sie für sie existenzielle Fragen aufwirft. Der lagerlose Hedonist, aber auch der Konservative, der an die Ungleichheit der Teilnehmer auf dem Markt glaubt, den streift die Frage des Scheiterns des Handelnden und damit der Schuld, die er fabriziert, gar nicht, weil sein politisches Weltbild, seine gesellschaftliche Vorstellung das Scheitern nicht nur in sich trägt, sondern es sogar zum Ideal verklärt. Für die politische Linke ist die ungleiche Bezahlung (normalerweise) zweier Arbeiter unerträglich - für die politische Rechte und die Mitte, die irgendwo rechts steht, ist das kein gescheiterter Versuch arbeitsteiliger Organisation, sondern Ausdruck von Individualität und irgendwo auch gerechtfertigt, weil Ungleichheit etwas sei, was entweder Gott oder aber die Natur gegeben habe.

Als Linker ist die Wahl recht begrenzt. Man stößt stets an die Grenzen, die das System eng angegelegt hat. Optionen sind auch eine Frage des Geldes. Welche Wahl hat man, wenn man Dreifuffzig in der Tasche hat? Zwangsläufig landet man bei Netto oder Lidl, trägt zur Ausbeutung der Angestellten in der Discounter-Branche bei. Was tun, wenn man in einer Welt des Geldes leben muss und Geld benötigt?

"Not tun uns heute nicht die Menschen, die blind sind im großen Gefühl, not tun uns, die wollen - obwohl sie wissen", schrieb Toller. Nicht verzagen, meinte er damit. Trotzdem verändern wollen, obgleich man wissen sollte, dass das Scheitern möglich und vielleicht sogar zwangsläufig ist. Maron schreibt in einem kurzen Aufsatz zu Toller, dass der "gewandelte gütige Mensch als Voraussetzung einer Revolution" unerfüllbar sei. Mit der Güte ist das so eine Sache. Man schränkt oft aus reiner Güte ein. "Ich liebe - ich liebe doch alle - alle Menschen", hat Mielke sichtlich betroffen von sich gegeben. Spötter lachten darüber und fanden das verlogen und natürlich paradox. Aber so verlogen war das womöglich gar nicht. Und im Tollerschen Sinne war es auch nicht paradox. Die Menschen, die die DDR aufbauten, wollten ihre Ideale verteidigen und richteten sich ein Ministerium für Staatssicherheit ein, die StaSi. Nicht zur Gängelung, sondern zum Erhalt sozialistischer Ideale. Aber diese aus Gründen des Schutzes humaner Werte eingerichtete Institution verselbständigte sich schnell. Wahrscheinlich ist das auch das Prinzip des Stalinismus gewesen - vereinfacht gesagt. Maron beschreibt in Stille Zeile Sechs einen alten DDR-Funktionär, der sich wie Mielke rechtfertigt. Aus Liebe zu den Menschen hat er Menschen inhaftieren oder mit Berufsverbot belegen lassen. Wie gesagt: Das ist aus Sicht der Tollerschen Erkenntnis nicht mal ein Widerspruch.

Für die politische Linke von heute heißt das auch, dass wir wie Toller nicht verzagen dürfen, auch wenn uns das Scheitern und auch die Schuld begleiten wird. Eine Welt nach der globalen Marktwirtschaft, in dem andere Ideale als das Pekuniäre alleine gelten, mag auch ihre Ungerechtigkeiten aufweisen. Und an denjenigen, die an dieser Ungerechtigkeit leiden werden, machen wir uns dann schuldig. Das darf aber kein entschuldigender Fatalismus sein. Der "Anspruch auf Sittlichkeit" wird bleiben, die "Übermacht des Faktischen" zwingt uns zu Boden. Ob das Leben hienieden je anders sein wird? Die Linke sollte sich das verinnerlichen - und die Unkenrufe vieler Linker, die meinen, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen oder die im Zuge ihrer "moralischen Besserstellung" selbstgerecht urteilen und verdammen, sollten immer auch an Toller denken.


19 Kommentare:

Hartmut B. 17. Mai 2013 um 07:47  

wow Roberto... eines der besten Artikel, die ich von Dir gelesen habe.. der hat mich fast "umgehauen"
;-)

Tja, das ist und bleibt die große philosophische Frage schlechthin: wer nicht untergehen will macht sich schuldig.... genau das glaube ich nicht.
Nach auszugweisem Lesen des Buches, Schulden, von David Graeber, bekam ich eine ganz andere Einstellung hinsichtlich jeglicher Schuldfrage.

Dennoch , Dein Artikel wird mich noch eine ganze weile beschäftigen... und ich denke, nicht nur mich... ;-)

Anonym 17. Mai 2013 um 07:59  

Vortrefflicher Kommentar.

Übrigens, dass der menschenverachtende Neoliberalismus nicht einmal beim Andenken an Verstorbene Rücksicht nimmt, dass konnte man gestern bei einem Beitrag des Polit-Magazins "Kontraste", der Journalistin Iris Marx, sehen.

Überschrift des dortigen Beitrages über den Tod einer Rentnerin - nach Zwangsräumung

"[...]Zwangsräumungen: Falsches Spiel mit dem Tod einer Rentnerin[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_16_05/zwangsraeumungen_.html

Man gebe mal in eine x-beliebige Suchmaschine den Namen der "Journalistin" Iris Marx ein - Die Frau hat schon wo anders gegen HartzIV-Betroffene gehetzt, und auch immer wieder bei "Kontraste", wo sie diesmal nicht einmal vor einer Toten halt macht, um deren Ruf zu zerstören.

Gruß
Bernie

PS: Man mag zum Fall stehen wie man will, aber hier wurde eine Grenze überschritten....jeder "Hartzie" muß eben auch nach seinem Tod, egal wie, rechnen, dass sein Andenken beschmutzt wird - von Neoliberalen. Einfach nur widerlich.

Kolja 17. Mai 2013 um 09:08  

In vielen Punkten stimme ich zu - in anderen aber nicht. Vor allem finde ich die Bemerkung "MfG von Polpot" mit der offenbar solche Bewegungen wie Urban Gardening und Transition Town abgekanzelt werden sollen, viel zu billig. Das wird diesen Bewegungen auch nicht annähernd gerecht. Es geht darin gar nicht um "Askese", sondern um die Suche nach einem guten Leben, das aber anders definiert wird als in unserer Konsumgesellschaft. Es kann auch keine Rede davon sein, "technologische Errungenschaften" prinzipiell abzulehnen - vielmehr wird nur die Verschwendung fossiler Energien abgelehnt, aber zu diesem Zweck können durchaus auch neue, kluge Technologien eingesetzt werden. Falsch ist auch, moralische Beweggründe als die alleinigen Antriebskräfte dieser Bewegungen zu verstehen. Es geht vor allem darum, den Klimawandel aufzuhalten (falls dies überhaupt noch möglich ist), der für die Menschen auf unserem Planeten katastrophale Auswirkungen haben wird. Das ist eine Forderung der Vernunft, moralische Fragen spielen dabei nur am Rande mit.

altautonomer 17. Mai 2013 um 09:17  

Burn-nie: Hab kontraste auch gestern abend zufällig gesehen und mch gefragt, was für ein reaktionäres Magazin das denn ist.

"Die Mittäterschaft ist in diesem System immanent. Es macht einen aufrechten Gang unmöglich und Sprüche wie Wie kannst du nur Wiesenhofgeflügel kaufen? oder Wie kann man sich nur von GLS was liefern lassen? werden zur gesinnungsterroristischen Haltung,"

diese Passage ist die Kernaussage, die einige, sich links dünkende Puristen und notorische Kritiker noch nicht begriffen haben.

Anonym 17. Mai 2013 um 09:54  

ANMERKER MEINT:

Auch ich glaube, dass man sich nicht nichtschuldig machen kann. Schon gar nicht, wenn man Auftritt wie ein Messias, wie das viele politisch links stehende tun. Aber ich denke, dass es zur möglichen Verringerung von Schuld sowohl im Zuge einer Revolution als auch danach, wenn das Erfolgte gefestigt werden soll, von vornherein sozusagen eingebaute Mechanismen geben sollte, die der Schuldverringerung dienen könnten. Z.B. Ombudsmenschen, an die sich jede/r wenden kann und deren Tun unterstützt werden muss oder das Recht auf Veröffentlichung von Minderheitsmeinungen oder die generelle Dezentralisierung von Macht oder die erwünschte und geförderte Basisorganisation der Menschen. Es gäbe sicher noch mehr Möglichkeiten, dafür zu sorgen, dass Demokratie und Menschenrechte nicht flöten gehen müssten. Aber es bleibt dabei, die derzeitige ökonomische Basis, der Kapitalismus also, muss überwunden werden.

MEINT ANMERKER

nightowl 17. Mai 2013 um 10:52  

Ich bin unschlüssig: soll hier nun alles an allem relativiert werden? Ein großer Topf Suppe, in den man alles hineinwirft und umrührt - der Eintopf heisst: "Schuldig sind wir ALLE"?

So funktioniert seit Ewigkeiten der Trick, der konkrete Verantwortlichkeit wie durch Zauberhand entfernt, sodann durch den theologisch-moralischen Schuldbegriff ersetzt und- schwups - hat jeder Dreck am Stecken.
Schuld ist so beliebt wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel, bietet aber gegenüber der Verantwortung den Vorteil, darüber verquält zu sein zu dürfen ohne Konsequenzen ziehen zu müssen.

Ach, wer wollte da nicht gleich zum Flagellanten werden? *tiefseufz* :))

Fällt mir dazu ein (weshalb nur?):
Mephistopheles:
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist, leider! nie die Frage.

Anonym 17. Mai 2013 um 11:28  

"Fair Trade" - Der kapitalistische Weltmarkt als Herausforderung an die Moral der Konsumenten

http://doku.argudiss.de/?Kategorie=all#450

Anonym 17. Mai 2013 um 13:01  

"Dass Überleben dort, wo andere nicht überlebten, Schuldfragen aufwirft, wissen wir spätestens seit Auschwitz"

ach ja? ist auschwitz jetzt das beispiel par excellence für einen schuldkomplex der überlebenden insassen gegenüber den getöteten?

oder wer sind die überlebenden auf die sich dieses beispiel bezieht? das tätervolk, das am "reinen leben" vorbeigerutscht ist bei der sicherung der lebensgrundlagen der eigenen rasse?

erläutern sie das doch bitte mal.

Anonym 17. Mai 2013 um 13:02  

@Altautonomer

"Kontraste" war nicht immer so reaktionär, deswegen hab ich da mal reingeschaut.

Die Moderation hat gewechselt, und wie man gestern Abend sehen durfte nicht zum Guten.

Tja, wieder einmal hat ein einst kritisches Magazin die Fahne gestrichen....

Gruß
Bernie

Roberto De Lapuente 17. Mai 2013 um 14:35  

1.) Mit urban gardening wird man keine Millionengesellschaften stemmen können.
2.) Die Literatur von Shoa-Überlebenden spricht immer wieder vom Schuldkomplex der Überlebenden gegenüber denen, die nicht überlebt haben.

L´Andratté 17. Mai 2013 um 15:00  

Danke, ein sehr interessanter Artikel, er spricht Teile der Wirklichkeit an, die sehr unbequem sind und daher zumeist im Verborgenen wuchern...

Die Grundfrage ist ja nicht neu (z.B. Jainismus, "Erbsünde", der edle Wilde, der sich angeblich bei seinem Jagdopfer entschuldigt, etc.), interessant ist jedoch auch, inwiefern in "unserer" kapitalistischen Weltordnung dieses Prinzip der Komplizenschaft zur tragenden Säule wird.

Nur langsam setzt sich die "Einsicht" (die zugegebene) durch, daß es ganz gleich ist, wo auf der Welt man Arbeitssklaven ausbeutet und daß niemand nirgendwo verhungern müßte, wenn dies nicht MEHRHEITLICH VON UNS billigend in Kauf genommen würde...
(Es ist logistisch ja auch kein Problem ein Scheiss-smartphone auf dem ganzen Erdball zum gleichen Moment herauszubringen)

Es ist mir, ehrlich, ziemlich schleierhaft, irgendwie fällt es dem Menschen offenbar sehr schwer,
seine geistigen Erkenntnisse mit seinem übermächtigen animalischem Opportunismus in Einklang zu bringen.

Das wird vllt. unser Ende sein, wir sehen es und können doch nicht aus unserer Haut, wie ein Junkie!

Jedenfalls hast du mein Spatzenhirn ganz schön auf Touren gebracht...

Hartmut B. 17. Mai 2013 um 15:08  

In den 90ern hatte ich mal eine interessante Begegnung mit einem damals sehr bekannten Jesuiten.

Als wir auf die Schuldfrage zu sprechen kamen antworterte er knapp und präzise: "Wir schulden allen alles"

altautonomer 17. Mai 2013 um 17:56  

Als mir die Lektüre von Gary Smith (Hrsg.)"Hannah Arendt revisted" in die Finger fiel, erfuhr ich zum ersten Mal von den Judenräten in der Zeit des Holocaust, die H. Arendt im Eichmann-Prozess als Mittäter bezeichnete.

Tatsächlich kollaborierte dieses jüdische Establishment mit den Mördern in der Hoffnung, Einfluss nehmen zu können und Schlimmeres zu verhüten. Ist es aber so unmöglich nachzuvollziehen, daß die Judenräte der Ghettos von Lodz, Wilna und Bialystokversucht hatten, bei der Organisation des Gemeindelebens den Anschein von Normalität und Alltäglichkeit zu wahren und irgendwie an der Hoffnung festhielten, die Dinge beeinflussen und vielleicht sogar das Schlimmste abwenden zu können? Wenn es "töricht und grausam" war, von den Juden zu verlangen, sie hätten unter solchen Bedingungen Widerstand leisten müssen, kann man dann noch von Mitschuld sprechen? Und waren egoistische Beweggründe in dieser Zeit mit dem sicheren Tod vor Augen verabscheuungswürdig? Aus der zeitlichen Distanz schwer zu beantwortende Fragen.

"Wer nicht untergehen will, der macht sich schuldig." Und muss damit leben.

Schorschel 18. Mai 2013 um 09:29  

Die Frage der Schuld im Leben sollte man realistisch beantworten: Z.B. habe ich denn für mich überhaupt Alternativen? Kann ich mir das leisten (Stichwort Aldi, Lidl und co.)? Was ist für mich Schuld?

Und gerade an diesem Punkt (Was ist für mich Schuld) werden sich sicher schon die Geister scheiden...

Auch sollte die Frage gestellt werden, wie die Schuld des Individuums, die sich aus Entscheidungen mächtiger Entscheider in der Gesellschaft ergibt, zu bewerten ist. Wenn z.B. entschieden wurde, dass ein Krieg geführt wird, oder dass man keine Gesetze zur Regulierung braucht und sich daraus Schuld für den Einzelnen ergibt, was ist dann mit der Schuld der Entscheidenden? Haben diese nicht größere Schuld als das betroffene Individuum?

Aber gerade an dieser Stelle (Entscheider) findet man oft kein Schuldbewußtsein. Und hier wäre es wichtiger als anderswo...

Ich habe Ernst Tollers Buch "Eine Jugend in Deutschland" gelesen. Sehr empfehlenswert und kostenlos übers Kindle (ja vom Ausbeuter Amazon...) zu beziehen.

Toller und die Münchner Republik zerbrechen allerdings nicht an der Schuldfrage oder an Tollers Zweifeln sondern an der Justiz in Bayern (eine Klassenjustiz) und an den anderen Staaten des Deutschen Bundes, die diese Republik gewaltsam niederschlagen. Das wird im Buch auch sehr gut geschildert. Diese bayerische Justiz straft die Linken drakonisch bis hin zum Bauchschuss im Gefängnishof mit dem MG, und ist milde zu den Rechten, die das Gefängnis sogar zu kleinen Ausflügen verlassen dürfen. Der alte Ausspruch: Auf dem rechten Auge blind.

Haben wir hier nicht wieder Parallelen zu heutigen Verfassungsorganen (Fall NSU)?

Anonym 18. Mai 2013 um 15:49  

@Schorschel

"[...]Ich habe Ernst Tollers Buch "Eine Jugend in Deutschland" gelesen. Sehr empfehlenswert und kostenlos übers Kindle (ja vom Ausbeuter Amazon...) zu beziehen[...]"

Was zum Thema hier besser paßt ist das Buch "Schulden: Die ersten 5000Jahre" vom Autoren David Graeber, einem der Initiatioren von Occupy Wall Street.

Gru
Bernie

Anonym 19. Mai 2013 um 18:24  

"Doch nicht erst Überleben führt dort hin, schon das Dasein ohne unmittelbarer Gefährdung schafft Schuld. Das ist Teil menschlicher Konditionierung, das ist ontologische Prämisse."

nein.

wenn man etwas über ontologie sagen kann, dann, dass wir hier mit einem aus völlig unkritischem christentum entstandenen begriff hantieren, dem naturgemäß eine nachvollziehbare prämisse fehlt. bei der 'schuldfrage' geht es immer und ausschließlich um christliche denkstrukturen. ohne schuld keine erlösung.

wie man mit dem problem umgehen soll, den widerspruch von denken und handeln nicht aufgelöst zu kriegen, dafür gibt es verschiedene vorstellungen. eine wäre, das einfach aushalten zu lernen und anderen diesen lernprozess auch zuzugestehen. das heißt natürlich nicht nur den lernprozess, sondern auch die dauer, die folgen und das verweigern eines lernprozesses.

eine andere könnte auch sein, das denken wieder an seinen ihm zugehörigen platz zu verweisen und es als werkzeug eigenen handelns zu benutzen. dafür war unser hirn ursprünglich konzipiert, als schaltstelle lebendigen handelns. introspektion und reflektion sind luxus wie träume, notwendiger aber dem handeln im alltag abträglicher zeitvertreib.

mir fallen sicher noch mehr möglichkeiten ein, doch das führt jetzt zu weit.

Anonym 21. Mai 2013 um 02:09  

"Und der Haifisch der hat Tränen, und die laufen vom Gesicht.

Doch der Haifisch lebt im Wasser, so die Tränen sieht man nicht.

In der Tiefe ist es Einsam und so manche Träne fließt.

Und so kommt es dass das Wasser in den Meeren salzig ist"

flavo 21. Mai 2013 um 10:39  

Eine Reihe von Fragen werden aufgeworfen und in ihrer Spannung gelassen.
Weiter fragen würde ich beim Thema Askese. Zweifellos ist diese Darstellung bekannt, wo der Reiche von Askese sophistisiert und dem Armen auf die Schulter klopft und ihn ermutigt, seine Armut als asketischen Erkenntnispfad zu betrachten. Nun ist er dies allerdings auch, nur muss man daneben auch das Abtrünnige dieser Situation nicht aus den Augen verlieren.
Und ebenso ist der Anteil an jugendlichen Revoltenvisionen oder insgesamt psychogenetischen Faktoren an hippen Praktiken des städtischen Bürgertums wie Gärten anlegen und Blumen sähen groß, was dies alles für eine breite gesellschaftsveränderende Stoßrichtung hinfällig macht. Mehr als eine seichte Belustigung kann es für jemanden nicht sein, der harte Landarbeit kennt und biografisch später die Blumenkinder beim Tomaten züchten im Park sieht, welche begossen werden mit rhetorischen Spektakteln, allenfalls auch in der nachbarschaftlich mit dem Fahrrad erreichbaren Akademie und dessen ernsthafte soziokompositive und -kohäsive Kraft bei der gegenseitigen Belustigung aufhört. Denn wird die Tomate nichts, ist es auch egal. Zweifellos mag zugestanden werden, dass eine solches Hobby einen gewissen Esprit in das Leben bringt, man sich gewissermaßen praktisch als auf der Suche nach dem guten Leben sehen kann. Biografisch später sind die meisten davon von der revoltischen Eskapade zum Directeur de la création mutiert bzw.leben die klassischen Dispositionen ihrer Klasse aus, im Arztkittel oder in Feldern des Anzugs. Der urban garden wurde zum private garden in der Vorstadt. Dies kann man also getrost belassen wo es ist.
Ähnliche Lebenswandel sind leicht vorstellbar: der verwöhnte Bobo, der Überdruss erlebt und die Wohnung schlicht einzurichten sich vornimmt, gar mit einem Buch über Zen mit sich zu Rate geht und mit in der Loft einen Kieselgarten anlegt, um darin rechnend den Überdruss los zu werden hofft.
Askese ist dies alles nicht! Ebenso jene, die in einem zweijährigen psychischen Entwicklungsprozess zur Ansicht gelangt sind, Essensreste aus dem Müll essen zu mnüssen und eine neue Vision der Welt in sich herumzutragen glauben. Wahrlich nichts besonderes und kaum mehr als Hohn gegenüber jenen, die jahrelang schon auf der Straße leben. Denn diese können nicht, wenn der Lustimpuls abflacht und neue Lebensabschnitte anstehen, in der Kanzlei von Vaters Freund gleich einsteigen und vom Essensrest auf frischen Hummer in Trüffelsoße umsteigen.
Das ist alles nicht Askese. Askese kommt um ein bestimmtes freies existentielles Spannungsmoment nicht aus. Dieses gibt es in all diesen Formen nicht. Kein Bobo kommt in seinen Gartenhobbys an einen existentiellen Ernst heran. Es ist spaßig und lustig und darin größtenteils ideologisch. Darüber hinaus kommt sie ebenso nicht ohne ein Moment der Freiheit aus. Als zur Armut Gezwungener, Verlassener und Ausgebeuteter kann man keine Askese machen. Dann ist man arm. Dafür gibt es auch zwei Wörter und die sollte man in ihrer Differenz belassen, auch wenn sie aus der Ferne eine Familienähnlichkeit zu haben scheinen. Und eines sei auch gesagt: Askese geht kaum als Dauerzustand. Sie ist eher Aspiration im Sinne von Befreiung von ..., in einen freien Bezug bringen. Mit der Ablehnung von Technik hat dies eigentlich gar nichts zu tun. Im Gegenteil, sie ist Herausforderung.

Ute Plass 22. Mai 2013 um 14:52  

@Roberto: ".....schon das Dasein ohne unmittelbare Gefährdung schafft Schuld."

Ich interpretiere diese Aussage in dem Sinne, dass es kein unschuldiges Leben in einem Schuld-en System geben kann, da Mensch dadurch permanent in "struktureller Sünde" lebt.
Diese An- und Einsicht heißt ja nun nicht, dass mannfrau die Hände in den Schoß zu legen hat, weil ja eh das ganze Elend nicht zu ver-ändern sei.
Auch wenn z.B. eine urban garden- Bewegung die Welt nicht aus den Angel hebt, so trägt sie doch zur Bewusstseinsbildung mit bei, die das gute Leben für alle meint.
Die Behauptung, dass es “kein richtiges im falschen Leben” gibt, entbindet ja nicht von der Verantwortung für’s tagtägliche Tun.;-)

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